Die Monster sind überall. Beschreiben nicht alle Bücher von Yishai Sarid, so fragt der Moderator gegen Ende dieses Mittwochabends im Literaturhaus, Kämpfe gegen Monster? Monster der Erinnerung, Monster der Gewalt und des Traumas, Monster der technischen Kontrolle über unser Leben?
Sarid, der sonst so bedächtig wie ausführlich antwortende Schriftsteller aus Tel Aviv und derzeitige Amos Oz-Gastprofessor der LMU, ist versucht, hier einmal nur mit „Ja“ zu antworten. Dann setzt er doch noch nach. Alle seine Bücher, von „Limassol“ bis „Schwachstellen“, seien aus einer sehr persönlichen Sicht geschrieben, immer könne er sich mit seinen Charakteren identifizieren. „Literatur ist der einzige Ort, wo du unangenehme Dinge sagen kannst, die nicht politisch korrekt sind, die manchmal hässlich sind.“
Und der ehemalige Offizier im israelischen Nachrichtendienst, der heutige Rechtsanwalt und Schriftsteller scheut in seinen Romanen wirklich nicht davor zurück, unangenehme, ja provozierende Perspektiven einzunehmen. Der Schauspieler Thomas Loibl liest an diesem Abend soghafte Auszüge aus einigen von ihnen, und wer beispielsweise den glänzenden Roman „Monster“ von 2017 über die Abgründe der Erinnerungskultur in Gänze kennt, wird über dessen kluge und gnadenlos bittere Erkenntnisse ebenso erschrocken sein wie der souveräne Moderator, der Historiker Philipp Lenhard. Denn suggeriert Sarid nicht, dass nicht nur einst die Deutschen, sondern jeder überall zum Täter werden kann? Wie passt das in eine Zeit, in der Israelis immer wieder als neue Nazis bezeichnet werden, der Krieg gegen die Hamas als der neue Holocaust?
Yishai Sarid gibt darauf, wie stets in diesen zwei dichten Stunden, eine differenzierte Antwort. Zwar könne man den Krieg in Gaza nicht mit dem Holocaust vergleichen, er sei als Reaktion auf den Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 „absolut legitim als Selbstverteidigung“ gewesen. Doch dass es heute noch weitergehe, dass viele unschuldige Palästinenser und auch israelische Soldaten stürben, „dafür gibt es keine Entschuldigung“. Allerdings Erklärungen, die tief mit der Traumatisierung der israelischen Gesellschaft durch den Holocaust zu tun haben. Das Massaker und die Entführungen, die Hilflosigkeit und Demütigung, all das habe „die sensibelsten Nerven in Israels Psyche getroffen“, eine Reaktion der Stärke provoziert: „Es ist ein schrecklicher Konflikt.“
Zumal, wie Sarid an anderer Stelle ausführt, Israel eine sehr „geschlossene Gesellschaft“ sei, die „viel Druck auf das Individuum“ ausübe. So kritisch viele Israelis der Regierung auch gegenüberstünden, in schwierigen Zeiten hielten fast alle zusammen. Davon würden überhaupt seine Bücher handeln, sagt er: Wie das Individuum sich immer der Gesellschaft anpassen müsse, geprägt und auch unterdrückt werde von ideologischen Systemen, ob Nation, Armee, Religion. „Wie wir mit ihnen leben müssen und große Kompromisse machen, um zu überleben. Niemand ist frei davon.“
Es ist viel harter Stoff, der in die Romane dieses Schriftstellers eingeht. Und er gesteht am Ende: „Von Tragödie zu Tragödie – ich kann nicht mehr.“ Sein nächstes Buch soll ein historisches werden und auf alle Fälle positiver: „Vielleicht gibt es sogar ein Happy End.“ Und da sieht man Yishai Sarid an diesem Abend doch einmal lachen.

