Vor der Olympiahalle drückt ein freundlicher Herr den noch vom Konzert beseelten Besuchern einen hochglänzenden Zettel in die Hand. „Der Fels“ steht vorn drauf, und wer es gerade beim gut zweistündigen Auftritt noch nicht begriffen hat, der liest hinten: dass „Der Fels“ ein Lied vom „großen Musiktalent“ Xavier Naidoo ist und dass der sich auf Jesus bezieht, den „Fels der Ewigkeit“. Der QR-Code führt zum Verein Christliche Schriftenverbreitung, ein bibeltreuer Verlag aus Hückeswagen. Jeder rette sich auf seine Weise, denkt man. Aber dann fragt man sich doch: Wo sind die Anderen? Keine Spielverderber da?
Zeitrolle rückwärts ins Jahr 2019: Als Xavier Naidoo damals in München sang, passte noch ein „Linkes Bündnis gegen Antisemitismus“ die Fans vor der Olympiahalle ab. Die Schar der Demonstranten forderte, das Konzert abzusagen, denn der Mannheimer Musiker provoziere „einen verschwörungstheoretischen und antisemitischen Skandal nach dem anderen“. Die Tour hieß damals „Hin und weg“.
Danach war Naidoo lange weg, jetzt rennen wieder alle hin. Etwa 30 000 zu zwei ausverkauften Konzerten allein in München. Die „Bei meiner Seele“-Tour mit elf Auftritten in acht Städten ist sein von Kollegen wie Moses Pelham, Shirin David, Kontra K und Haftbefehl flankiertes Comeback aus der selbstverschuldeten Verbannung.
Protest gibt es so gut wie keinen. Allein die „Werteinitiative jüdisch-deutsche Positionen“ forderte die Agentur Live Nation auf, die beiden Eröffnungskonzerte in Köln abzusagen. Denn, so mahnte sie in dem offenen Brief: jemanden, der seit Jahren antisemitische Verschwörungspropaganda verbreite, auftreten zu lassen, „verharmlost Judenhass“. Für Veranstalter Marek Lieberberg jedoch steht „zweifelsfrei“ fest, Naidoo habe sich von alten Sünden glaubwürdig distanziert: „Sein eindeutiges öffentliches Bekenntnis und die begründete Entschuldigung belegen die Ernsthaftigkeit seiner Selbstkritik“, sagte Lieberberg der Deutschen Presseagentur.
In München hat man es gar nicht erst versucht. Im Rathaus bemüht man sich längst nicht mehr, problematische Gast-Stars aus dem eigenen Olympiapark fernzuhalten, weil: rechtlich unmöglich, heißt es dann, „Kontrahierungszwang“. Und anders als beim Pop-Pornografen Till Lindemann vorigen Monat demonstrierte auch niemand mehr vor der Halle.

Ist jetzt alles vergeben und vergessen? Stichworte müssen hier zur Erinnerung reichen: die Verbrüderung mit Reichsbürgern, das Verbreiten von QAnon-Spinnereien (eine Elite verübe Ritualmorde an Kleinkindern), immer wieder Judenhass aus der untersten Verschwörungsschublade. Frage an die alle Hits leise mitsingende Sitznachbarin in der Olympiahalle: Ob Naidoos dunkle Vorgeschichte nicht ihren Konzertgenuss zumindest ein wenig trübe? Was man denn meine, fragt die aus Tirol Angereiste zurück, sie habe gar nichts davon mitbekommen. „Okay, ein bisschen was …“
Aus dieser abgeschotteten Perspektive kann man das Konzert durchaus feiern. Man muss es vielleicht nicht so sehr feiern, wie einzelne Alpha-Männer im Publikum, die aufspringen, sich auf die Brust trommeln, lippengenau alles nach- und vorbeten und die Sitznachbarn aufwiegeln: „Lauter!“ Aber es ist ein starker Auftritt. Naidoo wirkt, als habe er sich lange – also seit dem Entschuldigungsvideo 2022 – darauf vorbereitet und sich dafür gestärkt.
Alles sitzt, der dunkle Gehrock, die getönte Brille, die Kappe mit den hochgeklappten Ohrenwärmern. Die Bühne ist studiomäßig schick, die großen Videos verbreiten Jazz-Keller-Atmo, sechs Musiker stärken Naidoo im Halbkreis den Rücken. Die Spitzen-Band schafft einen Sound wie ein Orchester, klingt in „20 000 Meilen“ nach Grönemeyer, Udo Jürgens, Maffay und Pink Floyd zusammen. Mal liefert sie reinigende Klanggewitter, mal funky Reggae-Party. Je nachdem, ob Naidoo gerade soulig rockend das „Wunder des Lebens“ und die Liebe feiert („Ich kenne nichts“), oder ob er gerade in Gebetslaune ist. Und der Wanderprediger hat viele Gospel-Gebete dabei, „Der Fels“ oder „Führ mich ans Licht“, denn: „Gebete kann man im Moment gut gebrauchen.“

Wichtig sind ihm auch die Antikriegslieder. Beim Brecht-artigen, zum Piano stampfenden „Söldnerlied“ wird Naidoo zu einer Art Papa Courage. In München nimmt er „aus gegebenem Anlass“ extra noch das Stück „Männer müssen kämpfen“ auf die Setlist, das Abschiedslied eines Soldaten. Der Soul-Mann kann schon berühren, trösten, zusammenschweißen: Popium fürs Volk. Er will nur „die alten Lieder singen, die tief in der Seele klingen“.
Das Problem ist gar nicht, was er sagt und tut an diesem Abend, der ist ein Best-of der harmloseren Hits seiner 27-jährigen Laufbahn („Dieser Weg“, „Sie sieht mich nicht“). Das Problem ist, was er unterlässt: Er tänzelt um den Elefanten im Raum herum, sagt nichts dazu, warum wir uns „lange nicht gesehen“ haben. Keine Erklärungen, wer oder was ihn auf üble Abwege geführt hat. Keine neuen Songs, keine Botschaft: Da stehe ich heute. Naidoo testet, ob der Weg wieder frei ist für ihn. Keine Angriffsfläche, erst mal. Er hätte auf der Tour nicht nur ein dreiminütiges Youtube-Video lang Gelegenheit zu reden, sondern elfmal zwei Stunden lang. Er schweigt und bittet schon gar nicht um Verzeihung. Vergebung kann ihm in seinen Augen wohl eh nur einer geben, der Fels: „Nimm das Blut von unseren Händen, lass uns auf deinen neuen Wegen gehen.“

