Ausstellung im Bayerischen NationalmuseumWie an der Uni Würzburg Aufklärung betrieben wurde

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Der Elektroschocker der Vergangenheit – zwei goldene Vögel, in denen mehr Energie steckt, als man ihnen zutraut.
Der Elektroschocker der Vergangenheit – zwei goldene Vögel, in denen mehr Energie steckt, als man ihnen zutraut. (Foto: Bayerisches Nationalmusem)

Erstmals seit mehr als 100 Jahren sind aufklärerische Forschungsinstrumente aus Würzburg wieder zugänglich für die Öffentlichkeit. Schafft es die Ausstellung im Bayerischen Nationalmuseum, Licht ins Dunkel zu bringen?

Von Julinka Goetz

„Sapere aude“ – wage es, dich deines Verstandes zu bedienen! 1784 machte Immanuel Kant dieses Motto zum unverkennbaren Leitspruch der Aufklärung. Zurückblicken und Eintauchen in das vergangene Zeitalter der Aufklärung kann man im Bayerischen Nationalmuseum. Die Ausstellung „Wissensdurst und Aufklärung. Das Physikalische Kabinett der Universität Würzburg“ zeigt 50 Forschungsinstrumente aus dem 18. Jahrhundert.

Kurator Raphael Beuing entdeckte die Schätze des Physikalischen Kabinetts unter einer dicken Staubschicht im Archiv des Museums und entschied sich, diese erstmals seit über hundert Jahren wieder zu zeigen. Er konzipierte eine kleine Studioausstellung im schmucklosen unteren Bereich des Bayerischen Nationalmuseums, dabei hätten die Exponate einen Platz in einem der prunkvollen Säle durchaus verdient.

Das Physikalische Kabinett beherbergte nicht nur ein jetzt im Nationalmuseum ausgestelltes, mehr als zweihundert Jahre altes Sprachrohr aus Messing. Es war auch im wahrsten Sinne des Wortes ein Sprachrohr für die Wissenschaft. Die sehr progressive und forschungsfreundliche Haltung der fürstbischöflichen Universität Würzburg geht unter anderem auf den Jesuiten Blasius Henner zurück, der um 1750 herum das Kabinett gründete.

Eine Pariser Sonnenuhr, die mit einem kleinen Kanonenschuss die Mittagsstunde verkündet, eine „Laterna Magica“, die Vorläuferin des modernen Beamers, ein an heutige Elektroschocker erinnerndes „elektrostatisches Spielzeug“ in Form zweier vergoldeter Vögel: Die Ausstellung ist ein Sammelsurium aus verschiedenen, teils kuriosen, aber von physikalischer Genialität zeugenden Objekten.

Besonders auffallend: ein kunstvoll verziertes, goldenes Barometer-Thermometer aus dem Jahre 1735. Es stammt aus der Würzburger Residenz und hebt sich deutlich von den anderen, ästhetisch eher schlicht gehaltenen, rein funktionalen Werken des Kabinetts ab. Es ist bezeichnend für die der Wissenschaft zugewandte Haltung der Fürstbischöfe, die erstmals ihren Horizont erweiterten und sich von französischen und englischen Künstlern und Wissenschaftlern inspirieren ließen. In dem fürstbischöflichen Thermometer sind sogar Hitzerekorde aus aller Welt eingraviert, wie beispielsweise die Pariser Hitzewelle des Jahres 1757. Mit fast achtunddreißig Grad Celsius selbst für heutige Verhältnisse ein erdrückend heißer Juli.

Die physikalische Erleuchtung auf Seiten der Besucherinnen und Besucher bleibt aus

Die Messinstrumente dienten nicht nur zu Forschungszwecken, sondern sollten das physikalische Grundverständnis der Studierenden an der Universität Würzburg verbessern – und sollen das idealerweise auch heute noch bei den Besuchern der Ausstellung. Um einen „niederschwelligen“ Zugang zu schaffen, so Beuing, versuchen selbstgedrehte Videos von Mittelstufenschülerinnen und -schülern des Münchner Luitpold-Gymnasiums, die Funktionsweise der einzelnen Werke zu erklären. Gut gemeint, aber leider vergeblich. Die physikalische Erleuchtung auf Seiten der Besucherinnen und Besucher bleibt aus.

Und auch der Wunsch nach einer historischen Einordnung in den Gesamtkontext bleibt unerfüllt, denn diese ist schlichtweg nicht vorhanden. Man sehnt sich nach einer interaktiven Entdeckungsreise quer durch die Wissenschaftsära des 18. Jahrhunderts, aber fühlt sich letztendlich verloren in einem archivartigen Ausstellungssaal. Während das Physikalische Kabinett ganz im Zeichen des Fortschritts steht, ist die Ausstellung im Bayerischen Nationalmuseum an sich alles andere als progressiv. Naturwissenschaftsbanausige Besucher ohne jegliche Vorkenntnisse kommen hier selbst mit Kants gepriesener Vernunft nicht weiter.

Eigentlich schade, denn das Thema ist alles andere als obsolet. Trumps Kampf gegen die Wissenschaft in den USA verdeutlicht, dass antiaufklärerische Bewegungen in der aktuellen Zeit wieder Auftrieb erhalten. Da lohnt es sich, einen Blick zurückzuwerfen und die Wegbereiter unseres heutigen wissenschaftlichen Fortschritts in das öffentliche Bewusstsein zu rücken. Aber dann auch mit einer einladenden und verständlichen Aufmachung.

Wissensdurst und Aufklärung. Das Physikalische Kabinett der Universität Würzburg, Bayerisches Nationalmuseum München, bis 11. Januar 2026

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