"An einem Tag ein Jahr nach Tschernobyl wurde ich auf einer Wiese geboren." Dass ein Debütroman, der in diesen Tagen erscheint, mit einem solchen Satz anfängt, haut einen natürlich gleich mal um. Und der Titel des Romans, den die Autorin Yade Yasemin Önder und der Verlag Kiepenheuer & Witsch nun in die Welt entlassen, hat nicht weniger Kraft: "Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron".
Es lässt sich nicht vermeiden: Im Moment drängen sich überall Analogien zur gegenwärtigen Schieflage der Welt auf. Der erste Satz von Yade Yasemin Önder will auch sicher nicht zufällig eine bedrohliche Stimmung erzeugen, einerseits. Andererseits geht es in ihrem furios durch Zeit, Raum und surreale Szenen wirbelnden Roman nicht etwa um die Folgen von Atomunfällen, sondern um eine dysfunktionale Familie in Westdeutschland, mit einem früh sterbenden türkischen Vater, einer deutschen Mutter und einem unglücklichen Kind.
Wenn am kommenden Mittwoch zum 22. Mal das Festival Wortspiele im Ampere beginnt, werden wieder einmal die unterschiedlichsten Facetten junger Literatur aufscheinen - an drei langen Abenden, in insgesamt 18 Lesungen à 20 Minuten, an deren Ende der Bayern2-Wortspiele-Preis vergeben wird. Nicht nur die Autorin Yade Yasemin Önder wird aus Berlin anreisen, es wird zum Beispiel auch Lola Randl aus der Uckermark erwartet, die ihren neuen Roman "Angsttier" vorstellt, Bettina Wilpert aus Leipzig wird von "Herumtreiberinnen" erzählen, die in München an der HFF studierende Autorin Sophia Fritz in "Steine schmeißen" von der Generation der Millennials - und übrigens auch vom Tod des Vaters. Katharina Korbach wird aus Berlin einen "Sperling" mitbringen, Sascha Macht aus Leipzig dagegen den Roman "Spyderling" - hinter dem kryptischen Titel entwickelt er eine Geschichte über eine Gruppe internationaler Brettspiel-Erfinder, die bei einem Treffen in der Republik Moldau auf ungeahnte Weise in Kontakt mit der Wirklichkeit kommen. Ob es Zufall ist, dass auch hier wieder Osteuropa ins Spiel kommt?

Die Reise geht jedenfalls nicht nur in diesem Roman gen Osten: Auch Benedikt Feitens "Leiden Centraal" (Voland & Quist) durchquert Europa von Ost bis West. Der Münchner Schriftsteller gibt in seinem neuen Roman, diesmal ein Krimi, Einblicke in ausbeuterische Arbeitsverhältnisse: Er erzählt von Firmen, die unter prekären Bedingungen gegen kargen Lohn osteuropäische Leiharbeiter beschäftigen. Und er verknüpft das mit einer gut recherchierten Story, die geografisch von Rumänien bis in die niederländische Stadt Leiden reicht. Insbesondere zwei Frauenfiguren stellt Feiten dabei einander gegenüber: eine Rumänin, die nur deshalb selbst im kriminellen Leiharbeitersystem Karriere gemacht hat, weil sie ihre verschwundene Schwester aufspüren will - und eine junge deutsche Polizistin, die als forensische Informatikerin viel IT-Wissen in den Roman einfließen lässt.
Mit welch disparaten Wirklichkeiten sich die Bücher dieses Frühjahrs und Festivals beschäftigen, lässt sich aber auch beispielhaft anhand zweier weiterer Münchner Autorinnen zeigen, die bei den Wortspielen ihre Debüts präsentieren - sowohl bei Annika Domainko als auch Natascha Berglehner geht es um den Missbrauch und die Manipulation junger Frauen durch Männer, um den Missbrauch von Gefühlen und von Macht.

Beeindruckend reflektiert widmet sich Annika Domainko, neben dem Schreiben selbst Sachbuch-Lektorin bei einem Münchner Verlag, in "Ungefähre Tage" (C.H. Beck) dem Thema Psychiatrie - und zwei gefährdeten Menschen, die einander näher kommen, als es ihnen guttut. Auf der geschlossenen Station einer psychiatrischen Klinik fühlt sich ein Pfleger mittleren Alters namens Grün von einer jungen Patientin angezogen - die wechselseitige Sympathie nutzt er aus, gewährt der Frau scheinbar Vorteile, mindert jedoch zunehmend aus egoistischen Motiven heraus ihre Heilungschancen, indem er ihre Verlegung auf eine offene Station verhindert. Es entwickelt sich eine Affäre, die in eine Katastrophe zu münden droht.
Annika Domainko beschreibt die "ungefähren Tage" auf der Station sehr differenziert aus der Sicht des Pflegers - die allmähliche Verstrickung bis hin zur eindeutigen Grenzüberschreitung des Mannes aus dessen Ich-Perspektive zu schildern, macht es schwieriger, ihn zu verurteilen. Er hat selbst eine vorbelastete Vergangenheit, ist nicht nur an einem Studium der Archäologie gescheitert - doch immerhin liefert dieses Studium der Autorin, selbst Latinistin und Archäologin, das Fundament für eine kunstvolle Meta-Konstruktion.
Denn einen Satz des Pflegers, "wir kümmern uns zu viel um den immer gleichen Inhalt und übersehen die Form", widerlegt Domainko selbst mit diesem Roman: Er ist sehr formbewusst, gespickt mit literarischen Bezügen von Annie Ernaux bis hin zu den "Stilübungen" Raymond Queneaus, und überwölbt die Story insbesondere mit dem griechischen Konzept des "Temenos": Dieser heilige, geschützte Raum, "mit klaren Regeln und Ritualen für das Drinnen und Draußen", wird in der Gegenwart des Romans durch die psychiatrische Station symbolisiert - und in dieser komplexen Liebesgeschichte verletzt.

Auch im Roman "Im Zimmer ist Winter" (Weissbooks) von Natascha Berglehner geht es darum, wie ein Mann in einem eigentlich geschützten Raum seine Macht missbraucht. In diesem Fall handelt es sich um einen 32-jährigen Schwimmlehrer, der ein Verhältnis mit einer 14-jährigen Schülerin eingeht - ein klarer Fall von Pädophilie also. Auch hier jedoch sind die Grenzen zwischen Schuld und Begehren fließend, und das macht den Reiz dieses so schillernden wie verstörenden Buches aus.
In diesem Fall ist der Roman aus der Sicht der jungen Frau geschrieben. Die Münchner Kunststudentin Adèle trifft eines Tages zufällig wieder auf besagten Schwimmtrainer, dem sie sich neun Jahre zuvor über Monate hinweg hingab - eigentlich auf der Suche nach Liebe, als einsamer Teenager aus einer schwierigen, vom Vater verlassenen Familie. Dass das Mädchen sich schließlich vom Vater wie vom Trainer verstoßen fühlt, vernichtet ihr Selbstbewusstsein so gründlich, dass sie nicht darüber hinwegkommt - und so beginnt sie nach der Wiederbegegnung, dem Mann obsessiv durch München zu folgen. Natascha Berglehner hat einen Roman geschrieben, der Grenzräume auslotet - auch in der Frage, wie soghaft man eigentlich über das Tabu verbotenen Begehrens schreiben darf.
Wenn Literatur eines kann, dann eben das: von Möglichkeitsräumen erzählen. Das bedeutet, dass alles auch immer ganz anders sein könnte. In Yade Yasemin Önders Roman "Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron" beginnt zum Beispiel ein späteres Kapitel so: "Am Anfang war gar keine Wiese. Am Anfang war das Pferd." Wer sich auf vermeintliche Gewissheiten verlässt, kann sich also jederzeit täuschen, heißt das. Es bedeutet zugleich, dass sich auch immer gute Wendungen erträumen lassen, selbst im synchronen Fallen.
Wortspiele Festival, Mittwoch, 9. März, bis Freitag, 11. März, 20 Uhr, Ampere im Muffatwerk, Zellstr. 4, festival-wortspiele.eu
