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Wortkunst im Netz:Wer nicht lesen will, kann hören

'Der Vorleser' mehrfach für Oscar nominiert

Woran denkt Hanna (Kate Winslet), während Michael (David Kross) deklamiert? Eine Szene aus Stephen Daldrys Film „Der Vorleser“ von 2008, nach dem Bestseller von Bernhard Schlink.

(Foto: dpa)

Verlage, Kulturinstitutionen und Radiosender haben Formate entwickelt, um Literatur lebendig im Internet zu präsentieren - ob bei Parasiten TV, der Reihe des Mentor Verlags oder in BR-Podcasts.

Wo auch immer das Zentrum der Literaturwelt vorher lag, mit Einsetzen der Corona-Krise ist es ins World Wide Web umgezogen. Seither sprießen Online-Lesungen mannigfaltig aus dem Boden - und sind verfügbarer denn je.

Der Jugendkultursender des Österreichischen Rundfunks FM4 und das Wiener Rabenhof Theater haben sich dabei gleich an ein monumentales Großprojekt gewagt: Zum Karfreitag hatten sie von 120 Akteuren der Wiener Kulturszene Albert Camus' "Die Pest" einsprechen lassen. Zehn Stunden lang lasen Elfriede Jelinek, Daniel Kehlmann und viele andere aus einem Buch, das längst zum Text der Stunde avanciert ist. Kein Wunder, schließlich erzählt Camus in seinem 1947 erschienenen Roman nicht nur vom Ausbruch der Pest in einer algerischen Küstenstadt, sondern scheint auch mit ver-störender Genauigkeit das aktuelle Zeitgeschehen vorauszusehen.

Kurzweiliger allerdings und weniger krisenorientiert ist der Lesungs-Podcast des Bayerischen Rundfunks. Hier finden sich gebündelt die Beiträge der Bayern2-Sendung "radioTexte". In dem etwa einstündigen Literatur-Format besprechen im Wechsel Antonio Pellegrino, Judith Heitkamp und Cornelia Zetzsche Klassiker und Neuerscheinungen. Den Lesungs-Anteil übernehmen Schauspieler wie Ulrike Kriener und Shenja Lacher oder die Autoren selbst. Zuletzt waren etwa der Münchner Autor Pierre Jarawan mit seinem im März erschienenen Roman "Ein Lied für die Vermissten" und Lutz Seiler mit seinem mit dem Preis der Leipziger Buchmesse prämierten Roman "Stern 111" zu Gast.

Auch das Museum für Literatur in Karlsruhe hält an seinem Diktum fest und will Literatur weiterhin erlebbar machen. Im virtuellen "Tonkabinett" stellt das Haus zweimal wöchentlich einen neuen Mitschnitt vergangener Lesungen online, zum Beispiel von Abbas Khider, der 2016 aus seinem Roman "Ohrfeige" las. Zuweilen geht es beim Tonkabinett aber auch noch weiter in die Vergangenheit: Von Mai an geht immer freitags eine Lesung online, die bereits zehn Jahre oder länger zurück liegt. Marcel Reich-Ranickis Vorlesung "Über die Situation der deutschen Literatur heute" aus dem Jahr 1976 zum Beispiel ist wohl selbst im schier unendlichen Online-Kultur-Kosmos eine Rarität.

Lyrik-Affine und Fans von Experimental-Prosa werden beim "Parasiten TV" des Kölner Kleinverlages Parasitenpresse fündig. In dem etwa halbstündigen Format streamt der Verlag Lesungen und Buchvorstellungen, die auch nachträglich als Videos verfügbar sind. Dabei geht es mal existenzialistisch-ernst zu, wie bei Thomas Podhostnik, der aus seinem Prosa-Band "Unter Steinen" liest; mal absurd-komisch, etwa wenn Anna Pia Jordan-Bertinelli aus ihrer Übersetzung von Audun Mortensens "Hatte Kurt Cobain eine E-Mail-Adresse?" rezitiert. Am 12. Mai um 19.30 Uhr stellt die Münchner Musikerin und Autorin Mira Mann bei Parasiten TV ihren neuen Gedichtband "Komm einfach" vor.

Ein kleiner Verlag aus Berlin avanciert unterdessen zum besonders funkelnden Stern am Online-Lesungs-Himmel. Beim Berliner Mentor Verlag sind neben Kinderbüchern vor allem Ratgeber und Kochbücher erschienen. Insbesondere letztere beiden Buch-Kategorien eignen sich nur bedingt als Lesungs-Stoff. Auf dem Holzmarkt25 angesiedelt, agiert der Verlag allerdings aus einem der vielen Epizentren des Berliner Kulturgeschehens heraus und ist entsprechend gut vernetzt. Und so gibt sich bei der Lesungs-Serie "Keine Lesung", die der Verlag auf Instagram präsentiert, das Who's Who der jungen deutschen Kulturszene sozusagen die virtuelle Klinke in die Hand. In drei- bis achtminütigen Clips geben Autoren wie Kübra Gümüşay, Tom Müller und Paulina Czienskowski Einblick in ihre aktuel-len Bücher. Andere lesen aus Lieblingswerken: Für den Schauspieler Daniel Sträßer ist das Franz Kafkas "Verwandlung", für den Politiker Cem Özdemir "Das fliegende Kamel" von Paul Maar.

Ähnlich kurzweilig ist das Format "My Home Is My Burgtheater" konzipiert, mit dem sich das Wiener Burgtheater auf die heilenden Kräfte der Litera-tur besinnt. Täglich um 11 Uhr geht eine neue kurze Lesung online, in der Ensemble-Mitglieder aus Geschichten lesen, die ihnen einst oder noch immer Rettung versprachen. Heinrich von Kleist scheint dabei ein echter Krisen-Geheimtipp zu sein: Daniel Jesch liest aus dem "Neueren (glücklicheren) Werther", Branko Samarowski aus Kleists Brief an Henriette Vogel, und auch Sabine Haupt findet Trost in Kleists Worten, etwa wenn jener schreibt: "Es kann kein bloß böser Geist sein, der an der Spitze der Welt steht".

"Die Pest"-Marathonlesung, noch bis 10. Mai verfügbar auf fm4.orf.at; BR-Podcast "Lesungen", verfügbar unter br.de/mediathek; Das "Tonkabinett", verfügbar unter web5.karlsruhe.de/Kultur/MLO/audio; "Parasiten-TV", verfügbar unter facebook.com/Parasitenpresse, "Keine Lesung", verfügbar unter instagram.com/mentorverlag, "My Home Is My Burgtheater", verfügbar unter burgtheater.at/myhomeismyburgtheater

© SZ vom 07.05.2020

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