Workshop:Respekt ist die Aufgabe

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Nach wiederholten Übergriffen auf Frauen will die Musikhochschule das Bewusstsein schärfen

Von Sabine Buchwald

Jasmin Matzakow, Frauenbeauftragte der Akademie der Bildenden Künste (AdBK), zupft sich erst ganz am Ende des ereignisreichen Tages den angeklebten Bart ab. Ihre Haare hatte sie bis zuletzt unter einer Kappe versteckt und man muss schon zweimal hinsehen, um festzustellen, dass sie eine Frau ist. Wie verhält man sich als Mann, was ist männlich, was weiblich? Diesen Fragen sollte bei einem "Drag-King"-Workshop am Dienstag an der Musikhochschule nachspürt werden. "Man for Half a Day" war das Motto. Und ja, so das Fazit von Matzakow, als Mann agiere man anders und man werde auch anders wahrgenommen: dominanter.

Matzakow ist eine Frau, die ihren Gesprächspartnern mit freundlichen Augen und einem offenen Lachen entgegen kommt. Sie nimmt von diesem Tag mit, dass es sehr weiblich ist, ernsten Themen mit einem Lächeln die Spitze zu nehmen. Das - und sicher noch viel mehr - ist der Frauenbeauftragten nun bewusst.

Bewusstseinsbildung, unter anderem darum geht es an diesem Dienstag in der Hochschule für Musik und Theater. Zusammen mit der Akademie und der ums Eck liegenden Filmhochschule hat man hier einen Aktionstag veranstaltet. Das Motto: Respekt. Der Subtext: sich begegnen mit Wertschätzung, Empathie und angemessener Distanz. An der Musikhochschule gab es in der Vergangenheit immer wieder Probleme gerade mit Distanz und übergriffigem, machtdominierten Verhalten bis hin zum Missbrauch. Dafür wurde ihr ehemaliger Präsident vor Kurzem verurteilt. Unter der Führung seines Nachfolgers Bernd Redmann ist nun eine Aufbruchstimmung spürbar. "Mein Respekt und meine Dankbarkeit geht an all die Frauen, die mit ihren Geschichten an die Öffentlichkeit gegangen sind", sagt er zu Beginn des Tages.

Redmann hat die Aufklärung in seinem Haus vorangetrieben. Bereits in der Vergangenheit hat es hausintern Weiterbildungen etwa zum Thema Grenzverletzungen gegeben. Nun haben sich erstmals die drei Kunsthochschulen zusammengetan und Vorträge sowie Workshops darüberhinaus organisiert. Dabei ging es etwa um den Mythos Genie: Das Künstlergenie sei immer männlich, erklärt Karen Pontoppidan, Professorin für Goldschmiedekunst und Vizepräsidentin der AdBK. Nicht nur sie macht klar, dass es für Künstlerinnen kaum Vorbilder gebe. Frauen seien etwa in der Malerei oder Bildhauerei häufig Motive, was aber nicht unbedingt ihr Selbstverständnis widerspiegele.

Christiane Iven, Gesangsprofessorin und Frauenbeauftragte der Musikhochschule, analysierte zusammen mit ihrem Kollegen Andreas Schmidt bekannte Musikstücke. Sie fragten, ob man Arien wie "Gern hab' ich die Frau'n geküsst" aus der Operette "Paganini" oder selbst Mozarts liebesdurchtränkte "Zauberflöte" noch so aufführen könne wie bisher. Mit der schwierigen Frage, ob die Freiheit der Kunst wirklich unantastbar sei, mussten sich ihre Teilnehmer auseinandersetzen. Einfache Antworten gebe es nicht, sagt Iven. Als Frauenbeauftragte ist sie Ansprechpartnerin für Lehrende und Studierende. Es gebe mehr Mut, Themen aus der Tabuzone zu holen, das spüre sie. Es sei viel in Bewegung.

Der Tag sollte alle Teilnehmenden sensibilisieren für Genderungerechtigkeiten, für die allgegenwärtige Dominanz von Männern - in der Kunst, in der Politik, in Führungsetagen. Sehr plakativ die Bilder, die der Journalist Julian Dörr an die Wand projizierte von muskelbepackten Schauspieler-Ikonen wie Brad Pitt oder dem Politiker Wladimir Putin. Die Studierenden der Einrichtungen inklusive der Theaterakademie August Everding waren eingeladen, an den teilnehmerbeschränkten Gruppen mitzumachen. Alle waren ausgebucht. Für die öffentlich zugänglichen Veranstaltungen hätte man sich noch mehr Publikum vorstellen können, so Organisationsleiterin Alexandra Hermentin. Insgesamt waren etwa 200 Interessierte da. Eine Basis sei nun geschaffen, indem man viele Themen benannt habe, sagte sie. "Wir wussten, dass wir die Personengruppe nicht erreichen würden, die sich nicht angesprochen fühlt." Und das waren tatsächlich nicht allzu viele der 1250 Studierenden allein der Musikhochschule. Obwohl sie sich für die Teilnahme vom Unterricht hätten befreien lassen können. Am Ende kam die Frage auf, warum so wenige Erstsemester zu sehen waren. Es sei durchgedrungen, dass nicht alle über die Geschichte der Musikhochschule Bescheid wüssten. Womöglich auch nicht über die weiter zurückliegenden Jahre, als die Nationalsozialisten das Gebäude nutzten.

Was in den Workshops genau besprochen wurde, wird nicht öffentlich gemacht, ist aber künstlerisch prägnant nachvollziehbar. Die Münchner Zeichnerin Lisa Frühbeis hat die Aussagen verdichtet und in einer klaren Comicsprache wiedergegeben. Ihre Bilder werden demnächst im Senatssaal ausgehängt, wo noch bis vor Kurzem die Porträts der (allesamt männlichen) Präsidenten hingen.

Ausgangspunkt für einen solchen Tag ist die #metoo-Bewegung, die von den USA aus nicht nur die künstlerische Welt geflutet hat. Was in München passiert ist, ist vermutlich auch an vielen anderen künstlerischen Hochschulen zu finden, sagt die Psychoanalytikerin Giuletta Tibone. Für sie sei es wichtig, ein Signal zu geben, dass man die Themen ernst nimmt. Egal wen es betrifft. Dazu müsse man Strukturen schaffen, mit einer offenen Kommunikation und entsprechenden Anlaufstellen - für alle.

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