"Rauwerk" Wolle von Münchner Schafen

"Es ist ein Münchner Produkt, und ich möchte es den Leuten hier anbieten", sagt Wollproduzentin Christine Biedermann über ihre "Rauwerk"-Wolle.

(Foto: Jan A. Staiger)

Christine Biedermann führt in ihrem Laden in Haidhausen Erzeugnisse kleiner Anbieter, die umweltverträglich und tierfreundlich arbeiten. Die Wolle, die sie verkauft, stammt aus eigener Produktion.

Von Franziska Gerlach

Christine Biedermann wischt und tippt auf ihrem Tablet, dann hat sie das erste Foto gefunden: Da ist sie, die Münchner Wollproduzentin inmitten von Säcken, die ihr fast bis an die Schultern reichen. Sie lacht, ihre Wangen sind gerötet vom Stolz der getanen Arbeit. Seit den frühen Morgenstunden hat sie an diesem Herbsttag, so erzählt sie es, mit bloßen Händen Heu und Kletten aus dem frisch geschorenen Vlies gezupft und die Wolle in Säcke sortiert. Die Säcke hat sie dann mit einem Transporter in eine oberbayerische Spinnerei gefahren. Wolle von Schafen, die unter einem blauen Himmel bei Aubing grasen.

Rauwerk lautet der Name der Münchner Wolle, im Sommer 2017 erhielt Biedermann ihre erste Lieferung, knapp 900 Kilogramm. Und es reicht ein beherzter Griff in das graue Knäuel, das die zierliche Frau mit dem Nasenring in ihrem kleinen Laden in Haidhausen gerade aus dem Regal nimmt, um eine Sache zu verstehen: Diese Wolle hat nichts mit der Luxusware zu tun, mit der die Münchner Kaschmirlabels ihre Kundinnen umwerben. Und auch nicht mit der groß angelegten Kuscheloffensive, die die Stadt in Form von flauschigen Schals in Übergröße und maschinengestrickten Beanies vor einigen Saisons erfasst hat, nachdem Frauenmagazine und Modeblogs genügend von ihnen abgelichtet hatten. Biedermanns Garn ist anders: Keineswegs kratzig, aber eben nicht von jener künstlichen Glätte, wie sie durch den Einsatz von Chemikalien entsteht. "Meine Wolle hat Struktur, die ist nicht so glatt", sagt die passionierte Strickerin, "so bin ich vom Wesen her ja auch nicht."

Zoologie Kühe ohne Kindheit
Landwirtschaft

Kühe ohne Kindheit

In Zeiten der Massentierhaltung dürfen Kälber nicht bei der Mutter aufwachsen - angeblich viel zu teuer. Doch Landwirte könnten davon profitieren, wenn sich der Nachwuchs auf der Weide wohlfühlt.  Von Kathrin Burger

Beim Stricken dürfte die Wolle von einer Herde Merinolandschafe jedenfalls kaum von der Nadel rutschen. Keine Chemie, freilaufende Schafe. Und Naturfarben anstelle von Acryl. Die Tiere gehören der Familie Lampertsdörfer in Aubing. "Das sind Freunde von mir", sagt Biedermann. In den Neunzigerjahren war sie mit dem Sohn der Familie liiert. Die Beziehung ging auseinander, der Kontakt zur Familie aber hielt. Bei einem Fest auf dem Hof sprach sie dann mit Elke Lampertsdörfer, der Tochter der Familie, darüber, dass es immer schwieriger werde, einen angemessenen Preis für die Wolle zu erzielen. Also sagte Biedermann, die eigentlich Datenanalystin ist: Na, dann mache ich das eben selbst.

Einfach so nebenher lässt sich eine Wollproduktion natürlich nicht aufbauen, zumal Biedermann zwischen ihrem Job in England und München pendelt. Da braucht es nicht nur eine hübsche Summe Geld, das die Wollproduzentin über einen privaten Investor und mithilfe ihrer eigenen Ersparnisse zusammenbringt - sondern auch Rechercheehrgeiz und Verhandlungsgeschick. Die Geschäftsleute der Branche scheinen miteinander verwoben zu sein wie die Maschen eines Zopfpullis, man kennt sich von den "Yarn Festivals", zum Beispiel in Schottland oder in Skandinavien.

Mittlerweile hat sich auch Biedermann dort einen Namen gemacht, in Geschäften in London, in Moskau oder in Berlin ist ihre Wolle zu haben. Eine Spinnerei findet die Münchnerin schließlich in der Nähe von Bad Aibling, eine auf Pflanzenfarben spezialisierte Färberei in Brandenburg. Neben den Naturfarben wollweiß, hell- und dunkelgrau gibt es die Wolle von Rauwerk etwa auch in Walnuss, Indigo oder Henna. Und einmal, "als Experiment", ließ sie auch dunkle Wolle einfärben. Die Farben schillern so schön, sagt sie, und hält einen Wollknäuel ins Licht.

Wenn es mal wieder heißt, Wolle aus Australien sei viel besser als deutsche, viel weicher, findet Biedermann das natürlich nicht so gut. Dabei werde oft vergessen, dass australische Merinowollschafe nach wie vor der schmerzhaften Prozedur des "Mulesing" unterzogen würden: Damit die Tiere mehr Wolle liefern, werden ihnen zusätzliche Hautfalten angezüchtet - eine ideale Brutstätte für Maden, besonders am Hinterteil, weshalb den Schafen die Hautlappen um den Schwanz ohne Betäubung weggeschnitten werden. Haben die Schafe ausgedient, werden sie auf Schiffen zusammengepfercht und zum Schlachten in den Nahen Osten transportiert. Viele verdursteten schon auf der Fahrt, sagt Biedermann. Diese Wolle komme ihr nicht ins Regal.

Sie führe nur Erzeugnisse kleiner Anbieter, die umweltverträglich und tierfreundlich arbeiten. Und eben Rauwerk: "Es ist ein Münchner Produkt, und ich möchte es den Leuten hier anbieten", sagt sie. Und zwar allen, die gerne stricken. Biedermann selbst hat das in der Schule gelernt, lange bevor Hollywoodstars vor einigen Jahren mit Strickzeug am Filmset gesichtet wurden. Und lange bevor immer mehr Münchner in der Handarbeit jene Heimeligkeit zu suchen begannen, die ihnen der durchgetaktete Alltag verwehrt. Biedermanns Laden wirkt da mit all der bunten Wolle der Zeit entrückt, und sie selbst wie jemand, der dem hektischen Takt der Modebranche sein eigenes Tempo entgegenzusetzen weiß. Die Banderolen für die neue Wolllieferung verspäten sich vielleicht? Nicht optimal, aber so ist das eben. "Natürlich muss die Sache Hand und Fuß haben", sagt Biedermann. "Aber auf eine Woche oder einen Monat mehr oder weniger kommt es nicht an."

Nur mal kurz die Welt retten

Bio-Käufer fahren eher SUV, weil sie meinen, schon ihren Teil für die Umwelt getan zu haben. Das legen einige Studien nahe. Doch es gibt auch Indizien, die für das Gute im Öko-Kunden sprechen. Von Christopher Schrader mehr...