Zwischen Isar und Loisach Bilanz eines Sommers

An den Apfelbäumen erinnerten die Früchte eher an Trauben.

(Foto: Claudia Koestler)

Scharen von Freizeitsportlern, gesunkene Grundwasserpegel und paradisische Bedingungen für Parasiten sind nur einige von vielen Folgen des extremen Klimas

Von SZ-Autoren

Eine Hitzewelle hielt den Landkreis über Wochen fest im Griff, mit wenig Niederschlägen und vielen Sonnenstunden. Die Temperaturen stiegen nicht selten über 30 Grad Celsius - und blieben dort. Nach der großen Hitze aber zeigt sich, welche Spuren der Ausnahmesommer 2018 hinterlässt. Eine Übersicht der Auswirkungen im Landkreis:

Pausenloser Andrang

Eines hat Christine Seemüller in ihrer ersten Saison auf der Tutzinger Hütte überrascht. "An den heißen Tagen hätte ich schon gemeint, dass weniger kommen", berichtet sie. Doch der Andrang blieb seit Mitte April ungebrochen. "90 Prozent der Samstage waren komplett ausgebucht", schätzt sie. Vor allem in den Sommerferien seien auch montags oder dienstags 70 bis 80 der 100 Schlafplätze belegt gewesen. Noch bis Anfang November hat die Tutzinger Hütte geöffnet. Dann freut sich Seemüller erst einmal auf Urlaub. Denn irgendwann brauche jeder auch einmal ein paar freie Tage, sagt sie.

Ebbe am See

Viele hitzegeplagten Bürger suchten Abkühlung im See.

(Foto: dpa)

Am Starnberger See sind die Spuren des heißen Sommers sofort sichtbar. Seit Ende Januar ist der Pegel um 45 Zentimeter zurückgegangen. Am Ufer ist das Wasser merklich flacher. Die Trockenheit hat deutlich mehr Kies freigelegt. Daran wird sich auch bei mehr Niederschlägen im Herbst nur langsam etwas ändern. Denn der Starnberger See hat keine größeren Zuflüsse, wird allein durch Grundwasser und Regen gespeist. Das mache das Gewässer besonders, wie Roland Kriegsch, Leiter im Wasserwirtschaftsamt Weilheim, schildert.

In der Region ist der Grundwasserspeicher laut Kriegsch infolge der Trockenheit gefallen. "Was wir jetzt brauchen, ist lang anhaltender Landregen", sagt er. Nur so könne das Wasser auch im Boden versickern. Bei Starkregen wie etwa 2016 fließe das Wasser dagegen nur oberflächlich ab und gelange gar nicht ins Grundwasser. Als dramatisch bewertet der Leiter des Weilheimer Wasserwirtschaftsamtes die Lage aber nicht. Zwar hätten sich auch die Gewässer in der Region den Sommer über stark erwärmt. Dadurch hätte der Sauerstoffgehalt abgenommen, was die Fische belaste. Ein massenhaftes Fischsterben wie am Rhein oder in der Schweiz habe es jedoch nicht gegeben, schildert Kriegsch.

Haushalten mit dem Wasser

32 Millionen Kubikmeter Wasser wurden von Mai bis August der Isar aus dem Sylvensteinspeicher zugeführt, auch um die in dem Fluss lebenden Fische ausreichend mit Sauerstoff zu versorgen. Der Pegel des Sylvensteinspeichers sank deshalb im Sommer 2018 um 4,5 Meter. Dafür hatte es laut Wasserwirtschaftsamt Weilheim im vergangenen Winter überdurchschnittlich viel Niederschlag gegeben - im Januar sogar 207 Prozent mehr als im Mittel der Jahre zwischen 1960 und 2017. Seitdem fielen nur 75 Prozent der normalerweise üblichen Regenmenge.

Das Bier vom Reutberg

In diesem Sommer gab es Schlagzeilen wie diese: Den Brauereien gehe das Leergut aus, weil die Kunden ihre Pfandflaschen nicht zurückgeben. So hieß es auch von manch kleiner Brauerei in Süddeutschland. Am Reutberg wurde tatsächlich heuer mehr Bier abgesetzt. Doch mit Engpässen beim Leergut musste die Genossenschaftsbrauerei nicht kämpfen, wie der Vorsitzende August Maerz berichtet. Schwierigkeiten gab es dafür bei alkoholfreien Getränken. Dafür betreibt die Brauerei nämlich einen Lieferservice in der Region, um bei Veranstaltungen Getränke bereitzustellen. "Bei unseren Vorlieferanten gab es da schon Engpässe", schildert Maerz. Unter der wegen der Trockenheit und Hitze geringeren Hopfenernte in der Hallertau hatte die Brauerei kaum zu leiden. Laut Maerz war der Vorrat an dem für das Brauen benötigten Hopfen dank langfristiger Verträge ausreichend groß. Pro Jahr produziert die Reutberger Brauerei etwa 21 000 bis 22 000 Hektoliter Bier. Im Sommer trinken die Kunden und Gäste leichtere Biere wie ein spritziges Helles lieber. Im Winter ist beispielsweise das kräftigere Dunkle stärker nachgefragt.

Nichts geht mehr beim Apfelsaft

Äpfel, die wie Trauben an den Bäumen hängen, bis die Äste brechen: Der ungewöhnliche Sommer hat nicht nur Obstbaumbesitzer ans Ende ihres Pflück- und Verwertungsvermögens gebracht, auch in einer weiteren Hinsicht waren sämtliche Kapazitäten ausgereizt: Das Regionalnetzwerk "Unser Land" musste vor der Flut der Äpfel kapitulieren. Nach nicht einmal der Hälfte der Sammeltermine, zu denen Bürger ihr Streuobst bringen konnten, damit es vom Netzwerk versaftet und vermarktet wird, hatte das Unternehmen mehr als das Vierfache der Äpfel beisammen, die für die Saftproduktion eines ganzen Jahres benötigt wird. Damit wurde ein außerordentlicher Sammelstopp notwendig: Alle noch verbliebenen Termine in den Landkreisen inklusive Bad Tölz-Wolfratshausen wurden ersatzlos gestrichen. "Unsere Ressourcen sind absolut erschöpft", erklärte dazu Steffen Wilhelm, Geschäftsführer Netzwerkes. Schon bei der Menge bereits eingesammelter Äpfel stehe das Unternehmen vor großen Herausforderungen: "Mehr können wir einfach nicht verarbeiten und auch nicht vermarkten."

Ventilatoren fürs Vieh

Die Almwirtschaft des Landkreises konnte indes von möglichen Auswirkungen der Trockenheit weitgehend verschont bleiben. Es hätte meist genug Niederschlag gegeben und die Tränken für das Vieh der Weidehaltung hätten ebenfalls ausgereicht, so Rolf Oehler, Behördenleiter und Bereichsleiter Landwirtschaft des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Holzkirchen. Das Vieh in der Stallhaltung bekäme teils große Ventilatoren, "um für Durchzug zu sorgen" und den Hitzestress zu mindern, so Oehler. Es gebe zwei durch die Hitze entstehende Schwierigkeiten in der Almwirtschaft, so Susanne Krapfl vom AELF Holzkirchen. Zum einen sei das die Wasserknappheit auf den Almen, was entweder einen Wassertransport auf die Almen oder einen früheren Almabtrieb nach sich ziehe. Außerdem sei der Futterwuchs auf südseitigen Almen durch die Hitze oft unzureichend gewesen. Im Landkreis sei das aber kaum der Fall gewesen. Ein positiver Effekt des trockenen Sommers ist laut Krapfl, dass die Almen "gut ausgefressen sind" und es "keine Futterreste gibt", welche sonst zu Verbuschung und Verunkrautung führen können.

Schub für Parasiten

Die Varroamilbe machte Bienen zu schaffen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Mit gemischten Gefühlen blicken Imker auf den Sommer zurück. Sehr erfreulich sei die "Frühtracht-Ernte" gewesen, sagt Siegfried Gulde, erfahrener Praktiker aus Geretsried. Seine Vorräte an Blütenhonig hat er gut aufstocken können. Insgesamt liegen die Erträge seinen Worten nach heuer "in einem mittleren Bereich". Sorgen bereitet ihm die Varroamilbe, die sich in der verdeckelten Bienenbrut vermehrt. Schon das warme Frühjahr habe den Parasiten einen Schub gegeben, sagt er. "Je früher die Bienen zu brüten beginnen, desto mehr Zeit hat auch die Milbenpopulation, sich zu entwickeln." Im August sei es dann zu heiß gewesen, um mit der Varroabehandlung zu beginnen. Gulde verwendet dazu - wie viele andere Imker auch - Ameisensäure, die bei zu hohen Temperaturen nicht nur die Parasiten bekämpft, sondern auch den Bienen gefährlich wird. Wie stark die Varroaschäden heuer ausfallen werden, ist noch nicht abzusehen. Manche Imker beklagen schon jetzt hohe Verluste. Gulde geht mit 60 Völkern in den Winter. "Wie viele davon im Frühjahr noch da sein werden, weiß ich nicht."

Weniger Futter

Da im Landkreis nur wenig Ackerbau betrieben werde, gebe es kaum von der Trockenheit geschädigte Landwirte, so Andreas Kowalzik von der Abteilung Förderung im AELF. Das im Landkreis genutzte Grünland jedoch trockne durch die Hitze schneller aus. "Es gibt ein Hilfspaket für dürregeschädigte Landwirte", sagt Kowalzik. Dafür müssten betroffene Bauern nachweisen, dass sie über 30 Prozent weniger Ernte als üblich einbrachten. Die Unterlagen zu genaueren Richtlinien für den Antrag würden noch nicht existieren, daher sei "die Antragsstellung erst im Laufe des Oktobers möglich". Jedoch habe es bereits fünf Voranfragen von Landwirten im Landkreis gegeben, darunter Johann Falter, Landwirt aus Dietramszell. "Das sind sicher 35 Prozent, die mir abgehen", sagt Falter über seine Ernte. Durch die nahe Lage zur Isar hätten etwa 80 Prozent der Böden des Landwirts eine Kiesunterlage und nur wenig Humusauflage. Dadurch trockne der Boden besonders schnell aus. Falter hofft auf eine Entschädigung, fürchtet aber, dass sich der Ernteverlust schwer nachweisen lasse: "Ich kann schlecht eine Fuhre Gras auf einer Waage wiegen."

Landkreisschere für Bäume

Der lange trockene Sommer hat auch dem Wald zu schaffen gemacht. Allerdings sind die Auswirkungen im Landkreis sehr unterschiedlich, wie Florian Loher von der Waldbesitzervereinigung Wolfratshausen (WBV) erklärt: Vor allem an den schwächeren Standorten im Nordosten, die Kontakt zur Münchner Schotterebene haben, spüre man zum Teil "massive Auswirkungen". Zum einen fehle den Bäumen das Wasser, "zum anderen haben sich Insekten wie der Borkenkäfer stark vermehrt." Glücklicherweise aber habe der Landkreis zum Großteil bessere Standorte: In Alt- und Jungmoränenlagen hätten die Böden mehr Lehm und könnten das Wasser besser speichern. Und in Richtung Berge, in der Jachenau und in Lenggries, habe es genug geregnet. "Es gibt eine klare Spreizung zwischen Nord und Süd", erklärt Loher.

Hinzu komme, dass die Borkenkäferpopulation zwar schnell zunehme, aber auch wieder schlagartig zusammenbreche. Insgesamt gebe es im Kreis daher weniger Schäden als im Vorjahr - auch wenn man erst im Winter ein endgültiges Bild vom Ausmaß haben werde. Der Verlust sei jedoch jetzt schon spürbar: 50 000 Kubikmeter Holz musste die WBV diesen Sommer wegen Trockenheit und Käferbefall schlagen - was laut Loher einem Wertverlust von etwa 1,25 Millionen Euro entspricht. Dennoch sagt er: "Wir sind insgesamt mit einem blauen Auge davon gekommen." Kürzlich habe die WBV einen Ausflug in den Schwarzwald gemacht: "Dort sind ganze Hänge braun gewesen." Und im tschechischen Mähren gebe es Loher zufolge "Käferlöcher in Landkreisgröße".