Zwischen hoffen und bangen"Wir stehen bald vor einem Scherbenhaufen"

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Den Ickinger Hotel-Gasthof Klostermaier hat die Corona-Krise hart getroffen. Chefin Karin Schmid bittet in einem offenen Brief um politische Hilfe und schildert ihre Notlage.

Von Susanne Hauck, Icking

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"Es ging schon im Januar mit den Stornierungen los." Hotelchefin Karin Schmid hat die Corona-Krise schon sehr früh zu spüren bekommen, als die asiatischen Gäste wegblieben. Und dann kam es Schlag auf Schlag. Es sagten die internationalen Besucher ab, die sonst zu den Frühjahrsmessen kamen. Als Großunternehmen wie Linde in Pullach auf Homeoffice umstiegen, fehlten auch noch die Geschäftsleute. Mitte März ordnete die Regierung dann die komplette Schließung der Gastronomie an. Schmid hatte ihre Tür schon zwei Tage vorher zugesperrt: "Es kam eh keiner mehr", sagt sie.

Schmid leitet zusammen mit ihrer Tochter Katharina den "Klostermaier", ein schmuckes Hotel mit 32 Zimmern und Restaurant an der Ortsdurchfahrt von Icking, das beliebt ist bei Einheimischen wie bei Reisenden. Einen Millionenbetrag hat sie vor zwölf Jahren in den Neubau gesteckt, nachdem der alte Gasthof, seit 1895 im Familienbesitz, baufällig geworden war.

In ihr bohren nun die Fragen, wie es weitergeht. "Wir haben keinen unternehmerischen Fehler gemacht, und trotzdem stehen wir bald vor einem Scherbenhaufen", sagt sie. Ihrer Not hat Karin Schmid nun in einem öffentlichen Hilferuf an den CSU-Bundestagsabgeordneten Alexander Radwan Luft gemacht, den sie auch auf Facebook gepostet hat. Gerade einmal fünf, sechs Geschäftsleute beherbergt sie noch, Spezialisten von einer Teichbaufirma etwa, die lokal Aufträge haben. "Wir haben keine zehn Prozent Auslastung", berichtet Schmid, "und das zu einer Zeit, wo wir normalerweise zu 90 Prozent voll sind."

Kaum Umsatz, aber die Rechnungen trudeln unbarmherzig ein, fällige Beträge werden weiter abgebucht. "EDV-Betreuung, Versicherungen, Gema, GEZ, Berufsgenossenschaft, Energie, Müllabfuhr, Wartung der Schankanlage", zählt Schmid auf. Und eben erst hätten sie in dem Bemühen, das Hotel immer auf Stand zu halten, für 35 000 Euro die Zimmer mit neuen Fernsehern ausgestattet.

Die Schmids sitzen mittlerweile mit einer Handvoll Gäste allein im Hotel. Die 24 Studenten und Minijobber mussten sie schon im Februar heimschicken. Ihre 30 festangestellten Mitarbeiter haben sie am 16. März versammelt. "Wir arbeiten eigentlich wie in einer großen Familie", sagt sie. "Ihnen sagen zu müssen, dass wir in Kurzarbeit gehen, das war mein größter Schmerz." Sie weiß, dass es in einer Branche, in der sowieso keiner reich wird, von heute auf morgen an die Substanz gehen kann. Da schlägt die Freude über die kürzlich bezogene größere (und teurere) Wohnung schnell ins Gegenteil um, wenn ein halbes Gehalt fehlt und der Freund wegen Corona auch noch die Kündigung bekommen hat, berichtet Karin Schmid über die Existenzsorgen einer ihrer Angestellten.

Immerhin, zwei Leute hat sie im Rewe-Markt gegenüber unterbringen können, zwei andere beim Pizzabäcker Franco Fresco in Geretsried. Zwar rechnet sie fest damit, dass sie den Klostermaier wieder aufsperren wird. Was Schmid jedoch umtreibt, ist die Ungewissheit, wie viel Personal dem Familienbetrieb nach der Krise bleibt. Sie habe stets viel auf ein gutes Verhältnis gegeben, trotzdem quäle sie der Gedanke, dass zu viele Mitarbeiter wegen der Zwangslage dauerhaft in andere Branchen abwandern. "Es macht uns große Angst, wie wir da rauskommen."

Verlassenes Sonnendeck: Die Terrasse, auf der die Gäste gewöhnlich den Ausblick aufs Isartal genießen, ist seit Wochen menschenleer.
Verlassenes Sonnendeck: Die Terrasse, auf der die Gäste gewöhnlich den Ausblick aufs Isartal genießen, ist seit Wochen menschenleer. Hartmut Pöstges

Deswegen kämpft sie auch für eine längere Reduzierung der Mehrwertsteuer auf sieben Prozent, wie sie der Gaststättenverband als Maßnahme gegen die Gastro-Krise fordert: "Das würde sehr helfen, dann könnten wir höhere Löhne zahlen", erklärt Schmid. "Denn umgekehrt kann ich für ein Schnitzel ja nicht 40 Euro verlangen." Die Frage, ob sie sich vom Staat im Stich gelassen fühlt, verneint sie. Die Soforthilfe sei schnell da gewesen, das Amt wegen der Kurzarbeit hilfsbereit und freundlich.

Es ist nicht so, dass sie im Klostermaier die Hände in den Schoß legen würden. Sie haben das Restaurant gestrichen, alle Teppiche shampooniert, die Terrassenmöbel abgeschliffen, die Wäschekammer auf den Kopf gestellt, neue Bilder aufgehängt. Vormittags haben die Schmids ihre sechs Azubis da, von denen einige vor dem Abschluss stehen, und lernen mit ihnen für die Prüfung. Ein Lieferservice, wie ihn andere Lokale anbieten, hätte sich nicht gelohnt, sagt Schmid: zu unkalkulierbar. Trotzdem sind die Hotelbetreiber erfinderisch gewesen. Sie posten Originalrezepte des Klostermaiers zum Nachkochen auf ihrer Facebookseite, von der Holunderschorle bis zu Kasspatzen, um ein Lebenszeichen zu geben. Sie sind sogar auf die Idee gekommen, die leer stehenden Zimmer fürs Homeoffice zu vermieten, für 20 Euro am Tag. Es sei "nicht gerade die Riesennachfrage", sagt Schmid. Aber immerhin fünf bis zehn Leute pro Woche nutzten das Angebot. "Bestenfalls im Mai, schlimmstenfalls Ende August" rechnet Karin Schmid mit der Wiedereröffnung. Aber wie dann weitermachen, das ist die nächste Frage. "Die Gäste haben es beim Essen doch gern gemütlich, sie wollen doch nicht mit Schutzmaske bedient werden wie im OP-Saal." Schmid weiß eigentlich nur eines: "Je länger die Schließung dauert, desto größer wird das Fragezeichen."

© SZ vom 27.04.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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