Zweimal "Passione" in Kloster Beuerberg "Volles Risiko"

Simone Kermes kocht. Beim Klosterdinner in Beuerberg dürfte es allerdings etwas weniger barock zugehen. Das Foto entstand bei Aufnahmen für die CD „Dramma“, die 2012 bei Sony erschienen ist.

(Foto: Jörg Strehlau/oh)

Die Sopranistin Simone Kermes gibt am Freitag im Kloster Beuerberg einen Liederabend. Am Samstag stellt sie sich an den Herd der Klosterküche und kocht für 60 Leute ein Überraschungsmenü

Von Stephanie Schwaderer

Sie gilt als die "Lady Gaga des Barock": Die international renommierte Sopranistin Simone Kermes liebt den großen Auftritt - bisweilen auch im kleinen Rahmen. Am Wochenende gastiert sie zum zweiten Mal mit ihrem Pianisten Daniel Heide im Kloster Beuerberg. Diesmal gibt sie nicht nur einen Liederabend (Freitag, 27. Juni). Bei einem Klosterdinner am Samstag, 28. Juni, zeigt sie, dass auch eine leidenschaftliche Köchin in ihr steckt. Gemeinsam mit Christoph Kürzeder, dem Direktor des Diözesanmuseums, der Küchenchefin Stella Igl und der Münchner Food-Bloggerin Petra Hammerstein bereitet sie ein Überraschungsmenü für 60 Gäste zu. Das Motto beider Abende: "Passione".

SZ: Frau Kermes, was erfordert mehr Leidenschaft - Singen oder Kochen?

Simone Kermes: Beides! Beides ist etwas sehr Persönliches. Beides beruht auf handwerklichem Können. Und zu beidem gehört Liebe. Kochen spricht die Sinne an - Schauen, Riechen, Fühlen, Schmecken. Beim Singen muss ich fühlen, damit es gut klingt. Passione ist immer im Spiel. Ich kenne keinen Künstler, der nicht auch gerne isst, trinkt und genießt. Wie sagt mein Freund Konstantin Wecker: Wer nicht genießt, ist ungenießbar.

Und was erfordert mehr Disziplin?

Das Singen, ganz klar. Singen ist der Moment. Es gibt kein Zurück. Ein falscher Ton oder der falsche Text - das war es dann. Beim Kochen kann ich immer noch ein bisschen korrigieren. Wenn ich etwas versalze, kann ich es vielleicht mit Butter oder Sahne abmildern. Beim Singen kann ich nicht nacharbeiten. Singen ist volles Risiko. Deshalb habe ich auch Angst.

Sie haben Angst?

Natürlich. Man könnte es auch eine große Demut nennen. Aber eigentlich fühlt es sich an wie der Gang zu einer Hinrichtung. Du gehst da hinaus wie in eine Arena. Du stirbst allein. Ein Arzt in Rom hat vor einem Auftritt einmal meinen Ruhepuls gemessen: 140! Er sagte: Eigentlich dürfte ich dich so gar nicht auf die Bühne lassen. Aber ich bin mir sicher: Wäre ich nicht so aufgeregt, wäre ich nicht so gut.

Haben Sie schon einmal einen Auftritt verpatzt?

Ja, zu meiner Anfangszeit in der Kölner Philharmonie. Sekunden vor einer berühmten Händel-Arie aus dem "Messias" hatte ich einen Aussetzer. Drei Sekunden. Das Publikum hielt den Atem an. Ich wollte im Boden versinken.

Sie haben keine Souffleuse?

Nein, niemals. Und ich singe alles auswendig. Bei einem Liederabend kommt da eine Menge Text zusammen. Mehr als zwei Stunden lang muss das Köpfchen fit sein.

Nach welchen Kriterien haben Sie Ihr Programm zusammengestellt?

Zum Auftakt gibt es Händel, damit es gleich richtig losfetzt. Danach Vivaldi, Wagner und Strauss und auch französische Lieder. Am liebsten habe ich ein sehr reiches Repertoire, gern auch viel Neues, zum Beispiel ein Chanson von Jacques Brel: "Bitte geh nicht fort." Das wünsche ich mir am Ende des Konzerts vom Publikum.

Sie mögen die Abwechslung?

Musik ist ein Bild des Lebens: mal dramatisch, mal heiter. Mal Mozart, mal Wagner, und der Künstler sollte beides miteinander verbinden, um die Menschen immer neu zu berühren. Wie bei einem gelungenen Essen: nach der heftigen Haxe ein süßes Dessert. Aber diese Gefühlswechsel sind für mich kein großes Problem - das kenne ich ja aus dem Barock. Mein Leitmotiv lautet: Ich öffne mich, um zu öffnen. Es geht darum, zusammen eine schöne Zeit zu verbringen. Gemeinsam genießen.

Ein gutes Motto auch für das Dinner. Sie übernehmen den Hauptgang - Ossobuco. Was ist das Besondere an diesem Rezept?

Es gibt sogar zwei Hauptgänge, weil sich auch Vegetarier angemeldet haben. Ich übernehme den Fleischgang, eine italienische Kalbshaxe. Der absolute Kick ist die Gremolata. Dazu mische ich Zitronenschale, gehackte Petersilie und Knoblauch - das muss man probiert haben. Als ich vor einem Jahr im Kloster Beuerberg zu Gast war, habe ich allen davon vorgeschwärmt. So kam der Gedanke des Klosterdinners in die Welt.

Man sagt, zwei Köche verderben den Brei. Sie stehen mit drei weiteren ausgeprägten Persönlichkeiten am Herd - kann das gut gehen?

Das ist die Frage! Ich koche ja oft und leidenschaftlich gerne. Für mein Orchester zum Beispiel, die Amici Veneziani. Meine Italiener lieben es, nachts um vier noch Gulasch zu essen. Aber für 60 Gäste habe ich noch nie gekocht. Egal, ich liebe doch die Premieren!

"Passione I": Liederabend mit Simone Kermes (Sopran) und Daniel Heide (Klavier), Freitag, 28. Juni, Beginn 19 Uhr, Kloster Beuerberg, mit Werken von Vincenzo Bellini, Jacques Brel, Felix Mendelssohn, Maurice Ravel, Ottorino Resphighi, Gioachino Rossini und anderen, Eintritt 25/15 Euro; "Passione II": Klosterdinner mit Simone Kermes, Christoph Kürzeder, Stella Igl und Petra Hammerstein, Samstag, 28. Juni, Beginn 19 Uhr, 54 Euro pro Person (ohne Getränke); Anmeldung und weitere Informationen unter info@dimu-freising.de; für beide Veranstaltungen gibt es noch Restkarten