Zukunft in Bad Tölz Verzwicktes Bauprojekt

Bürgermeister Josef Janker und Anwohner vom Hintersberg debattieren über geplante Wohnhäuser auf der Tölzer Zwickerwiese.

Von Klaus Schieder

Unter einem kleinen Wald von Regenschirmen hatten sich fast 50 Anlieger vom Hintersberg am Donnerstagabend vor dem Domizil der Armen Schulschwestern an der Heißstraße versammelt. Im Halbkreis standen sie vor Bürgermeister Josef Janker (CSU), der mit dem Rücken zur Wand des Schwesternheimes eineinhalb Stunden lang auf ihre Einwände gegen die geplante Wohnbebauung auf der Zwickerwiese antwortete. "Wir haben weder ein Gutachten noch Untersuchungen, aber wir nehmen die Befürchtungen und Sorgen im Bebauungsplanverfahren auf", versprach Janker. Im Verlauf der Debatte wurde deutlich, dass es den Anwohnern vor allem um eines geht: Die Zufahrt zum neuen Wohngebiet soll nicht über die Heißstraße und Ludwig-Thoma-Straße führen.

Auf der oberen Zwickerwiese sollen zehn Doppelhäuser, drei Dreispänner und drei Einfamilienhäuser entstehen - mit insgesamt 38 Wohneinheiten. So sieht es der städtebauliche Entwurf vor, der allerdings noch nicht mehr als "eine Ideenskizze" sei, wie Janker hervorhob. Eigentümer des etwa 2,4 Hektar großen Areals ist Landwirt Martin Sappl vom Zwickerhof, einem der schönsten Bauernhöfe in der Region. "Was meine Vorfahren geschaffen haben, hat meine Mutter erhalten, jetzt ist es an mir, den Hof zu sanieren", sagte er. Mit dem Bauprojekt, bei dem er selbst nicht als Bauherr auftritt, könnte er mit dem seit einem Brand in den Siebzigerjahren verschuldeten Anwesen finanziell wieder in ein ruhiges Fahrwasser gelangen.

Die Zwickerwiese.

(Foto: Manfred Neubauer)

Das möchte die neue Bürgerinitiative Hintersberg auch nicht vereiteln. Allerdings bringt sie vier Argumente gegen das geplante Wohngebiet vor. So weist sie darauf hin, dass die Zwickerwiese früher ein Bergbauareal war. Um den Untergrund zu prüfen, seien zwischen 700 bis 1000 Bohrungen in bis zu 50 Meter Tiefe in Rastern von fünf mal fünf Metern nötig, sagte BI-Sprecher Marcel Mohaupt. Die Kosten dafür taxierte er auf bis zu eine Million Euro. Hinzu komme noch ein kostspieliges Gutachten. "Das Ganze wird sehr teuer." Deshalb verstehe er nicht, warum man sich in Tölz "zielsicher" gerade dieses Gebiet aussuche, so Mohaupt. Vom Bergbau aus der Zeit um 1900, als dort Braunkohle gefördert wurde, existiert nach Jankers Wissen lediglich ein Stollen. Der Bürgermeister kündigte eine Erkundung anhand alter Pläne an, danach soll es ein Gutachten geben, später womöglich eine Untersuchung, wie gebohrt werden soll. All dies werde "im Gesamtpaket" passieren, sagte er. Was dabei herauskomme, sei völlig offen. Es könne auch sein, dass das ganze Bauvorhaben nicht weitergeführt werde: "Wenn es ein weitverzweigtes Bergbaugebiet wäre, das man auffüllen müsste, dann wäre dies ein Ausschlusskriterium."

Starke Zweifel hegt die Bürgerinitiative überdies daran, dass bezahlbarer Wohnraum auf dem 2,4 Hektar großen Areal geschaffen werde. Nach dem Konzept der "Zukunftsorientieren Bodennutzung" (ZoBoN) erwirbt die Stadt ein Drittel der Fläche, damit vor allem Familien dort günstig zu einem Grundstück kommen. Für die BI ist die obere Zwickerwiese hingegen "eine Premiumlage" in Tölz, weswegen der Bodenrichtwert bei rund 900 Euro pro Quadratmeter liegen dürfte, wie Mohaupt vorrechnete. Man glaube nicht daran, "dass das noch bezahlbarer Wohnraum sein wird". Der Gegenvorschlag: Das Baugebiet sollte auf der unteren Zwickerwiese liegen, wo es einfacher und billiger zu planen sei, zudem betrage der Quadratmeterpreis nur rund 350 Euro. Das rief Martin Sappl auf den Plan. Ehe man so etwas fordere, hätte man mit ihm als Eigentümer vorher ja mal darüber reden können, monierte er. Janker wies auf das Anbindungsgebot hin. Auf der unteren Zwickerwiese entstünde eine "Splittersiedlung", was nicht erlaubt sei, sagte er. Außerdem seien im vorgesehenen Baugebiet nur kleinere Parzellen geplant. Der Quadratmeterpreis soll zwischen 400 und 450 Euro liegen.

Das umstrittene Wohnbauprojekt auf der Zwickerwiese erläuterte Bürgermeister Josef Janker im Gespräch mit Anwohnern vom Hintersberg.

(Foto: Manfred Neubauer)

Die größte Sorge bereitet den Anliegern jedoch, dass die Zufahrt zum neuen Wohngebiet über die Heißstraße und die Ludwig-Thoma-Straße erfolgt. Sie fordern, dass zu den neuen Häusern eine eigene Straße führt, die von der Staatsstraße 2072 - ungefähr auf Höhe der Friedhofs - abzweigt. Bernd Dufner brachte es gegenüber Janker auf den Punkt: "Dann wären alle zufrieden, Sie hätten dann viel mehr Ruhe." Mehrere Anlieger argumentierten, dass auf der Heißstraße oftmals behinderte Menschen der Lebenshilfe mit ihren Begleitern unterwegs seien. Oder auch, dass die Kreuzung mit der Bairawieser Straße schon jetzt unübersichtlich sei. Den Wunsch nach einer separaten Zufahrt bezeichnete der Bürgermeister als nachvollziehbar. Allerdings müssten solche Fragen durch ein Verkehrsgutachten geklärt werden, sagte Janker. Der Vermutung, dass die Zufahrt von der Staatsstraße aus schon deshalb sinnvoll sei, weil das neue Wohngebiet später sowieso erweitert werde, widersprach Eigentümer Sappl entschieden: "Man sollte mir zugestehen, dass ich nicht das Entwicklungsgebiet der Stadt in den nächsten 50 Jahren sein will."