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Zeitumstellung:Wem 1440 Mal die Stunde schlägt

Michael Fitzek hat in seiner kleinen Werkstatt in Wolfratshausen eine Uhren-App programmiert. Alles, was in Oberbayern Zeiger hat, hat er dafür abfotografiert.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Michael Fitzek fasziniert das Thema Zeit. Deshalb ist er sieben Jahre lang mit dem Rad durch Oberbayern gefahren, um für seine App alle Uhren abzufotografieren.

Von Tim Pohl

Am Sonntag wird wieder einmal die Zeit umgestellt. Die Zeiger müssen für die Sommerzeit um eine Stunde nach vorne gedreht werden. Viele nervt dieser Wechsel, sie klagen über einen gestörten Schlafrhythmus und ein innerliches Durcheinander. Für Michael Fitzek aber ist der Tag der Zeitumstellung wahrscheinlich die schönste Zeit des Jahres - kann er sich dann doch mit den Dingen beschäftigen, die ihn am meisten faszinieren: Uhren.

Der 62-jährige Wolfratshauser hat eine App programmiert, die jede Minute eine andere Uhr aus Bayern zeigt. Die 1440 Fotos für die "Bayern-Uhr"-App hat Fitzek alle selbst gemacht. Auf den Fotos sind Kirchturm-, Schul- oder Bahnhofsuhren zu sehen. "In Oberbayern habe ich alle Uhren fotografiert, die es gibt", erklärt Fitzek stolz. Die App könne man sich auf ausgediente Smartphones laden und als Wanduhr verwenden. Ein sinnvolles "Upcycling" nennt er das.

Dass Uhren eine große Rolle in Fitzeks Leben spielen, erkennt man schon, wenn man seine Wohnung betritt. An den Wänden hängen Uhren in jeglicher Form: "Die meisten habe ich selbst gebaut", sagt er. Die besondere Faszination für Zeitmessgeräte sei in seiner Kindheit entstanden. "Meine erste Uhr als Kind war eine mechanische Schaltuhr, die sogar den Zeitpunkt für den Sonnenaufgang berechnen konnte", erzählt der Programmierer mit einem Strahlen in den Augen. Später im Studium in München hat er sich mit der Software für die damals noch neuen Funkuhren beschäftigt. Heute arbeitet Fitzek als Hard- und Softwareentwickler für eine Freiburger Firma, die Fahrradlampen herstellt. In seiner kleinen Werkstatt an der Loisach programmiert er Apps für die Bedienung hochmoderner Beleuchtung. Auch hier war die Uhren-App hilfreich. Die erlernten Fähigkeiten durch das Programmieren in der Freizeit konnte er später im Beruf anwenden.

Die außergewöhnliche Idee für die App kam Fitzek schon im Jahr 2013. Die Murnauer Kunstwoche fand damals unter dem Thema "Zeit" statt. Das Projekt sollte zuerst deutlich größer ausfallen: "Aber eine Crowdfunding-Initiative für eine deutschlandweite Uhren-App ist leider nicht so gelaufen, wie ich mir das vorgestellt habe". Fitzek war überrascht, dass er keine Mitstreiter für sein Projekt gewinnen konnte. Statt der Bundesrepublik wurde es also nur der Freistaat.

Fitzeks Lieblingsuhr ist die am Müllerschen Volksbad in München.

(Foto: Robert Haas)

Das Zusammenschrumpfen des geografischen Umgriffs vereinfachte immerhin die Ausführung, denn die Fotos sammelte Fitzek auf seinen Fahrradtouren. Der ehemalige Radrennfahrer legt nach eigenen Angaben heute noch bis zu 16 000 Kilometer pro Jahr auf seinem Rad zurück. Auf Touren durch ganz Oberbayern machte er bei jeder Uhr, die er zu Gesicht bekam, halt, zückte seine am Gürtel festgeschnallte Digitalkamera und drückte den Auslöser. "Ich habe jede Uhr mehrere Minuten lang fotografiert, damit mir später keine Uhrzeit fehlt!"

Nach sieben Jahren hatte er Ende 2020 dann alle Uhren fotografiert und konnte die App veröffentlichen. Auf seinen Touren seien ihm die kuriosesten Uhren begegnet. Am schönsten findet er die am Müllerschen Volksbad in München, die beeindruckendste hängt in Großinzemoos bei Dachau. Dort ist die Uhr mit dem Zitat "Eine von diesen wird eure letzte sein" verziert. "Deswegen habe ich die auch um 23.59 Uhr in der App platziert. Sozusagen als Last-Minute-Uhr", erzählt Fitzek lachend.

Wenn er nicht gerade mit Uhren beschäftigt ist, betätigt sich der App-Entwickler als Künstler. Seine Bilder hängen direkt neben den selbstgebastelten Uhren an der Wand. Und auch sonst verbringt Fitzek viel Zeit in seiner kleinen Werkstatt. Dort kommen ihm viele Ideen für neue Projekte. Eine besonderen Plan hat er vergangenes Jahr im Sommer umgesetzt: Zum Frühstück nach Italien fahren - natürlich mit dem Fahrrad. "Nachts ging es los und zum Mittagessen waren wir wieder zurück", erzählt er.

Wie es mit den Uhren weitergeht, weiß er noch nicht. Er könne sich vorstellen, doch noch den Plan für eine deutschland- oder sogar weltweite App umzusetzen. Dafür bräuchte er aber definitiv die Unterstützung weiterer Helfer. Bis die gefunden sind, bleibt die Kamera sein ewiger Begleiter - falls er auf seinen Radltouren durch Oberbayern doch noch eine ihm unbekannte Uhr entdeckt.

© SZ vom 27.03.2021/aip
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