Süddeutsche Zeitung

Würdigung durch den Rotary Club:"Den einen guten Lehrertypus gibt es nicht"

Karl Haider, Pädagoge am Ickinger Gymnasium, bekommt den "Summa-cum-laude-Preis" verliehen

Von Sebastian d'Huc, Icking

Karl Haider kann die Frage, was denn die schönste Erinnerung an seine bisherige Zeit als Lehrer sei, nicht auf Anhieb beantworten. Es gebe mindestens vier, sagt er dann: die Neuaufstellung der Schülermitverantwortung SMV in seinen ersten Jahren als Lehrer, die Erfolge seiner jüngsten großen Theaterinszenierungen, die Teilnahme am Deutschlandfinale mit seiner Mädchenfußballmannschaft und die Einladung seiner Improtheater-Gruppe zu den Bayerischen Theatertagen. Dass der 53-jährige Lehrer am Rainer-Maria-Rilke-Gymnasium Icking ein hohes Maß an Engagement in einer großen Bandbreite an Tätigkeiten an den Tag legt, war der Grund, weshalb der Elternbeirat ihn für einen Preis nominiert hat. Nun wurde Haider der "Summa-cum-laude-Preis" im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen verliehen, der vom örtlichen Rotary Club seit 2017 für die beste Lehrerpersönlichkeit ausgelobt wird.

Nominiert waren acht Lehrkräfte aller Schulformen - Grundschule, Mittel- und Realschule, Berufsoberschule sowie Gymnasium. Alle erhielten bei der Zeremonie eine Urkunde, Haider zusätzlich ein Kunstwerk sowie 3000 Euro, welche in seiner Schule für pädagogische Zwecke eingesetzt werden dürfen. "Es ist uns ein Anliegen, auf diese Weise herausragende Leistung und Engagement zu ehren und einen positiven Beitrag in der öffentlichen Diskussion zu leisten, auch, um andere Lehrer zu motivieren", erklärte der Präsident des Rotary Clubs Daniel Seibert.

Haider ist erst 2002 in den Lehrberuf gewechselt. "Als Schüler war ich immer ein leidenschaftlicher Skifahrer und fuhr bei internationalen Wettbewerben mit", erzählt der 53-Jährige. "In meiner Abiturphase wurde mir klar, dass es bei mir leider nicht zum Profi-Skifahrer reichen wird." So begann er, Deutsch und Sport auf Lehramt zu studieren und nebenher als Skilehrer zu arbeiten. Nach Beendigung seines Studiums war ihm klar, dass er "ins Trainerbusiness" gehen wolle, statt sein Referendariat zu beginnen. Zehn Jahre arbeitete Haider selbständig als Trainer und staatlich geprüfter Skilehrer.

Zu Beginn des neuen Jahrtausends reifte dann aber die Erkenntnis in ihm, dass sein Beruf zunehmend schwer mit seiner Familie zu vereinbaren war. "Wir hatten gerade unser drittes Kind bekommen, und da wurde mir klar, dass es einfach nicht mehr geht, 200 Tage im Jahr dem Schnee hinterherzufahren." So trat er doch noch sein Referendariat an, und kam anschließend 2004 an das Gymnasium Icking. "Ich bin froh, auch Erfahrungen außerhalb der Schule gesammelt zu haben. Und jetzt bin ich froh, dass ich hier bin."

Das Gymnasium Icking hat Haider in den nachfolgenden 16 Jahren nachhaltig geprägt. Als jahrelanger Verbindungslehrer war er Vertrauensperson und Bindeglied zwischen der Schülerschaft und der Schulverwaltung. Er saß lange im Schulforum und Disziplinarausschuss, leitete eine Tennis- und Mädchenfußballmannschaft sowie das Skiteam. Im vergangenen Jahrzehnt wandte er sich zunehmend dem Theater zu. Das unter seiner Leitung aufgebaute Improvisationstheater gehört zu den besten Schulteams in Bayern, belegt durch die Einladung zu den Bayerischen Theatertagen 2016. Beim Theaterstück "Norway Today" probierten seine Schüler erstmals, klassisches Theater mit Improvisationstheater zu verbinden. Zuletzt adaptierte er Juli Zehs Erfolgsroman "Corpus Delicti" selbst zu einem Theaterstück.

Außerdem nahm er parallel zu seiner Berufstätigkeit noch einmal ein Studium auf: Philosophie, um als Ethiklehrer arbeiten zu können - eine Weiterbildung, die aufgrund ihres Umfangs eher ungewöhnlich ist. "Als ich als Lehrer angefangen habe, hätte ich nicht gedacht, dass es so zeitintensiv werden würde", resümiert Haider. Dass er aber trotz der vielen Arbeit mit seiner beruflichen Tätigkeit zufrieden wirkt, merkt man ihm an.

Was macht denn nun einen guten Lehrer aus? Haider überlegt kurz. "Den einen guten Lehrertypus gibt es nicht", antwortet er. Authentisch müsse ein Lehrer sein, einen eigenen Stil entwickeln und verkörpern, pädagogisches Fingerspitzengefühl beweisen. "Aber das ist gar nicht so selten, wie man meint. Dieses Narrativ, dass so wahnsinnig viele Lehrer schlecht sind, stimmt nicht - es gibt wie in jedem Beruf ein paar, aber die meisten Lehrer leisten sehr gute Arbeit." Der Typus an Personen, die das Lehramt anstrebten, wandele sich. "Der klassische Pauker, der im Anzug kommt und eigentlich nur am Gymnasium ist, weil die Uni ihn nicht haben wollte, stirbt aus." Heute rückten junge, motivierte Menschen nach, die Interesse an Didaktik und Nähe zum Schüler vorwiesen.

Die Anforderungen des Berufs seien höher, als es medial häufig dargestellt werde. Lehrer müssten viel mit übersteigerten Erwartungen von Eltern und auch Schülern kämpfen. Gehe es nach der Einschätzung vieler Väter und Mütter, müssten 90 Prozent der Schüler hochbegabt sein. "Es macht aber niemandem Spaß, einem stolzen Elternteil zu verklickern, dass es vielleicht nicht nur geistige Überflieger gibt." Heutzutage müsse man als Lehrer auch kritikfähig sein. "Wenn man früher in der Schule einen Anschiss bekommen hat, erzählte man das zu Hause und bekam noch einen Anschiss." Heute beschwerten sich viele Eltern und suchten die Schuld beim Lehrer. "Wobei das natürlich nicht alle so handhaben", stellt Haider richtig. "Generell genießen Autoritäten - also Lehrer, Polizei, Beamte - heute erst dann Respekt, wenn sie ihn sich verdienen, und nicht schon qua Amt. Das ist auch grundsätzlich nichts Schlechtes."

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SZ vom 27.07.2020
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