Süddeutsche Zeitung

Wolfratshauser Zeitgeschichte:Hebamme im DP-Lager

Was ein alter Koffer mit Entbindungen in Föhrenwald zu tun hat

Der Erinnerungsort Badehaus in Waldram birgt nicht nur in seiner Dauerausstellung vielerlei Schätze der Zeitgeschichte. Das ehrenamtlich von einem Verein betriebene Haus hat zusätzlich ein Depot mit Fundstücken aus allen Phasen der hier dokumentierten Geschichte. Dies sind: die Zeit der NS-Rüstungsbetriebe im Wolfratshauser Forst mit der eigens dafür errichteten Arbeitersiedlung Föhrenwald; das Camp für jüdische Displaced Persons (DP) - die Überlebenden der Shoah - gleichen Namens und der in "Waldram" umbenannte Ort, an dem kinderreiche katholische Heimatvertriebene angesiedelt wurden. Die SZ präsentiert in einer kleinen Serie einzelne Trouvaillen aus dem Depot.

Ein besonderes Stück ist der Hebammenkoffer: ein vollständig erhaltener Lederkoffer, mit allen Scheren und Zangen, mit Schwesternhäubchen, Handschuhen und Klistier. Er gehörte Gisela Tschupack, die als Deutsche auf der Entbindungsstation des jüdischen Lagers Föhrenwald arbeitete. Ihre Befähigung dazu hatte sie, wie eine ebenfalls im Depot des Badehauses zu findende Urkunde besagt, in der Nazizeit erworben. Am 30. September 1943 in der Landesklinik zu Wuppertal-Elberfeld legte sie ihre staatliche Prüfung als Hebamme ab. Wenige Wochen später beschied ihr der Regierungspräsident von Düsseldorf mit amtlichem Stempel samt Reichsadler und Hakenkreuz die Anerkennung als Hebamme. Nach der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus war Gisela Tschupack, die als verheiratete Frau Schmid hieß, im jüdischen DP-Lager tätig. Sie sei wohl als einzige nicht-jüdische Frau auch bei den Beschneidungen in Föhrenwald dabei gewesen, sagt Maria Mannes. Die Kreisheimatpflegerin ist im Badehaus für das Findbuch verantwortlich, das inzwischen 160 Einträge umfasst.

Erinnerungsort Badehaus , Kolpingplatz 1, Wolfratshausen, geöffnet Freitag 9 bis 16 Uhr, Samstag/Sonntag: 13 bis 17 Uhr; www.erinnerungsort-badehaus.de

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URL:
www.sz.de/1.4558184
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Quelle:
SZ vom 09.08.2019
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