Süddeutsche Zeitung

Wolfratshausen:XXXLutz lockt mit Jobs

Die österreichische Möbelkette plant 280 Stellen am neuen Standort in Wolfratshausen zu besetzen und veranstaltet dazu eine große Stellenbörse in der örtlichen Arbeitsagentur. Verdi kritisiert das Vorgehen

Thomas Kohlerts letzter Arbeitstag bei Möbel Mahler in Wolfratshausen ist ein Jahr her: Am 6. Februar 2016 machte das traditionsreiche Einrichtungshaus endgültig dicht. Die österreichische Möbelhauskette XXXLutz hatte die Immobilien übernommen, nicht aber die 260 Mitarbeiter. Nach 26 Jahren als Verkäufer bei Mahler hatte Kohlert keine Arbeit mehr. Nun hat der 60-Jährige einen Brief von der Wolfratshauser Arbeitsagentur bekommen: Am Dienstag, 7. Februar, hat er dort einen Termin um 12 Uhr mittags - mit Vertretern der XXXLutz-Gruppe, die auf dem ehemaligen Mahler-Gelände zwei Möbelhäuser realisiert. Es geht um einen Job in seiner alten Wirkungsstätte, bei einem neuen Arbeitgeber. Für Kohlert wäre es ein Neuanfang, nach mehr als einem Vierteljahrhundert im Fach.

Mehr als 280 Fach- und Führungskräfte sowie Aushilfen in den Bereichen Lager/Logistik, Kasse, Verkauf, Fachberatung, Montage/Hausschreinerei, Deko/Raumgestaltung und Gastronomie sucht der Möbelriese für den neuen Standort - 230 in der Stammfiliale und 50 im Mömax, für den ein eigenes Recruiting durchgeführt wird. Die meisten Stellen gibt es im Verkauf (150), gefolgt vom Bedien-Restaurant (30). Je etwa 15 Plätze gibt es für die Lagerlogistik und als Tischler inklusive Haustechnik, je etwa zehn für Kasse und Verwaltung. Zudem werden fünf Mitarbeiter in der Dekoration gesucht. Eine beachtliche Zahl, weshalb die Arbeitsagentur eingebunden ist. Dort findet am Dienstag eine große Stellenbörse statt: Vier Personalverantwortliche der Unternehmensgruppe werden zwischen 14 und 18 Uhr jeweils zur vollen Stunde einen kurzen Einführungsvortrag halten und dann mit Bewerbern Gespräche führen. Kommen dürfen alle, die sich für einen Job in der Möbelbranche interessieren. Frühere Mahler-Mitarbeiter wurden gesondert eingeladen.

Er werde den Termin auf jeden Fall wahrnehmen, sagt Kohlert. "Ich werde mir erst mal anhören, was sie zu sagen haben." Schließlich hat er fast sein gesamtes Arbeitsleben als Möbelverkäufer gearbeitet und wohnt in Geretsried. So gesehen wäre ein Job in einem der neuen Einrichtungshäuser "optimal", sagt er. "Ich brauche noch ein bisschen für die Rente."

Kohlert war bei Mahler Vorsitzender des Betriebsrats. Die Einigung mit dem Familienunternehmen nach dem für die Mitarbeiter überraschenden Aus sei "zufriedenstellend" gewesen, erzählt er. Nach einem gestaffelten Sozialplan hätten dienstältere Mitarbeiter auch mehr Abfindung bekommen. Wegen der Kündigungsfrist bekam Kohlert noch bis Sommer seinen Lohn und bezieht Arbeitslosengeld I. Die jüngeren Kollegen von früher hätten fast alle einen neuen Job, sagt er. "Aber für uns ältere ist es schwierig." Dass er nun einen Neuanfang wagen muss ohne die Ansprüche, die er bei Mahler hatte, kommt für ihn nicht überraschend. "Es ist genau das, was man erwartet hat", sagt er. "Lutz macht aus der Immobilie ein Möbelhaus. Dafür brauchen sie neue Mitarbeiter, und die stellen sie jetzt ohne Altlasten ein."

Ähnlich sieht man das bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Die hatte im Verkauf des Geländes eine "verdeckte Betriebsübernahme" gesehen. Seitdem hatte die XXXLutz-Gruppe die Zukunft des Areals lange im Ungewissen gelassen. Man müsse zuerst die Marktlage für den Standort sondieren, hieß es. Auch Kooperationen mit einem Elektromarkt wurden nicht ausgeschlossen - bis das Unternehmen im September im Stadtrat die Pläne offenlegte: Aus Mahler sollen zwei Möbelhäuser werden, ein Mömax und ein XXXLutz. Bei Verdi fühlt man sich bestätigt: "Genau, wie wir es erwartet haben", sagt Gewerkschaftssekretär Dominik Datz.

Kritisieren wolle er die Neueinstellungen nicht mehr, sagt Datz. Zwar hätte Verdi großes Interesse gehabt, "das Thema mehr ins Detail zu treiben" und vor Gericht zu gehen. "Uns hätte eine Grundsatzentscheidung interessiert." Immerhin hat im Januar vergangenen Jahres das Arbeitsgericht Oberhausen die Kündigung von Mitarbeitern der Möbelstadt Rück, die zwei Jahre zuvor von XXXLutz erworben wurde, für unwirksam erklärt. Der Mahler-Betriebsrat habe jedoch vereinbart, das Thema im Sozialplan nicht zu berücksichtigen, sagt Datz. Aufgrund der persönlichen Betroffenheit sei das verständlich. Er bezweifle auch, "ob die Mitarbeiter Geduld gehabt hätten, zwei Jahre zu warten".

Die Strategie, zuerst nur den Grund zu erwerben und später eine neue Belegschaft einzustellen, ist laut Datz bei großen Ketten üblich - auch in anderen Branchen. Aktuelles Beispiel sei ein großer Supermarkt in München. Der sei an eine andere Handelskette verkauft worden, nun habe man angeblich Baumängel festgestellt und lasse die Statik prüfen. "Die Mitarbeiter werden entlassen, aber im Kern wissen wir, dass da eine Schattenplanung stattfindet", sagt Datz. Er ist sich sicher, dass "sehr schnell wieder ein Logo auf der Immobilie steht". Aus unternehmerischer Sicht sei dies verständlich: Statt eine enorme Anzahl an Tätigkeitsjahren mitzunehmen, könne man neue Leute befristet anstellen und "bei Null starten." Moralisch sei das fraglich, sagt der Gewerkschaftssekretär.

In der Vergangenheit ist XXXLutz immer wieder in die Kritik geraten. Zuletzt im Februar 2016, als 99 Beschäftigte des Zentrallagers Mannheim unangekündigt von der Arbeit frei gestellt wurden und das Unternehmen die Abteilung nach Würzburg verlegte. Ähnlich war es 2013 bei der Schließung der Lutz-Filiale an der Theresienwiese in München: 160 Mitarbeiter verloren über Nacht ihren Job, den Abverkauf wickelten Kollegen anderer Filialen ab. Erst nach monatelangem Streit verständigte man sich außergerichtlich auf eine Abfindung von insgesamt 2,1 Millionen Euro. Verdi bemängelt seit Jahren das "System Lutz". Die Gruppe in Deutschland ist ein kompliziertes Konstrukt aus Gesellschaften. Mitarbeiter werden wenn möglich in Servicegesellschaften ausgelagert. Vermögen, Umsatz, Immobilien und Rechte gehören hingegen zu einem anderen Strang der Gruppe. Der österreichische Möbelriese sei ein "äußerst kritisch zu betrachtendes Unternehmen", sagt Datz.

Laut der XXXLutz Group Deutschland werden alle Mitarbeiter für das Verkaufshaus XXXLutz in der Arbeitgebergesellschaft WI-Vertriebs-GmbH&Co. KG angestellt. Zum Vorwurf einer verdeckten Betriebsübernahme in Wolfratshausen stellt Unternehmenssprecher Volker Michels fest, dass beim Verkauf der Immobilie noch "viele Fragen offen" gewesen seien. Man habe das Konzept "Step by step" erarbeitet. Die künftige Präsenz mit angegliedertem Mömax und einem "Logistik-Service-Center" für Auslieferung und Montage sei nicht mehr mit der bisherigen Struktur von Möbel Mahler vergleichbar, wo Logistik und Montage von Bopfingen aus gesteuert worden seien.

Und die Belegschaft? "Die ehemaligen Mahler-Mitarbeiter kommen aus der Region, verfügen über einen fachlichen Hintergrund und kennen das Möbelgeschäft vor Ort", erklärt Michels. "Daher sind sie für uns sehr interessante Bewerber. Es haben sich auch bereits viele bei uns beworben."

Laut den Projektverantwortlichen könnte die Wolfratshauser XXXLutz-Filiale Ende des Jahres eröffnen. Mömax soll vorher in Betrieb gehen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3365488
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 06.02.2017
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.