Wolfratshausen hat einen neuen Wirtschaftsförderer. Wer Carsten Reichel eine Weile zuhört, könnte geneigt sein, die Koffer zu packen und sofort in das 20 000-Einwohner-Städtchen zu ziehen. „Würde Wolfratshausen in der Toskana liegen“, sagt er bei einem Rundgang durch die Marktstraße, „dann würde man an jeder Ecke hier ein Foto machen oder man würde …“ – er verschwindet kurz seitlich im Torbogen des Humplbräu – „… man würde hier in diesen Innenhof spähen, wie in Pisa!“ Über Wolfratshausen wurde schon vieles gesagt. Mit Pisa hat man es schon länger nicht mehr verglichen.
An diesem Junitag sprudelt nicht nur der Brunnen am Marienplatz. Carsten Reichel redet sich in Fluss. Loisach und Arno sind stille Gewässer dagegen. In Sichtweite haben mehrere neue Läden aufgemacht: ein Pilates-Studio, ein kleiner Modeladen, ein Geschäft für hochwertige Damenschuhe, ein Juwelier, der unlängst überfallen wurde. „Kennen Sie Boutique-Hotels?“, fragt Reichel. „Das ist für mich eine Boutique-Innenstadt!“ Für große Ketten sei in den alten Häusern glücklicherweise kein Platz. Stattdessen gebe es viele kleine inhabergeführte Geschäfte, in denen Beratung großgeschrieben werde. „Die Leute kommen aus München, um hier einzukaufen.“ Aus München? „Aber ja! Die Münchner beneiden uns.“ Zweifel zwecklos.


Auch „Oasen“ entdeckt er immer wieder – in einem liebevoll gestalteten Garten im Seilergasserl, im kleinen Japanischen Garten an der Loisach, im begrünten Parkplatz am Stadtmuseum. „Wer hat so etwas in der Innenstadt? Dazu eine Musikschule, die Loisachhalle als Kulturzentrum und bald eine moderne Schule mit Schwimmbad. All das bedeutet Lebensqualität!“
Reichel lebt seit sechs Wochen in der Stadt. Er kommt aus Hof, wo er in den vergangenen fünf Jahren das Stadtmarketing leitete. Seine Aufgabe sei kein Sprint, sagt er. „Das ist immer ein Marathon, wenn nicht ein Ultralauf. Und wir stehen noch an der Startlinie.“
Eine Durststrecke dürfte durch den Untermarkt führen. Das ist die Straße, die einen empfängt, wenn man auf der B 11 von Icking kommend den Wolfratshauser Berg hinunter in die Stadt fährt. Boutiquen sind dort rar gesät. Stattdessen kauern sich viele ehemalige Handwerkerhäuschen aneinander – vergilbt, verlassen, verloren, wie es scheint.


Reichel mag das Wort Leerstand nicht. Das seien Freiflächen, die man neu entwickeln könne, sagt er. „Diesen Mindchange müssen wir hinkriegen!“ Dem „Mindchange“ stehen derzeit unter anderem Erbengemeinschaften, morsche Balken, Bebauungspläne und der Denkmalschutz entgegen. Und nicht zuletzt die B 11. Reichel erwägt, „hier mit Wohnflächen zu arbeiten“. Wohnraum werde gesucht. Und wer im Untermarkt wohne, werde in der Stadt essen und einkaufen. Das alles müsse neu gedacht werden.
Eine erste „Spielwiese“ hat er direkt unter seinem Arbeitsplatz im Erdgeschoss des Rathauses gefunden. Dort ist nach Jahrzehnten ein Schuhladen ausgezogen. „Wen nimmt man da rein? Das kann die Zukunft der Stadt repräsentieren.“ Ja, es gebe Pläne, sagt er. Er habe „einen Anker-Mieter“ im Blick und dazu „lokale Start-ups, die bei Erfolg andere Entwicklungsflächen beziehen“ könnten. Mehr dürfe er noch nicht verraten.

Nach einer knappen Stunde führt der Spaziergang zum Sebastianisteg. Die Loisach zieht grün an den Parkplätzen links und rechts vorbei und nimmt großzügig ein bisschen von der Schwüle mit, die auf der Stadt lastet. Über die Umgestaltung des Ufers wurde viele Jahre diskutiert, die Debatte liegt seit geraumer Zeit auf Eis.
Reichel schlägt vor, auf einer Bank Platz zu nehmen. „Dann erkläre ich Ihnen noch die kulturellen Unterschiede zwischen Italien und Wolfratshausen.“ Muss aber gar nicht sein. Das Wichtigste, das hat er schon vor einer halben Stunde gesagt, sei seiner Überzeugung nach in den Marketingspruch der Stadt gefasst: „Wolfratshausen – mächtig im Fluss.“

