Politische BiIdung:"Der Ansatz des Badehauses ist immer die Völkerverständigung"

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Ort der Begegnung: Vor wenigen Wochen begrüßte Jonathan Coenen (rechts) Gäste aus Israel im Waldramer Badehaus. Der Gegenbesuch ist auf unbestimmte Zeit verschoben. (Foto: Hartmut Pöstges)

Krieg im Nahen Osten, ein politischer Rechtsruck in Bayern und ganz Deutschland - Jonathan Coenen spricht über die Herausforderungen, vor denen der Erinnerungsort Badehaus in Waldram steht.

Von Stephanie Schwaderer, Wolfratshausen

Eigentlich sollte Jonathan Coenen, stellvertretender Vorsitzender des Vereins Bürger fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald, in diesen Tagen mit einer kleinen Delegation in Israel sein und Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen des einstigen Lagers Föhrenwald führen. Der Krieg in Nahost hat diese Pläne zunichte gemacht. Wie geht es nun weiter?

SZ: Herr Coenen, haben Sie Nachricht von den Frauen und Männern, die Sie als Zeitzeugen befragen wollten?

Jonathan Coenen: Ja, wir stehen in einem intensiven Kontakt. An dem Samstagmorgen, als der Krieg ausgebrochen ist, habe ich eine Whats-App-Nachricht von Shoshana Bellen bekommen. Sie schrieb, es gebe gerade Raketenalarm und Terroristen seien in den Süden des Landes eingedrungen, sah aber zunächst noch die Möglichkeit, dass sich die Lage wieder entspannen würde. Das Ausmaß des Massakers war noch nicht absehbar. Bereits am Samstagmittag hat Shai Lachmann, der Vorsitzende der Föhrenwald-Gruppe in Israel, geschrieben, dass es Krieg geben werde. Zwei unserer jungen Interviewpartner wurden auch zur Armee eingezogen. Dann war schnell klar, dass wir auf keinen Fall fahren konnten.

Ihr Projekt liegt also erst einmal auf Eis?

Alle Gespräche, die wir derzeit führen, sind Solidaritäts- und Beileidsbekundungen, also Versuche, die aktuellen Geschehnisse zu verarbeiten. Unser geplantes Projekt muss erst einmal warten. In Israel kursiert derzeit der Hashtag "Never again is now", der das Massaker in einen unmittelbaren Zusammenhang mit der Shoah stellt. Manche sagen, die zweite und dritte Generation sei nun auch zu Überlebenden geworden, so wie ihre Eltern und Großeltern. Das zeigt, wie tief der Schock sitzt, und zeugt von dem Entsetzen über die Aktionen der Hamas-Terroristen. Dieses Entsetzen teilen wir, unsere Gedanken sind bei allen Betroffenen

Ist unter diesen Bedingungen Erinnerungsarbeit überhaupt möglich? Müsste man den Fokus nicht eher auf die Versöhnungsarbeit zwischen Israelis und Palästinensern legen?

Angesichts des aufflammenden Antisemitismus und Israel-Hasses durch den Hamas-Israel-Krieg ist Erinnerungsarbeit in Kombination mit politischer Bildungsarbeit unbedingt notwendig. Die historischen Zusammenhänge des Nahostkonflikts, zu denen auch die Shoah und die Geschichte der Displaced Persons in einstigen Lager Föhrenwald gehört, sind entscheidend, um zu verdeutlichen, dass die Situation dort zu differenziert ist, als dass sie sich einfach in Gut und Böse oder Pro-Israel und Pro-Palästina aufteilen lässt. Hier sehe ich es als unsere Aufgabe, historische Zusammenhänge zu erklären und Reflexionen anzustoßen. Israel führt jetzt keinen Krieg gegen Palästina, sondern gegen die Terroristen der Hamas. Menschen wie Shoshana Bellen haben viel Versöhnungsarbeit geleistet, sie ist mit palästinensischen und israelischen Frauen für Frieden auf die Straße gegangen. Auch uns hat sie ans Herz gelegt: Fahrt in die Palästinensergebiete, schaut euch die Realität dort an! Der Ansatz des Badehauses ist immer die Völkerverständigung.

Sie haben die Reise auf Ende Dezember verschoben. Eine optimistische Planung?

Im Moment ist überhaupt nichts absehbar. Die Schwierigkeit ist, dass die Fördergelder des Bundes für unser Projekt "Jugend erinnert" nur bis Ende des Jahres zur Verfügung stehen. Wir wollen es auf jeden Fall zu Ende führen, es soll ja auch ein Film entstehen. Wann und wie, lässt sich derzeit nicht sagen.

Das Thema Krieg, Flucht und Vertreibung hat sich auch in den Landtagswahlen niedergeschlagen - in einem massiven Rechtsruck. Was lässt sich dem entgegenhalten?

Uns erfüllt das mit großer Sorge. Wir sehen es als Herausforderung an, gerade auch die jüdische Geschichte als einen Teil der deutschen Geschichte zu erzählen, Vorurteile abzubauen und Begegnungen zu ermöglichen. Unklar ist, inwieweit wir dazu künftig noch in der Lage sein werden. Konkret geht es um die Frage, ob wir Fördergelder bekommen. Die Opposition im bayerischen Landtag hat uns im Februar mit einem Antrag auf institutionelle Förderung unterstützt. CSU, Freie Wähler und AfD haben dagegen gestimmt. Wir haben uns bislang schon finanziell schwergetan. Die Gefahr, dass wir künftig in der Politik auf noch weniger Hilfe stoßen, ist hoch. Grundsätzlich bieten unsere Veranstaltungen und unser museumspädagogisches Programm viele Möglichkeiten, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen und zu schauen, wie gemeinsames Leben möglich ist. Migration ist ja kein neues Phänomen, sie gehört seit jeher zu unserer Geschichte. Deutschland war und ist ein Einwanderungsland.

In der nächsten Veranstaltung am Sonntag geht es um die sogenannten Gastarbeiter, die in den Sechzigerjahren nach Deutschland kamen. Was erwartet die Gäste?

Unsere Vorsitzende Sybille Krafft hat zu diesem Thema für das Bayerische Fernsehen eine Filmcollage aus historischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen zusammengestellt. Nach dem Film moderiert sie zusammen mit der Geretsrieder Kulturamtsleiterin Anita Zwicknagl eine Gesprächsrunde mit der ehemaligen Münchner Bauunternehmerin Elisabeth Renner sowie Assunta Tammelleo und Evangelos Karassakalidis, die beide einst Kinder sogenannter Gastarbeiter waren. Das Thema Migration wird uns noch lange begleiten.

"Als die ,Gastarbeiter' kamen": Film und Zeitzeugengespräch, Sonntag, 22. Oktober, 18 Uhr, Erinnerungsort Badehaus, Waldram, Kostenbeitrag 10/5Euro, Anmeldung unter 08171/2572502 oder info@erinnerungsort-badehaus.de

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