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Wie´s früher war:Unbekannte Heimatgeschichte

Historischer Verein Wolfratshausen, Wirtschaftshistorie

Das nennt sich wohl Geschichtsklitterung:Postkarte vom Gasthof Haderbräu samt Burg - dabei war diese 200 Jahre zuvor in die Luft geflogen.

(Foto: Privat/oh)

Von den Flößern zu den Zwangsarbeitern: Bernhard Reisner vom Historischen Verein Wolfratshausen stellt in einem spannenden Vortrag die lange unternehmerische Historie der Loisachstadt vor.

So viel schon einmal vorweg: Eines der wichtigsten Kapitel in der Wolfratshauser Geschichte ist noch gar nicht geschrieben, das des Lagers Föhrenwald als Wirtschaftsfaktor im Dritten Reich und in der Nachkriegszeit. "Tausende von Zwangsarbeitern und später von jüdischen Displaced Persons mussten doch ernährt und verköstigt werden", fordert Bernhard Reisner die historische Erforschung ein und stellte die Frage nach den Lieferanten für die Verpflegung von so vielen Menschen. "Es muss aufgearbeitet werden, wie Wolfratshausen davon wirtschaftlich partizipierte." Ebenso sieht er enormen Forschungsbedarf im Hinblick auf die am Bauboom in der NS-Zeit beteiligten Bauunternehmer und Handwerker, als nicht nur die Baracken für die Zwangsarbeitersiedlung, sondern ganze Straßenzüge wie die Schießstättstraße und die Alpenstraße angelegt wurden.

Ein Jahr lang hat der mittlerweile pensionierte stellvertretende Vorsitzende des Historischen Vereins Wolfratshausen für seinen Vortrag "Von Händlern, Handwerkern und Ingenieuren - Wirtschafts- und Sozialgeschichte im Isar- und Loisachtal" recherchiert - und wurde dabei so fündig, dass er die Hälfte für seine Präsentation kürzlich im Evangelischen Gemeindesaal wieder zusammenstreichen musste.

Überzeugend arbeitete der studierte Wirtschaftler und Hobby-Historiker heraus, welche Bedeutung die geografische Lage auf die wirtschaftliche Entwicklung Wolfratshausens hatte und hat. In Nord-Süd-Richtung erwies sich der Standort stets als Segen: die Nähe zu Isar und Loisach als wichtigen Handelswegen führte dazu, dass das Flößerhandwerk zu einem der dominierenden Erwerbszweige für die hiesige Bevölkerung wurde. In Ost-West-Richtung allerdings stellte sich die Kessellage zwischen Bergwald und Fluss bis heute als großer Nachteil heraus. Die Verleihung des Marktrechts 1409 änderte nichts daran, dass Wolfratshausen als Händlertreffpunkt nicht über eine lokale Bedeutung hinauskam. Handwerk, nicht Landwirtschaft prägte das Erwerbsleben, weil das Ackerland im Isartal wegen der Überschwemmungen nicht fruchtbar genug war. Mit einer beeindruckenden Fülle an historischen Bildern unterlegte Reisner seinen Streifzug durch die Geschichte der Stadt vom Mittelalter bis zu den Industrieansiedlungen nach dem Krieg und berichtete nicht nur von stolzen Flößern und Brauern, sondern auch von ärmlichen Nantweiner Korbflechtern und Besenbindern.

Historischer Verein Wolfratshausen, Wirtschaftshistorie

Postkarten zeigen eigentümliche Sehenswürdigkeiten, etwa das "Weidacher Elektrizitätswerk".

(Foto: Privat/oh)

Eine der größten Veränderungen brachte die Eröffnung der Isartalbahn im Jahr 1891 mit sich. Um ein Haar allerdings wäre Wolfratshausen von diesem Mobilitätssprung abgehängt worden, denn die Gleise sollten ursprünglich von Icking direkt nach Degerndorf abzweigen. Das starke Gefälle ins Tal hinunter galt bautechnisch als zu große Herausforderung. "Erst im letzten Moment gelang es dem Magistrat, die Strecke umzuleiten", so Reisner, der die anschließende Fortsetzung der Bahnlinie von Wolfratshausen nach Bichl zu "einer der größten Fehlplanungen" erklärte, schließlich sei sie wegen wirtschaftlicher Bedeutungslosigkeit längst stillgelegt. Reisner ist sich sicher: Hätte Geretsried zur Jahrhundertwende schon mehr Bedeutung gehabt, wäre die Isartalbahn gleich nach Bad Tölz gebaut worden, mit der Folge, dass Geretsried heute längst die S-Bahn hätte.

Die Wolfratshauser Gastronomie wollte sich gar zu gern einen Teil vom Kuchen abschneiden, als mit der Isartalbahn der Fremdenverkehr in die Stadt rollte, und tat alles dafür, sich mit schöngefärbten Anzeigen ins rechte Licht zu setzen. Zum großen Vergnügen der Zuhörer zeigte Reisner eine alte Postkarte mit dem Gasthof Haderbräu, die im Hintergrund den idyllischen Bergwald und ein darauf thronendes romantisches Gemäuer zeigt. Dabei handelt es sich natürlich um eine historische Fälschung des Illustrators, "denn die Burg war ja schon vor 200 Jahren in die Luft geflogen".

Weiteres Wachstum hat sich die Stadt ein paar Jahrzehnte später selbst verbaut, zu dem Schluss kommt jedenfalls Reisner. Die Weitsicht, die der Stadtrat bei der Isartalbahn besaß, legte er 1978 bei der Gebietsreform nicht an den Tag. Dass die Stadt es nicht verhindert hat, dass sich Gelting Geretsried anschloss und Dorfen Icking, ist für ihn eine der größten Fehlentscheidungen: "Durch die Einkesselung ist der Stadt jede Entwicklungsmöglichkeit genommen." Reisner sieht den Ausweg nur in Kooperation mit der Kommune Geretsried, mit der er sich ein Zusammenwachsen erhofft. "Die einzige Chance liegt in der Doppelstadt."