Wenn Politiker ihre Wähler direkt erreichen wollen, ist ihr bewährtes Mittel oft eine Einladung zum Essen. In Wolfratshausen haben das beide Kandidaten für den Posten des Rathauschefs fast im Gleichklang vorexerziert – nur mit unterschiedlichem Fokus: Bürgermeister Klaus Heilinglechner (Bürgervereinigung) lud am Freitag zum Bürgerfrühstück am grünen Wochenmarkt. Einen Tag später setzte die örtliche CSU auf Prominenz und organisierte ein Wolfratshauser Frühstück mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder und CSU-Bewerber Günther Eibl.
Kaffee, Brezen, Semmeln, Aufstrich, Wurst und Käse an Biertischen im Freien auf der einen Seite also versus Weißwurst und Variationen vom Ei im Gasthaus Flößerei sowie eine Reminiszenz an das legendäre Treffen von 2002, bei dem der damalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber von der CSU sowie die CDU-Bundesvorsitzende Angela Merkel die Kanzlerkandidatenfrage klärten.

Seit der Stadterhebung hat kein Wolfratshauser Bürgermeister eine dritte Amtsperiode geschafft
Historisches wird in jedem Fall einer der beiden Kontrahenten um den Wolfratshauser Bürgermeisterposten zur Stichwahl am Sonntag schaffen. Heilinglechner könnte der erste Rathauschef seit der Stadterhebung im Jahr 1961 werden, der es in eine dritte Amtsperiode schafft. Eibl wäre der erste Bürgermeister der CSU seit dem Tod von Peter Finsterwalder im Jahr 1997.
Die Ausgangslage ist spannend. Beide traten bereits 2020 zur Stichwahl an. Damals verlor Eibl gegen Heilinglechner mit 44,3 zu 55,7 Prozent, unterlag mit 3895 gegen 4900 Stimmen. Dennoch glaubt der amtierende Bürgermeister diesmal einen viel knapperen Ausgang. „Es könnte ein Abstand von 100 Stimmen werden“, so Heilinglechner auf der letzten Veranstaltung seiner Bürgervereinigung am Mittwoch vor der Stichwahl.

Nach der ersten Runde liegt der Rathauschef mit 34,2 zu 26,6 Prozent vorn. Zudem haben ihm etwa die Wolfratshauser Grünen die Unterstützung zugesagt. Die CSU zieht ihr Selbstbewusstsein eher daraus, dass sie nach dem vorläufigen Ergebnis der Stadtratswahl mit 22,5 Prozent knapp stärkste Kraft geworden ist, laut Eibl erstmals seit 24 Jahren einen Sitz im Gremium dazugewonnen hat.
Die Nuancen in der politischen Themensetzung zwischen beiden sind wenig gravierend – die starke Verkehrsbelastung, Mobilität, das Thema Wohnen oder das Parkdeck am Hatzplatz. Unterschiede liegen eher in der Außendarstellung. Eibl ist seit 2002 Stadtrat, war zwischen 2008 und 2014 Wirtschaftsreferent, später CSU-Fraktionssprecher und ist seit Beginn dieser Stadtratsperiode Zweiter Bürgermeister.
Seit 2020 arbeiten Eibl und Heilinglechner als Stellvertreter und Rathauschef zusammen
Ins Gremium wählten die Wolfratshauser Heilinglechner im Jahr 2008, sechs Jahre später wurde der Milchbauer mit Hof im Stadtteil Weidach Bürgermeister. Sich politisch zu engagieren oder gar den Chefposten im Rathaus anzustreben, sei nie sein erklärter Wille gewesen, sagt Heilinglechner über sich selbst.
Eibl ist gelernter Bankkaufmann und hat sich zum Sparkassenbetriebswirt weiterbilden lassen. Schließlich schloss er die Ausbildung zum Meister der Elektrotechnik ab, übernahm den von seinem Vater gegründeten Betrieb. Seine Geradlinigkeit, betriebswirtschaftliche und technische Kompetenz stellt er heraus. Im Wahlkampf setzte er sich etwa dafür ein, vor allem die Ansiedlung von Unternehmen aus der Startup-Szene in IT und EDV mit wenig Platzbedarf zu fördern. Das brauche weniger zusätzliche Infrastruktur und stärke den Wirtschaftsstandort.
In den vergangenen sechs Jahren sind große Kontroversen zwischen Eibl und Heilinglechner ausgeblieben. Von einem gewachsenen Vertrauensverhältnis zu seinem Stellvertreter spricht der Rathauschef selbst – und davon in dieser Konstellation gut weiterarbeiten zu können. Diese Konstellation will Eibl naturgemäß umdrehen.

