Seit 1987 verbindet Wolfratshausen eine Städtepartnerschaft mit Iruma, das etwa 40 Kilometer von Tokio entfernt in der Präfektur Saitama liegt. Die Loisachstadt ist damit eine von 15 Kommunen in Bayern, die eine solch offizielle Beziehung zu einer japanischen Kommune pflegen. Wie gelingt der Austausch über knapp 11 000 Kilometer Luftlinie hinweg? Welche Herausforderungen sind zu bewältigen? Und wie gehen beide Seiten mit ihren kulturellen Unterschieden um? Darüber sprach die SZ mit Wiggerl Gollwitzer. Er ist Vorsitzender des Partnerschaftsvereins Iruma und war 38 Jahre lang auch Chef der Theatergruppe „Loisachtaler Bauernbühne“.
SZ: Herr Gollwitzer, beginnen wir auf Japanisch: Konichiwa, Gollwitzer-san.
Wiggerl Gollwitzer: Konichiwa (verbeugt sich).
Wie gut ist Ihr Japanisch?
Schlecht. Ich bereite mich immer nur vor, wenn die Delegationen aus Iruma kommen. Mit den nötigsten Begriffen wie: „Guten Morgen“, „Guten Abend“, „Schlafen Sie gut“, und so weiter. Das reicht eigentlich.
Bei Partnerstädten in Europa kann man meist auf Englisch ausweichen, wenn man die Landessprache nicht beherrscht. Wie läuft die Verständigung mit Japanern, wenn man nicht Japanisch kann?
Ich möchte sagen, dass es in den letzten zehn Jahren wesentlich besser mit Englisch läuft. Es gibt in Japan eine neue Generation, die gelernt hat, dass Englisch als Weltsprache wichtig ist. 2008, als ich zum ersten Mal in Iruma war, ging auf Englisch nichts. Da hat man Dolmetscher gebraucht, dann ging es.

Als die Partnerschaft vor 38 Jahren begründet wurde, kommentierte eine Lokalzeitung, der Stadtrat sei bei diesem Beschluss wohl von der aufgehenden Sonne geblendet worden. Es hieß, das sei nur etwas für Stadtobere und betuchte Wolfratshauser, aber nicht für den normalen Bürger. Hat die Zeitung recht behalten?
Da hat sie sich schwer getäuscht. Der damalige Bürgermeister Erich Brockard hatte es schwer, sich damit durchzusetzen. Das ist richtig. Aber er war eben ein Entscheider. Der Stadtratsbeschluss war gut. Tatsächlich ist eine richtige Städtepartnerschaft zwischen den Bürgern von Iruma und den Bürgern von Wolfratshausen entstanden.
Wolfratshausen und Iruma sind knapp 11 000 Kilometer voneinander entfernt. Der Flug dauert derzeit 14 Stunden, ein Ticket kostet etwa 2000 Euro pro Person. Das sind nicht gerade ideale Bedingungen für einen regelmäßigen Austausch. Gab es da nicht auch mal Brüche in den Beziehungen?
Durch Corona gab es drei Jahre lang eine Unterbrechung. Die Japaner hatten große Angst, das Virus einzuschleppen. Aber sonst fand der Austausch regelmäßig statt. Alle zwei Jahre fliegt eine Delegation aus Iruma nach Wolfratshausen, alle zwei Jahre kommt eine Delegation aus Wolfratshausen nach Iruma. Die Besuche finden also im jährlichen Wechsel statt. Nur dieses Jahr kam keine Delegation aus Japan, weil der Stadtrat in Iruma den Rotstift angesetzt und die Reise gestrichen hat. Der Partnerstadt geht es finanziell auch nicht immer so gut.
Wie werden die Reisen organisiert?
Die Kosten für das Hotel in Iruma werden von der Stadt Iruma übernommen, aber den Flug zahlt jeder Teilnehmer selbst. Das gilt auch umgekehrt. Außerdem bezahlen beide Städte für die Gäste die Unternehmungen: die Ausflüge, die Eintrittskarten, das Essen, den Bus. Das ist das Los der Freundschaft. Und ich finde, das muss es auch wert sein. Da darf sich eine Stadt nicht zurückhalten.

„Wenn die Delegationen aus Iruma kommen, unterstützen wir die Stadt“, sagt der Vorsitzende des Partnerschaftsvereins
Welche Schwierigkeiten tun sich bei der Organisation – quasi um den halben Erdball – auf?
Die Organisation liegt zu hundert Prozent bei der Stadt Wolfratshausen. Vor ein paar Jahren ist eine Delegation aus Wolfratshausen einmal gestrandet, weil sie keinen Direktflug hatte und es nach der Zwischenlandung keinen Weiterflug gab. Da musste schnell umgebucht werden. Es ist schon ein Haufen Arbeit. Bei jedem Pass muss kontrolliert werden, ob er gültig ist, das Ablaufprogramm muss den Teilnehmenden zugestellt werden, und so weiter.
Und was macht der Partnerschaftsverein?
Wenn Delegationen aus Iruma kommen, unterstützen wir die Stadt. Zum Beispiel schauen wir uns Ausflugsziele, Reiserouten oder auch Gaststätten an, die infrage kommen. Und wir haben auch Ideen, wohin wir mit den japanischen Freunden sonst noch fahren können.
Was sind denn die beliebtesten Ziele der Gäste aus Iruma?
Neuschwanstein natürlich. Schloss Nymphenburg, das Wasmeier-Museum, eine Tegernsee-Rundfahrt – alles, womit Bayern glänzen kann. Dabei werden auch die örtlichen Vereine einbezogen. Die Wolfratshauser Gebirgsschützen haben etwa den Abend nach einem Neuschwanstein-Ausflug übernommen, die Gäste verköstigt und sie am Schießstand schießen lassen.
Wie kam das bei den Japanern an?
Der Bürgermeister von Iruma war begeistert, er ist selbst Bogenschütze. Es hat allen gut gefallen. Es ist schön, wenn die örtlichen Vereine einbezogen sind, wenn der Trachtenverein etwa seine Trachten und Tänze zeigt, das untermauert die Partnerschaft. Die Freundschaft zwischen Bayern und Japan funktioniert ja auch deshalb, weil Ähnlichkeiten da sind, wie die Pflege jahrhundertealter Traditionen.

Ein vorrangiges Ziel von Städtepartnerschaften ist der Jugendaustausch ...
... auch das läuft sehr gut. Meist kommen alle zwei Jahre acht, neun Jugendliche aus Iruma. Sie werden in Familien untergebracht, die selbst Jugendliche haben sollten. Es entstanden schon tolle Freundschaften unter den jungen Leuten, wie ich als begleitende Aufsichtsperson miterlebt habe. Beim Abschiednehmen kullerten die Tränen. Auf beiden Seiten. Japaner sind sonst ja zurückhaltend, wenn es darum geht, Emotionen zu zeigen. Aber da weinten auch die Jugendlichen aus Iruma Rotz und Wasser.
Der Partnerschaftsverein wurde 2004 gegründet. Damals bestand er nur aus einer Handvoll Japan-Begeisterter. Wie viele Mitglieder hat er derzeit?
Mehr als 100. In den vergangenen Jahren hat es immer wieder Beitritte gegeben. Meistens wird der Wunsch von mir, dem Verein beizutreten, an die Delegationsteilnehmer herangetragen, die gerade drüben waren. Dadurch haben wir einige Mitglieder werben können, die sehr engagiert sind. Es ist alles sehr harmonisch. Wer aus Wolfratshausen nach Japan fahren darf, entscheidet der Bürgermeister. Es gibt auch eine Warteliste.
Wie ist Ihr Eindruck: Ist den Menschen in Iruma die Beziehung zu Wolfratshausen wichtig?
Sehr wichtig. Wir sind für sie die Schwesterstadt. Das bedeutet eine besondere Form der Wertschätzung: nicht das Übliche, nicht nur Partner, sondern familiär. Beim Mandoh-Fest, dem Fest der 10 000 Lichter, gibt es einen Markt, auch Wolfratshausen hat dort einen Stand. Einmal kamen einige ältere Japaner und freuten sich uns zu sehen. Dann haben sie auf einmal angefangen, deutsche Volkslieder zu singen. Das waren betagte Leute, einfache Bürger Irumas. Wir können viel von den Japanern lernen, was Gastfreundschaft angeht. Sie tun alles und lesen jeden Wunsch von den Lippen ab.
2003 hat Iruma der Stadt Wolfratshausen zur 1000-Jahrfeier einen japanischen Garten geschenkt.
Das Geld kam von den Bürgern von Iruma. Ein Geschenk für die Bürger von Wolfratshausen. Fünf Gärtner kamen, um den Garten nach den japanischen Regeln anzulegen, mit Bäumen und Büschen, teilweise aus Japan, mit Pagode und Oribe-Laternen. Die Steine haben sie in hiesigen Steinbrüchen ausgesucht. 2023, zum 20-jährigen Bestehen, waren drei der fünf Gärtner nochmals da. Der Gärtnermeister erzählte bei der Feier im Garten, wie er damals seine vier Kollegen überwacht und dabei immer mit einem Weißbierglas in der Hand dagestanden habe.


Wer pflegt den Garten unterm Jahr?
Alle fünf Jahre kommen Gärtner aus Iruma und schauen nach dem Rechten. Sie zupfen die Kiefern aus, alles wird auf Minimalismus zurechtgeschnitten. Ansonsten pflegt der Partnerschaftsverein die Anlage, vom März bis November, jeweils einmal im Monat. Außerdem haben wir mit Max Ruth einen Landschaftsgärtner aus Ebersberg, der Japanologie studiert hat und auf japanische Gärten spezialisiert ist. Er ist unser Vereinsmitglied, und es ist ein Glück, dass er sich bei uns gemeldet hat. Er kommt einmal im Jahr mit seinen Mitarbeitern und schneidet alles fachmännisch zu.
Wie sieht es denn mit den kulinarischen Unterschieden aus? Neckt man sich gegenseitig mit Weißwürsten und gegrillten Fischinnereien?
Es gab einmal folgende Begebenheit: Die Loisachtaler Bauernbühne hatte die japanischen Gäste ins Wolfratshauser Campingstüberl zum Schweinshaxen-Essen eingeladen. Aber wir hatten kein Besteck, sondern Stäbchen dazu gelegt. Wir haben dann angefangen, mit den Stäbchen irgendwie die Haxn zu essen – und die Japaner haben uns mit großen Augen zugeschaut. Danach haben wir dann schon Messer und Gabel ausgegeben.


Schmecken den Japanern die bayerischen Spezialitäten?
Sie mögen das Fette daran. Schweinshaxen, Kässpatzen, das essen sie, bis der Teller leer ist. Ich weiß, dass sie das mit ihrem Magen nicht gut vertragen, aber der Anstand gebietet es ihnen, nichts übrigzulassen. Sonst würden sie zeigen, dass es ihnen nicht geschmeckt hat.
Und wie sieht es bei Ihnen mit den Besonderheiten der japanischen Küche aus? Hat Ihnen etwas nicht gemundet?
Es gibt dort zum Frühstück gegorene Bohnen in zugeschweißten Schälchen. Das zieht beim Öffnen so richtig Fäden. Einer Frau aus unserer Delegation hat es geschmeckt, die anderen haben ihr die Schälchen zugeschoben.

Wie würden Sie die Mentalität der Japaner beschreiben?
Herzlichkeit. Das ist der Begriff für ihre Mentalität. Als ich 2008 dort war, waren sie noch ein wenig steif. Aber das hat sich geändert. Wenn man sie am Flughafen abholt, fallen sie einem jetzt fast um den Hals, das war früher unvorstellbar.
Auch die Umgangsformen sind in Japan anders als in Bayern. Bekommen die Mitglieder der Delegationen vorher einen kurzen Crashkurs im richtigen Benehmen?
Von der Stadt bekommen sie ein Heft mit den richtigen Verhaltensregeln. Dass man zum Beispiel die Hausschuhe in einem Restaurant wechseln muss, wenn man zur Toilette geht. Aber in den letzten Jahrzehnten hat sich niemand groß danebenbenommen.
Ist Ihnen schon mal ein Fauxpas passiert?
Die Loisachtaler Bauernbühne hatte Kontakt zu einem Dolmetscher. Wir haben ihn gebeten, dass wir drüben gerne ein Tragerl Augustiner-Bier hätten. Er hatte uns nämlich gesagt, dass es in Japan viele Biersorten gebe. Der arme Kerl ist dann vier Tage lang vergebens herumgelaufen, um das Augustiner-Bier zu besorgen. Es war mir dreimal unangenehm, den Wunsch geäußert zu haben.

