Gesundheit und Versorgung in WolfratshausenApotheken-Aus in der Altstadt

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Nach Jahrzehnten persönlicher Beratung und Nachbarschaftshilfe muss die Marien-Apotheke in Wolfratshausen schließen. Apotheker Peter Becker warnt vor einem bundesweiten Trend.
Nach Jahrzehnten persönlicher Beratung und Nachbarschaftshilfe muss die Marien-Apotheke in Wolfratshausen schließen. Apotheker Peter Becker warnt vor einem bundesweiten Trend. (Foto: Hartmut Pöstges)

Mit der Marien-Apotheke verschwindet nicht nur eine wichtige Anlaufstelle für Arzneimittel, sondern auch ein Ort des Vertrauens und der Gemeinschaft. Inhaber Peter Becker erklärt die Hintergründe, und diese stehen exemplarisch für die Krise vieler Apotheken in Deutschland.

Von Anja Brandstäter, Wolfratshausen

In der Marien-Apotheke im Wolfratshauser Obermarkt leeren sich die Regale. Die letzte Altstadt-Apotheke hat geschlossen, und Fachapotheker Peter Becker räumt aus. Mit der Marien-Apotheke verliert die Altstadt nicht nur einen Ort der Arzneimittelversorgung, sondern auch ein Stück gelebter Nachbarschaft, das für viele Bürgerinnen und Bürger fester Bestandteil ihres Alltags war. „Es ist ein sehr emotionaler Abschied. Unsere Kundschaft hat uns oft über Jahre hinweg begleitet. Es waren nicht nur Kundenbeziehungen, sondern es ist Vertrauen entstanden, das sich in zahlreichen Gesprächen aufgebaut hat. Sie haben ihre Sorgen mit uns geteilt und wir haben gemeinsam nach Lösungen gesucht“, erzählt Peter Becker. In den letzten Tagen flossen Tränen. Zusammen mit seinem engagierten Team hat er nicht nur Medikamente ausgegeben, sondern auch beraten, betreut, getröstet und zugehört.

Darüber hinaus verlieren die umliegenden Dörfer ihr „Arznei-Taxi“, denn Peter Becker und sein Team versorgten ihre immobilen Kundinnen und Kunden rund um Wolfratshausen mit Medikamenten. Die Wolfratshauser Marien-Apotheke war eine Institution mit Geschichte und Tradition.

Trotz bester Voraussetzungen hat der 66-jährige Apotheker keine Nachfolgerin, keinen Nachfolger gefunden. Seit mehr als eineinhalb Jahren sucht er bereits intensiv nach einer geeigneten Person: Auf seine Anzeigen, persönliche Gespräche und Kontakte meldete sich niemand, der die Verantwortung für die Marien-Apotheke übernehmen wollte. Dabei waren die Bedingungen optimal: ohne Ablösesumme, mit umfassender Einarbeitung und mit seiner Bereitschaft, noch gelegentlich zu vertreten. „Ich hätte mir sehr gewünscht, diese gut etablierte Apotheke an jemanden übergeben zu können, der sie mit Herz und Fachwissen weiterführt, was wir hier aufgebaut haben“, betont Peter Becker.

Im Schnitt muss täglich eine Apotheke in Deutschland schließen

Das Schicksal der Marien-Apotheke steht beispielhaft für einen bundesweiten Trend. Im Schnitt muss täglich eine Apotheke in Deutschland schließen. Peter Becker nimmt an, dass in drei Jahren 30 bis 50 Prozent der Apotheken geschlossen sein könnten. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Einerseits gebe es einen Nachwuchsmangel, da das Berufsbild an Attraktivität verloren habe. Hinzu komme die hohe Arbeitsbelastung durch lange Öffnungszeiten, Nacht- und Wochenenddienste sowie eine stagnierende Vergütung. Peter Becker erklärt: „Der gesetzlich festgelegte Festzuschlag pro Medikamentenpackung wurde seit 2011 nicht erhöht. Gleichzeitig wurden die Abschläge an die Krankenkassen, eine Art ‚Rabatt‘ an die gesetzlichen Krankenkassen, sogar erhöht, was zu einem wirtschaftlichen Ungleichgewicht führt.“

Der Apotheker bemängelt außerdem die steigenden Kosten für Personal, Energie, Digitalisierung und Logistik sowie die zunehmende Bürokratie und Dokumentationspflichten. Auch die Lieferengpässe bei Arzneimitteln führten zu einem hohen Beratungsaufwand, der nicht honoriert wird. Ferner nannte er die Konkurrenz durch Versandapotheken, die keine persönliche Beratung oder Notdienste anbieten und auch kein Labor oder eine Rezeptur vorhalten müssen.

Appell an die Politik

Peter Becker appelliert an die Politik und hofft auf politische Impulse durch die neue Gesundheitsministerin Nina Warken. Es müsse klar sein, dass öffentliche Apotheken ein unverzichtbarer Teil der gesundheitlichen Grundversorgung sind.

Er wird die Apotheke vermissen, denn der Beruf war seine Leidenschaft: „Ich würde jederzeit wieder Apotheker werden. Es ist ein unglaublich erfüllender Beruf, aber die Rahmenbedingungen müssen stimmen.“

Zu seinen Stammkundinnen gehörten beispielsweise die Nonnen des Klosters Beuerberg. „Sie bezahlten immer mit einem Sack voller Kleingeld und zu Weihnachten haben wir köstliche, selbst gebackene Lebkuchen bekommen. Auch den ‚Kloster Beuerberger Naturkraft‘, einen Löwenzahnlikör, den die Nonnen herstellten, haben wir verkauft.“ Gerne kam auch der Humorist Loriot alias Vicco von Bülow in der Apotheke vorbei.

„Während der kommenden Wochen wird die Apotheke ausgeräumt. Wer sich ein Stück Apothekengeschichte sichern möchte, ist herzlich eingeladen, noch einmal vorbeizuschauen“, sagt Peter Becker. Die Zeiten seiner Anwesenheit veröffentlicht er an der Eingangstüre. Neben antiken Apothekenfläschchen und -kisten, alten Mörsern und historischen Laborgeräten stapeln sich auch die gelben Merkzettel für das Arznei-Taxi. Noch.

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