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Ausfälle bei der S7:Die Wende der Verkehrswende

S-7 Geschichte

Auf der Zielgeraden Richtung Wolfratshauser Bahnhof - doch vor allem im September sind viele S-Bahnen gar nicht bis dorthin gekommen. Wegen starker Verspätung haben die Züge oft schon in Höllriegelskreuth kehrt gemacht.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die Corona-Krise hat viele Berufspendler verunsichert. Seit September füllen sich die Züge wieder. Doch ausgerechnet seitdem mehren sich gerade bei der S 7 nach Wolfratshausen die Ausfälle. Die Alternative: das Auto.

Von Marie Heßlinger

Er wollte es nicht mehr widerstandslos hinnehmen. "Die Isartalgemeinden sind aufgerufen, für ihre pendelnden Bürgerinnen und Bürger eine starke Lobby zu bilden und die notwendige Verlässlichkeit einzufordern", hat Fabian Blomeyer in einem Brief über die S 7 nach Wolfratshausen geschrieben. Bloß, wohin mit seinem Protestbrief? Das wusste der Schäftlarner Gemeinderat dann auch nicht so genau.

Mit seiner Kritik aber ist Blomeyer nicht allein. Seit 1972 fährt die S-Bahn von München nach Wolfratshausen. Und seitdem beklagen Pendler immer wieder deren Unpünktlichkeit. Doch in der Corona-Krise wenden sich nun tatsächlich viele Bahnfahrer von der Linie ab. "Wer Angst vor zu viel Nähe hat, setzt sich jetzt doch eher ins Auto", sagt beispielsweise Eva Klor. Wer sich jedoch einmal ans Autofahren gewöhnt habe, wolle danach womöglich nicht mehr zurück in die S 7, befürchtet sie. Klor pendelt täglich mit der S-Bahn von Hohenschäftlarn nach München. Sie nutzt alle verfügbaren Bahn-Apps und bezeichnet sich selbst als S-Bahn-Idealistin. Jetzt allerdings sagt sie: "Die Zukunft der S-Bahn steht so ein bisschen auf der Kippe."

Gemeinderat Blomeyer jedenfalls ist von der S-Bahn bereits umgestiegen - aufs Fahrrad. "Aber bei der Kälte 25 Kilometer jeden Morgen nach München - da muss man erst einmal den Schweinehund überwinden", sagt er. Als Mitglied der Fraktion der Grünen befürchtet auch Blomeyer eine Zunahme an Auto- statt S-Bahnfahrern - dann würde aus der Verkehrswende nichts werden. Die Deutsche Bahn, so lässt sich Blomeyers Kritik wohl zusammenfassen, habe in den vergangenen Monaten trotzdem alles andere als an der Kundenfreundlichkeit der S 7 gearbeitet.

Es seien, zählt er als Beispiel auf, insbesondere im September - also gerade in jener Phase, als sich viele Menschen zum ersten Mal seit Beginn der Pandemie wieder in die Bahn gewagt hätten - viele verspätete Züge gar nicht erst nach Wolfratshausen durchgefahren. Stattdessen hätten die Passagiere in Höllriegelskreuth aussteigen und eine der darauffolgenden Bahnen nehmen müssen. "In Zeiten von Corona ist es sicherlich eine gute Idee, Fahrgäste aus zwei S-Bahnen in eine zu stopfen", sagt der 46-Jährige sarkastisch.

Und auch diese Woche gab es am Donnerstagabend wieder eine schwere Störung. Wegen Stellwerksproblemen in Baierbrunn wendeten die Züge bereits in Höllriegelskreuth. Nach Wolfratshausen ging es nur mit Bussen und Taxis weiter. Auch am Freitagmorgen sorgte diese Störung wieder für Verspätungen.

Ein Sprecher der Bahn rechtfertigt die außerplanmäßigen Rauswürfe im September: Würde ein stark verspäteter Zug bis zu seinem Endbahnhof durchfahren, würde er die Rückfahrt bereits mit einer Verspätung beginnen, sagt er. Auch in Corona-Zeiten sei das Bahnfahren aber sehr sicher. Durch automatisches Öffnen der Türen würden die Waggons regelmäßig gelüftet, niemand müsse die Türöffner anfassen. Die insgesamt 250 S-Bahn-Züge würden zudem intensiv gereinigt.

Wirklich sicher fühlt sich aber auch Bahnfahrerin Klor nicht. Die neueren Modelle der S-Bahn-Waggons hätten mehr Steh- als Sitzplätze, was zu mehr Gedränge führe, sagt sie. Außerdem leide der Komfort: "Im Stehen liest es sich sehr schlecht", so die 50-Jährige. "Zuverlässigkeit, Preis und Bequemlichkeit", sagt sie, das seien die Kriterien, um Schienenverkehr attraktiv zu machen. Über die Preise sagt Klor: Autofahren sei günstiger, sobald man als Familie mit mehr als zwei Personen unterwegs sei. Und die Sache mit der Zuverlässigkeit? "Oft hat sich das über Tage hingezogen, dass man an keinem Tag pünktlich irgendwo angekommen ist", so Klor.

Die Bahn hat da natürlich eine etwas andere Sicht: "Eine besondere Häufung auf der Linie S 7 im Vergleich zu anderen Linien ist hierbei nicht zu verzeichnen", entgegnet ein Konzernsprecher. Aus einer Statistik für das abgeschlossene Jahr 2019 geht dennoch hervor, dass die S 7 nach Wolfratshausen zumindest im vergangenen Jahr die unzuverlässigste Linie war. 90,6 Prozent der Züge hatten weniger als sechs Minuten Verspätung - und gelten statistisch damit als pünktlich. Rund 8000 Menschen waren 2019 täglich zwischen Wolfratshausen und Höllriegelskreuth unterwegs. Seit Corona sind es um die 30 Prozent weniger.

© SZ vom 23.10.2020/aip/lot
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