Christiana Kümmel ist fest entschlossen: Sollte das Wasserwirtschaftsamt Weilheim ernst machen und die geplanten Baumfällungen an der Loisach umsetzen, „setze ich mich auf einen Baum, klettere ich auf einen Baum – und wenn ich nur einen einzigen retten kann“. Und wie man aus dem heftigen Applaus des Publikums schließen darf, vor dem die Wolfratshauserin sprach, wird sie mit ihrer Rettungsaktion wohl nicht allein bleiben. Gut hundert Bürgerinnen und Bürger haben am Samstagvormittag zwischen Rathaus und Loisach für die Erhaltung eines Wolfratshauser „Markenzeichens“ demonstriert. Die Initiative „Wor for Future“ hatte dazu unter dem Motto „Wir brauchen unsere Bäume“ eingeladen.

Anlass des Bürgerprotests ist die Absicht des Wasserwirtschaftsamts, zum Hochwasserschutz etwa 50 Bäume im Innenstadtbereich am westlichen Loisachufer zu fällen – und nichts nachzupflanzen. Stattdessen sollen 4500 Tonnen Steine eingebaut werden. Das Wasserwirtschaftsamt begründet die Maßnahme mit der mangelnden Standsicherheit der Böschung und verweist auf Bibergänge. Die erst in diesem August und damit äußerst kurzfristig bekannt gewordene Maßnahme – schon am kommenden Dienstag sollen Bagger anrücken – hat in Wolfratshausen auf allen Ebenen Entsetzen ausgelöst. Bürgerinnen und Bürger protestieren, Stadtratsmitglieder haben das Wasserwirtschaftsamt in einer Ferienausschuss-Sitzung zur Überprüfung der Pläne aufgefordert, Parteien und Vereine wie Grüne und „Lebendige Altstadt Wolfratshausen“ kritisieren das Vorgehen.

Bei der Demo am Samstag erklärte Wor for Future-Sprecher Jan Reiners, Hochwasserschutz sei wichtig, aber zum Hitzeschutz „brauchen wir die Bäume“. Seine Initiative habe im Bereich zwischen Andreas- und Johannisbrücke 62 Bäume gezählt, von denen einige mehr als achtzig Jahre alt seien. Nach Auskunft der „Lawyers for Future“ sei für die Situation an der Loisach eine entscheidende Frage, ob tatsächlich nur eine Sanierung geplant sei, wie das Wasserwirtschaftsamt es nenne, oder ob es nicht vielmehr ein Gewässerausbau sei. Dann nämlich wären Bürgerbeteiligung und Anhörung der Umweltverbände zwingend geboten.

Um Beteiligung geht es allen, die gegen den Kahlschlag demonstrieren. Dafür haben allein am Samstag mehr als 300 Menschen die Forderung von Wor for Future unterzeichnet, dass keine vollendeten Tatsachen geschaffen werden, bevor alles ausführlich geprüft ist. Dazu aber seien Transparenz, Dialog und Bürgerbeteiligung nötig, so Reiners. Die Initiative sammelt in Geschäften weiter Unterschriften, um sie der Stadt zu übergeben.

Architekt Klaus-Peter Scharf verwies auf einen zwölf Jahre alten Entwurf für eine umfassende Neugestaltung des Bereichs an der Loisach hinterm Rathaus hin zu einer Uferpromenade mit Gastronomie, Spielplatz, direktem Zugang zum Wasser und vielerlei Aufenthalts- und Erholungsflächen. Dieser Entwurf, der aus einem Ideenwettbewerb hervorgegangen ist, sei leider von der Stadt einfach nicht weiterverfolgt worden, sagte Scharf. Die angekündigten Baumfällungen würden den Plan nun restlos zunichtemachen. Es sei immer dasselbe, sagte er: „Ämter entscheiden, und wir dürfen uns dann wehren.“
Die Kommune solle „ein bisserl schärfer auftreten“
Ein ähnliches Muster sieht auch der Gründer von Wor for Future, David von Westphalen, in der Stadtpolitik. Mit dem politischen Willen sei es in Wolfratshausen problematisch, sagte er, allzu oft wolle sich die Politik aus wichtigen Entscheidungen raushalten: „Das erlebt man hier immer wieder.“ Unter dem Beifall des Publikums sagte er, bei einem Thema, das die eigene Kommune betreffe, solle man doch einmal „ein bisserl schärfer auftreten“.
Dies scheint vielen umso mehr geboten, als es durchaus Alternativen zu Baumfällungen am Ufer gebe. Landshut habe dies mit einem sicheren und ökologisch sinnvollen Hochwasserschutz vorgemacht, erklärte Reiners. Dort wurde ins Ufer eine Spundwand eingerüttelt.
Der frühere Grünen-Stadtrat Hans Schmidt wies auf zwei Punkte hin. Es gebe für den Hochwasserschutz, wie das Wasserwirtschaftsamt ihn plane, keinerlei Dringlichkeit. Im Gegenteil sollten erst einmal die von der Stadt vorgesehenen Maßnahmen zum Hochwasserschutz umgesetzt werden. So stimmte denn auch das Publikum der Aufforderung von Rainer Holthaus zu, einen Baustopp zu erwirken.
Konkrete Fällungen sind für Oktober geplant
An der Einrichtung der Baustelle von kommendem Dienstag an wird sich so schnell wohl nichts mehr ändern lassen. Konkrete Fällungen sind nach bisherigem Stand für 1. Oktober geplant. Bis dahin werden sich manche noch überlegen, wie sie den Kahlschlag verhindern können. Michael Schäfer hatte dazu eine Anregung. In der Lindenschmitstraße in München, so sagte er, hätten Anwohnerinnen und Anwohner Baumfällungen verhindert, indem sie unter den Bäumen frühstückten. Ob sie nun ein gemütliches Sit-in veranstalten oder lieber auf die Bäume kraxeln – viele Wolfratshauserinnen und Wolfratshauser scheinen jedenfalls entschlossen zu sein, den Grünzug an ihrem Fluss zu retten.

