Konzertkritik:Musik fürs Ohr, Spielfreude fürs Auge

Lesezeit: 2 min

Konzertkritik: Fuad Ibrahimov dirigiert das Orchester der Neuen Philharmonie München in der Loisachhalle.

Fuad Ibrahimov dirigiert das Orchester der Neuen Philharmonie München in der Loisachhalle.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die Neue Philharmonie München unter Leitung von Fuhad Ibrahimov überzeugt in der Wolfratshauser Loisachhalle.

Von Hans Hoche, Wolfratshausen

Kaum die Septemberabendfrische auf dem Weg zur Loisachhalle hinter sich gelassen, fand man sich schon kurze Zeit danach wieder in der flirrenden Hitze eines Sommernachmittags, als mit Claude Debussys "Prélude à l'après-midi d'un Faune" das Konzert der Neuen Philharmonie München unter der Leitung ihres Chefdirigenten Fuad Ibrahimov eröffnet wurde.

Ein anspruchsvoller Konzertbeginn und mental wahrscheinlich nicht immer ganz einfach für jenen Musiker, der ohne Vorspiel und ohne jegliche Begleitung einstimmig mit einem Flötensolo einsetzt. Er muss aus dem Stand heraus allein die richtige Stimmung, die richtige Farbe finden, die entscheidend sein wird für das ganze Stück. Für Carlos Cascales Serrano war dies kein Problem. Mit seinem gefühlsvollen Spiel, sanft und mit Ausdruck fließend, nahm der junge Spanier das Publikum mit in die Geschichte um Begierden und erotische Fantasien des Fauns. Immer wieder erklang diese Melodie, jedoch stets von anderen Harmonien begleitet. Man konnte ihr eine Art Schwebezustand zwischen schläfrigem Lustgefühl und laszivem Verführungstrieb entnehmen. Debussys raffiniertes Spiel von Klangfarben und Formen, eindrucksvoll wiedergegeben, schien Musiker und Publikum gleichermaßen zu verführen.

Dass Erotik nicht alles ist, zeigte sich in dem geerdeten und schalknackigen Pulcinella in gleichnamiger Suite von Strawinsky (1882-1971) am Ende des Konzerts. Die Flötentöne hatten hier ganz andere Farben, waren keck und übermütig. Der stets gewitzte Harlekin Pulcinella aus der "Commedia dell'arte" bildete einen humorvollen Gegenpol zum bocksfüßigen Faun. Das Orchester verstand es überzeugend, die für Pulcinella typischen Verwechslungen und Intrigen musikalisch zu übertragen. Dabei konnte man die paar Dezibel mehr vom Blech durchaus als augenzwinkerndes Ausrufezeichen verstehen. Inspiriert von einer damals irrtümlich Pergolesi zugeschriebenen Komposition zu der Verwechslungskomödie "Vier gleiche Pulcinellas" schuf Strawinsky ein für ihn eher untypisches Werk. Dazu eine Konzertbesucherin: "Ich hätte in dieser Musik Strawinsky nicht entdeckt."

Ähnlich wie Strawinsky mit seiner Pulcinella Suite ist auch Maurice Ravel (1875-1937) mit der Komposition von "Le tombeau de couperin" in frühere Zeiten eingetaucht. Er ließ sich, wie sein Kollege Debussy, von der Musik des französischen Barock inspirieren, insbesondere von dessen größten Meistern François Couperin und Jean-Philippe Rameau. Ursprünglich als sechssätzige Klaviersuite komponiert, orchestrierte Ravel später vier der Sätze, in der die Holzbläser eine tragende Rolle einnehmen. Folgerichtig hatten im Konzert die Bläser auf der hinteren Bühnenstufe auch ordentlich zu tun. Ihnen zuzuhören war reiner Genuss.

Eine Herausforderung besonderer Art für die Musiker waren die Metamorphosen für 23 Solostreicher von Richard Strauß (1864-1949). Jeder der 23 Streicher hatte eine eigene, solistische Stimme, und das erforderte ein Höchstmaß an Konzentration. Die 23 jungen Streicher spielten das Werk mit sicherer Hand. In diesem Stück trat die magische Kraft der Musik besonders deutlich hervor. Es brauchte kein großes Gespür für atmosphärische Ursachen und Zusammenhänge (Strauß hat es in den letzten Kriegsjahren komponiert), um die Dramatik seiner Seelenlage darin zu erkennen.

Musik ist fürs Ohr, ein Konzert zusätzlich auch für das Auge. Das Orchester setzte sich zusammen aus 40 jungen Musikern unterschiedlicher Nationalitäten. Jugendliche Spielfreude und musikalische Ernsthaftigkeit kamen sichtbar zusammen und machten auch visuell das Konzert zum reinen Genuss.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema