Geht jemand in einer unbekannten Stadt mit anderem Blick als daheim durch die Straßen? Nimmt ein Fremder mehr und anderes wahr als ein Einheimischer, der seine festen Marschrouten verfolgt, nicht nach links oder rechts blickend? Man muss Letzteres wohl vermuten, zumindest legen es die Exponate nahe, mit denen die beiden Künstler Wolfram P. Kastner und Michael Heininger, beide aus München, im Kunstturm am Wolfratshauser Schwankl-Eck gastieren. Die Ausstellung zeigt beispielsweise auffällig unsinnige Verbote - "bitte kein Fahrrad an die Wand lehnen und nicht auf die Fassade klettern" - oder auch leerstehende Läden am Untermarkt, in denen verstaubte, triste Gemälde hinter blinden Schaufenstern auf bessere Zeiten warten.
Ihre Ausstellung "Zorn" verfolgt erklärtermaßen ein doppeltes Ziel: Ein Teil der Arbeiten beschäftigt sich "mit urbanen und architektonischen Augenfälligkeiten der Stadt Wolfratshausen", der andere ist deutlich weiter gefasst. Da gehe es dem Eröffnungstag der Ausstellung entsprechend, dem Volkstrauertag, "um die aktuelle Situation in aller Welt", sprich: um die Schrecken des Krieges schlechthin, konkret aber auch um die grausame militärische Auseinandersetzung, die seit vielen Monaten mitten in Europa wütet. Aufgefallen ist beiden beim Rundgang durch die Stadt, dass es zwar ein Kriegerdenkmal in Wolfratshausen gibt, andererseits es die Stadt aber nicht für wert befindet, eine Gedenktafel am Obermarkt 16 bis 18 anzubringen. Es ist das Haus, wo der jüdische Viehhändler Moses Freimark und dessen Frau Sophie von Nazis 1942 nach Theresienstadt und Auschwitz deportiert und voneinander getrennt ermordet wurden.

Beide Künstler fühlen sich dezidiert pazifistischen Positionen verpflichtet, die sie in einer selbst herausgegebenen, achtseitigen Publikation unter der Rubrik "Zorn" wortreich und enthusiastisch vertreten. Sie sehen sich als "aufrührerisch, provokativ, unausgewogen, pazifistisch, boshaft, exzessiv, rebellisch, lustbetont, zielgerichtet, heftig, grenzenlos und ausdauernd". Dazu wendet man sich "gegen geistige Vergewaltigung durch religiöse Verdummung," gegen jede Form von Rassismus und Sexismus und die "profitgierige Ausbeutung von Menschen in aller Welt". Das ist ein ziemlich ambitioniertes Programm, das die beiden Künstler einerseits schon so meinen, ohne allerdings die Grenzen der Kunst aus den Augen zu verlieren. Dabei hilft der Humor , zu dem sich beide bekennen, schließlich verstehen sie sich ja auch und vor allem als Karikaturisten und tendieren nicht zur Selbstüberschätzung. Devise: "Wo der Spaß aufhört, fängt der Humor an." Ein bisschen Humor müsse sein. Und ein bisschen Provokation auch. Kastner war einer der beiden Akteure, die vor einigen Jahren höchst aufsehenerregend die Hindenburg-Büste von der Dietramszeller Klostermauer abmontiert haben. Freunde hat man sich so in der Gemeinde nicht gemacht.

Die ausgestellten Werke, überwiegend in Acrylfarben, wirken expressionistisch, zum Teil surreal, sie sind überwiegend auffällig farbig und beschäftigen sich vor allem mit dem Thema Krieg, in vielen Variationen. Da sitzt ein heulendes Skelett mitten in einem undefinierbaren Getümmel. Dokumentarischen Charakter haben historisch anmutende Bilder von der Marktstraße, mit all ihren roten Hakenkreuzfahnen vor den Fassaden. Ein Kanonenrohr sieht man, aus dem eine Giraffe herausschaut, einen Panzer, der Menschen niederwalzt, und im obersten Stockwerk des Schwankl-Ecks ist eine Installation mit Camouflage-Exponaten untergebracht: Zwei Klappstühle, ein Fernseher und ein Bobby-Car, alles düster getarnt. Auch ein militärisch verbrämter Büstenhalter ist dabei. Ob das als kleiner humoristischer, oder gar sarkastischer Beitrag gemeint ist?
Die Ausstellung dauert bis Mittwoch, 14. Dezember, 19 Uhr. Titel der Finissage mit Ecco Meineke: "Oh du Zornige-e-he!" Bis dahin stehen noch zwei Veranstaltungen auf dem Programm: Wolfram P. Kastner spricht zum Thema "Nicht ich provoziere, sondern die Umstände provozieren mich" (Mittwoch, 23. November, 19 Uhr); Michael Heininger gastiert am Mittwoch, 30. November, mit "Cartoonruhig gelebt. Kleine Geschichte der Karikatur" (19 Uhr).
