Süddeutsche Zeitung

Hürde im Gesundheitswesen:Krankheitsfall Wohnungsmarkt

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Die Kreisklinik sucht stetig nach Personal. Neue Mitarbeiter aber brauchen bezahlbare Unterkünfte, und die sind in Wolfratshausen Mangelware.

Von Wolfgang Schäl

An beruflichen Chancen herrscht auf dem Pflegesektor kein Mangel. Die Liste der Stellen, die das Wolfratshauser Kreiskrankenhaus gern besetzen würde, ist lang: Gesucht werden Pflegefachkräfte, Rettungsassistenten, Altenpfleger, Dauernachtwachen, Assistenzärzte, Haustechniker und Intensivbetreuer. Nicht zuletzt Freiwillige im Bundesfreiwilligen-Dienst stehen auf der Wunschliste der Klinik. Der Weg zu einer offiziellen Bewerbung für einschlägig qualifizierte Interessenten ist kurz: Entsprechende Formulare stehen im Internet zur Verfügung, nahezu alle Angebote sind unbefristet und bieten die Möglichkeit, in Voll- oder Teilzeit zu arbeiten. Eigentlich ideal für alle, die beruflich in den Bereich Gesundheitswesen einsteigen wollen. Eigentlich. Denn vielen Aspiranten stellt sich eine hohe Hürde in den Weg: Sie müssen irgendwo in der Nähe der Arbeitsstätte wohnen, und das ist nicht einfach in Zeiten eines äußerst knappen Angebots und der daraus resultierenden, mitunter völlig weltfremden Mieten.

"Wir tun, was wir können", versichert Thomas Reichhart, der Personalchef der Kreisklinik. Aber die überwiegende Zahl der potenziellen Mitarbeiter habe wenig Chancen, eine bezahlbare Bleibe zu finden. "Das ist das Hauptproblem", sagt Reichhart. Allenfalls sei es hier und da möglich, ein frei werdendes Einzimmerappartement in der eigenen Wohnanlage neu zu belegen. Eine noch größere Schwierigkeit besteht nach seiner Erfahrung aber darin, größere Unterkünfte, etwa Vierzimmerwohnungen, aufzutreiben, um im Einzelfall einen Familiennachzug zu gewährleisten. Solche geräumigen und trotzdem bezahlbaren Objekte seien schwer zu bekommen.

Das weiß auch Landrat Josef Niedermaier, der aber unterstreicht, dass die medizinische Versorgung im Kreiskrankenhaus ungeachtet des Mangels nicht beeinträchtigt sei. Problematischer sei es allerdings, für "Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nicht aus der Umgebung kommen". Für sie lasse sich passender Wohnraum nur mit viel Aufwand finden. Da gehe es der Kreisklinik nicht anders als den Krankenhäusern der Umgebung, die dringend Pflegekräfte brauchen. Immerhin: Wolfratshausen verfüge über Mitarbeiterunterkünfte und Leerstände, die sich gegebenenfalls in Appartements umgestalten ließen. Darüber hinaus miete die Kreisklinik auf dem freien Markt Wohnungen für ihr Personal an. Freilich sei auch hier das Angebot sehr begrenzt, zumal die Unterkünfte ja bezahlbar sein müssten. Mietzuschüsse sind aus Sicht des Landkreises "tarif- und steuerrechtlich äußerst problematisch, deshalb verzichte man völlig darauf. Auch Kooperationen mit anderen Kliniken gebe es auf diesem Sektor nicht, denn, so Niedermaier: "Es haben ja alle mit dem selben Problem zu kämpfen".

Gemeinsam mit den Fraktionen des Kreistags und dem Aufsichtsrat der Klinik sowie in Zusammenarbeit mit der Geschäftsleitung des Krankenhauses wurden darüber hinaus verschiedene Ideen entwickelt, die aufgrund "gegenseitiger Abhängigkeiten" allerdings nicht zeitnah umgesetzt werden konnten. Zwischenzeitlich wurde nun der Plan gefasst, auf dem Klinikgelände mittelfristig 50 weitere Wohneinheiten zu bauen, darunter Appartements und Mehrzimmerwohnungen. Nach Niedermaiers schriftlicher Auskunft erhielt die Geschäftsführung der Kreisklinik den Auftrag, ein Architekturbüro mit der Planung zu beauftragen. Das Vorhaben werde "mittelfristig umgesetzt", um so die Zukunftsfähigkeit der Kreisklinik gewährleisten zu können. In einem zusätzlichen persönlichen Statement erklärt Niedermaier, dass sich der Landkreis auf dem heiß umkämpften Arbeitsmarkt im Pflegebereich "in seriöser Weise" um Fachkräfte bemühe. Das Thema knapper Wohnraum schlage hier unmittelbar durch. Umso mehr freue er sich, "dass wir Angebote in gewissem Umfang machen können", erklärt der Landrat. Die reichten freilich bei weitem nicht aus, weshalb "die Errichtung zusätzlicher Werkswohnungen dringend zu realisieren ist". Froh sei er, versichert Niedermaier, "dass wir derzeit wegen fehlender Pflegekräfte keine Einschränkungen in unserem medizinischen Portfolio hinnehmen müssen". Dies sei "auch auf die Motivation und die herausragende Leistungsbereitschaft" des Krankenhaus-Personals zurückzuführen, für die er sich im Namen des gesamten Kreistags bedanke.

Einen weiteren Grund für den Mangel an geräumigen Wohnungen sieht der Immobilienmakler Ernst Gröbmair, der sein Büro seit mehr als zehn Jahren am Wolfratshauser Untermarkt betreibt: Ein Problem ist für ihn die geringe Fluktuation auf dem Miet-Markt. Viele Bewohner mit langjährigen Verträgen wären zwar gern bereit, sich auf eine kleinere Behausung zu beschränken, sagt Gröbmair. Sie scheuten aber vor einem Wechsel auch dann zurück, wenn der Nachwuchs längst aus dem Haus ist. Denn eine kleinere Wohnung wäre aufgrund der Mietpreisentwicklung mit hoher Wahrscheinlichkeit dann deutlich teurer als die bisher per Altmietvertrag genutzte große. Ganz pessimistisch beurteilt Gröbmair die Situation mit Blick auf die in den vergangenen Jahren entstandenen Neubauprojekte aber nicht. So könne man beispielsweise am Kraft-Areal am Bahnhof mit rund 80 Wohnungen rechnen, auch gegenüber Tengelmann-Markt in Weidach seien neue Unterkünfte entstanden, und immer wieder habe man es mit Veränderungen im Bereich der Tiroler- und der Winibaldstraße zu tun. Dort handle es sich zwar um eher einfache, dafür aber relativ erschwingliche Unterkünfte. Und auch an der Banater Straße in Geretsried werde stark gebaut. "Es tut sich was", sagt Gröbmair. Insgesamt sind bei ihm je nach Ausstattung alle Preisklassen vertreten, auch für größere Wohnungen: relativ günstige für circa 11 Euro pro Quadratmeter, bei besserer Ausstattung 13 bis 14 Euro. Die absolute Obergrenze lag bisher bei 19 Euro. "Aber das ist natürlich Wucher."

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