Premiere in Wolfratshausen"Bei der Musik geht es mir wie beim lieben Gott"

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Lümmelsessel raus, Mikrofone rein: Hans-Joachim Kunstmann will die Lese-Ecke im Rathaus-Café künftig regelmäßig in eine Jazz-Bühne verwandeln.
Lümmelsessel raus, Mikrofone rein: Hans-Joachim Kunstmann will die Lese-Ecke im Rathaus-Café künftig regelmäßig in eine Jazz-Bühne verwandeln. Hartmut Poestges

Hans-Joachim Kunstmann startet eine Jazz-Reihe im Rathaus-Café. Die treibende Kraft an seiner Seite ist der international renommierte Saxofonist Johannes Enders.

Interview von Stephanie Schwaderer, Wolfratshausen

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Der Weilheimer Saxofonist Johannes Enders zählt zu den einflussreichsten Jazzmusikern in Deutschland. Als Musiker, Komponist, Produzent und Lehrer hat sich der 56-Jährige international einen Namen gemacht; seine Diskografie umfasst mehr als 100 Einträge. Nun eröffnet er mit dem US-amerikanischen Schlagzeuger Howard Curtis und dem niederländischen Bassisten Joris Teepe eine Jazz-Reihe im Wolfratshauser Rathaus-Café. Möglich macht das der Wolfratshauser Unternehmer Hans-Joachim Kunstmann.

SZ: Herr Kunstmann, Sie führen die Trattoria "Da Nonno" in der Pupplinger Au, zudem fünf Hotels und ein Boardinghouse in ganz Deutschland, betreiben mehrere Bäckereien und haben vor eineinhalb Jahren das Rathaus-Café in Wolfratshausen wiederbelebt. Wann genau hören Sie Musik?

Hans-Joachim Kunstmann: Eigentlich immer. Ich bin aus der Generation Radio. Musik gehört immer dazu.

Welche Rolle spielt der Jazz in Ihrem Leben?

Ich muss gestehen, dass ich kaum modernen Jazz höre. Das ist ja eine sehr mathematische und intelligente Musik, die Konzentration fordert und auf ihre Weise sehr logisch ist. Ich hab' da höchstens Laien-Wissen. Aber bei der Musik geht es mir wie beim lieben Gott: Wenn ich den Pfarrer mag, höre ich gerne zu.

Und Johannes Enders ist ein guter Jazz-Prediger?

Vor ihm stehe ich wie ein kleiner Junge mit offenem Mund. Ich finde es total toll, ihm zuzuhören. Das ist ein so beeindruckendes und gewaltiges Ereignis - er ist ja auch 2,05 Meter groß! Was er macht, holt einen auch aus dem Schlagersessel hoch. Dazu muss man nichts von Jazz verstehen. Man muss ja auch kein Architektur-Fan sein, um staunend im Kölner Dom zu stehen.

Stilistisch offen und immer wieder überraschend: Johannes Enders ist bekannt für seine ausgefallenen Projekte.
Stilistisch offen und immer wieder überraschend: Johannes Enders ist bekannt für seine ausgefallenen Projekte. Jan Scheffner/oh

Johannes Enders ist einer der bekanntesten Tenorsaxofonisten Europas. Woher kennen Sie sich?

Wir sind Freunde, seit wir 17 waren. Johannes' Vater war der zweite Chef des SOS-Kinderdorfes in Weilheim. Ich bin in Rott, einem Dorf in der Nähe, groß geworden und habe über die Schule erst einen seiner Brüder und dann Johannes kennengelernt. Von da an hingen wir immer zusammen. Ich war in ihrer Familie irgendwann so eine Art viertes Kind. Johannes hat dann erst eine Ausbildung als Postler begonnen - wie Charles Bukowski. Und ich habe beobachtet, was aus ihm geworden ist. Wie er international Karriere gemacht hat. Zutiefst beeindruckend!

Wer von Ihnen beiden hatte die Idee, in Wolfratshausen eine Jazz-Reihe zu etablieren?

Die Idee ist entstanden, als wir wieder einmal beieinandersaßen. Wolfratshausen ist nahe an Weilheim und, was den Jazz betrifft, Diaspora. Wir sind gespannt, wie viele kommen, aber schnell zu reservieren wäre auf jeden Fall eine gute Idee, so viele Plätze haben wir ja gar nicht. Es wird auch kein Riesenkonzert. Das ist nicht der Plot von der Geschichte.

Was ist der Plot?

Hochkarätige Musiker aus aller Welt kommen hierher und spielen bei Freunden. Die Gage, die wir über die Eintrittsgelder bezahlen, wird vermutlich reichen, um das Benzingeld zu decken.

Das Rathaus-Café hat sich zu einem beliebten Treffpunkt für Jung und Alt entwickelt. Steigen Sie dort nun in den Barbetrieb ein?

Diesen Gedanken gab es von Anfang an. Wir hatten ja auch schon eine Weile freitags und samstags Barbetrieb. Dann haben das La Tasca und die neue Bar von Sepp Schwarzenbach aufgemacht und wir haben gemerkt, wenn drei, vier Läden offen haben, hat keiner von ihnen Spaß. Deshalb sind wir wieder zu den üblichen Öffnungszeiten zurückgekehrt. Aber wir haben eine ordentliche Auswahl an den üblichen Notwendigkeiten und können aus dem Stand heraus einen kleinen Barbetrieb hochziehen.

Haben Sie sich mit der Stadt abgesprochen, die ja auch eine Jazz-Reihe im Angebot hat? Gibt es da eine Konkurrenz?

Ich glaube eher an den Agglomerationseffekt. Stichwort Färbergasse: Wegen eines Färbers macht sich keiner auf den Weg, aber wenn es eine ganze Gasse mit Färbern gibt, zieht das die Leute von nah und fern an. Weil es dort geballte Kompetenz gibt.

Dann wird Wolfratshausen noch zu einem Jazz-Hotspot im Oberland?

Man muss die Sachen nicht immer gleich so hoch hängen. Wir machen uns jetzt einmal einen gemütlichen Abend.

Am Freitag eröffnet Enders die geplante Reihe mit seinem neuen Trio "Instant Karma". Wie häufig wird er fortan in Ihrem Café anzutreffen sein?

Ich kenne ihn wirklich, wirklich gut, und deshalb würde ich eher von einer lockeren Reihe sprechen. Der Typ ist einfach Jazzmusiker und hängt die ganze Zeit mit Typen aus der Bronx rum. Uhr und Kalender sind nicht seine besten Freunde.

Johannes Enders & Friends Vol. 1, "Instant Karma", mit Johannes Enders (Tenorsaxofon), Joris Teepe (Bass), Howard Curtis (Schlagzeug), Freitag, 15. Dezember, 20 Uhr, Rathaus-Café, Wolfratshausen, Eintritt 15/10 Euro, Reservierung unter Telefon 08171 /23 84 94

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