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Kultur in Bayern:Maria im Minirock

An der Isarbrücke ini der Pupplinger Au entdeckt nur derjenige die Madonna, der sie sucht.

(Foto: Hartmut Pöstges)

In Wolfratshausen wurde vor 30 Jahren eine Madonnenstatue geweiht, deren kurzes Kleid für manche ein Skandal war. Nach Protesten wurde sie in die Isar geschmissen - seitdem fristet sie ein unauffälliges Dasein.

Es ist gar nicht so leicht, die Maria im dichten Grün der Pupplinger Au zu finden. Zwischen der Staatsstraße 2070 und der Floßlände macht ein Pfad einen Knick, und dann sitzt sie da, halb überwuchert von Buschwerk und uneinsehbar für alle Autofahrer, die zwischen Wolfratshausen und Egling unterwegs sind: eine junge Frau, die mit ihrem Kleinkind spielt. Das rechte Bein hat sie angewinkelt und den nackten Fuß unter das linke Knie geklemmt, um dem Buben in Windeln auf ihrem Schoß, der mit seinem Händchen ihren rechten kleinen Finger umklammert, gerade so viel Halt zu geben, wie er braucht, um auf eigenen Beinen zu stehen.

Es ist ein intimer Moment, den der Penzberger Bildhauer Anton Ferstl in seiner Bronzeskulptur eingefangen hat: Die Frau ist ganz bei sich und ihrem Kind, auf dem ihr Blick ruht, mit sanftem Mona-Lisa-Lächeln im Gesicht kümmert sie sich nicht um die Blicke der anderen. Sie trägt ein eng anliegendes kurzes Sommerkleid, das ihr über die linke Schulter gerutscht ist und ihre Knie freigibt.

Eine junge Mutter, wie man viele im Sommer an der Isar sieht. Nur an den Heiligenscheinen, die die Lockenköpfe von Mutter und Kind umkränzen, erkennt man, dass sie die Muttergottes ist. Auf ihren Steinsockel hat jemand einen Topf mit Blumen gestellt. Und neben der Statue links im Busch hängt eine kleine Holztafel: "Maria Mutter Gottes - Für unsere Kinder bitten wir Dich, geleite sie hinaus ins Leben und beschütze sie", steht darauf geschrieben.

Die bronzene Momentaufnahme abseits der Marienbrücke wird manch einen Wanderer überraschen. Denn es gibt immer weniger, die noch wissen, warum die Maria dort fast versteckt zwischen den Büschen sitzt. Dass die Skulptur heuer 30 Jahre alt wird, sieht man ihr genauso wenig an wie ihre turbulente Geschichte, die einst Medien in ganz Deutschland und darüber hinaus beschäftigt hat.

Dabei hat sie vor nicht einmal drei Jahrzehnten einen "heißen Kulturkampf in Wolfratshausen" (Abendzeitung) mit "spektakulären Gebetsstürmen vor dem bayerischen Kultusministerium" (Spiegel) ausgelöst. Wer das für schwer vorstellbar hält, für den ist der Anschlag, den unbekannte religiöse Eiferer in der Nacht zum 25. Juni 1991 verübten, unfassbar: Sie stürzten die zuvor von wütenden Madonnenverehrern als "pornografische Strandmieze" beschimpfte Marienstatue von der Brücke in die Isar.

Mit solch hasserfüllter Ablehnung hatten weder der Schöpfer noch die Auftraggeber gerechnet: Beim Neubau der Marienbrücke hatte das zuständige Staatliche Bauamt Weilheim damals die dazugehörige Brückenheilige ausgeschrieben. Der Entwurf des Penzberger Bildhauers und Steinmetzes Ferstl hatte die siebenköpfige Jury überzeugt, seine sitzende "Maria mit Kind" für 70 000 D-Mark in Auftrag zu geben.

"Die Figur ist sexistisch, beleidigend und beschmutzt das Ansehen aller religiösen Menschen und Marias"

Als der damalige bayerische Innenminister und heutige Wolfratshauser Ehrenbürger Edmund Stoiber die neue Brücke am 19. Dezember 1990 einweihte, geriet das neun Millionen Mark teure Ingenieursbauwerk schnell in den Hintergrund der öffentlichen Wahrnehmung. Alle Aufmerksamkeit fokussierte sich auf die Skulptur auf dem Brückengeländer. In der leicht bekleideten Patrona Bavariae sahen zahlreiche einheimische und ortsfremde Marienverehrer ihre religiösen Gefühle verletzt.

Es kam zu massiven Protesten, angeführt von der Münsinger Ärztin Rita Stumpf, die als Vorsitzende des erzkonservativen "Freundeskreises Maria Goretti" auch gegen Sexualkundeunterricht an Schulen kämpfte, und dem damals 35-jährigen Eurasburger Heinz Rassbichler, der nach eigenen Angaben durch ein "wunderbares Erlebnis" zum Glauben zurückgefunden hatte. Sie gründeten die "Bürgerinitiative Marienbrücke", die bald auf 8000 Mitglieder aus dem ganzen Land anwuchs und für eine Demontage der Plastik und die "Reinheit der Gottesmutter" kämpfte.

Am 1. Mai 1991 versammelten sich 200 Gegner der Skulptur unter der Brücke zum Protest und Gebet, am Abend zuvor hatten Unbekannte die Maria mit Farbe beschmiert. "Die Figur ist sexistisch, beleidigend und beschmutzt das Ansehen aller religiösen Menschen und Marias", sagte Rassbichler damals. Und Stumpf wetterte über die "ausgeschamte Pose".

Bildhauer Ferstl konnte die ganze Aufregung nicht nachvollziehen, die ihm als Künstler viel Aufmerksamkeit, aber auch Drohbriefe bescherte, in denen er als "perverse Sau" beschimpft wurde. "Für mich haben die alle einen sexuellen Knacks", sagte er über die Kritiker. Er habe die Madonna eben so darstellen wollen, wie er sie sich vorstelle: "als junges Mädchen mit Säugling. So, als ob sie gerade mit dem Fahrrad vorbeigekommen ist und sich auf dem Brückenpfosten ein bisschen ausruht", sagte er damals der SZ. "Eben nicht darüberstehend, sondern auf einer Stufe mit uns." Was das Alter betrifft, gibt ihm die Kirche Recht: Laut päpstlichem Dogma von 1854 wurde Maria als 16-Jährige durch den Heiligen Geist schwanger.

Rolf Merten will das Kunstwerk des verstorbenen Penzberger Bildhauers Anton Ferstl wieder ins Bewusstsein holen - mit Miniaturmadonnen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die religiösen Eiferer aber wollten die Gottesmutter nur im knöchellangen Kleid und mit Schleier sehen und forderten die Verbannung der angeblich gotteslästerlichen Darstellung von der Brücke. Doch auf eine Petition mit Unterschriften kam vom damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Max Streibl nur die Antwort, er werde sich nicht in lokale Dinge einmischen. Und Stoiber wollte "in dieser Angelegenheit auf jeden Fall vermeiden, als eine Art Berufungsinstanz religiöser Kunst angesehen zu werden". Weil sich auch das Erzbischöfliche Ordinariat nicht umstimmen ließ, erwägten die selbsternannten Marienverteidiger einen Bürgerentscheid. Zu dem aber kam es nicht. Am Morgen des 25. Juni fanden Flößer die Statue halb zertrümmert in der Isar. Unbekannte hatten sie in der Nacht zuvor aus der Verankerung gerissen und acht Meter tief in den Fluss geworfen. Die Täter hat man nie gefasst. Die für die angeheizte Stimmung verantwortlichen Initiatoren des Protests distanzierten sich von dem Vandalismus und beteuerten, nur gebetet zu haben.

Der "Madonnensturz" (Frankfurter Allgemeine Zeitung) machte nicht nur bundesweit Schlagzeilen, sondern wurde auch vom Kabarettisten Gerhard Polt verewigt. "Manche haben die Frechheit, sich sogar Künstler zu nennen, wie neulich in Wolfratshausen, wo man sich erdreistet hat, eine heilige Mutter Gottes in Minirock und Schlüpfer auf eine Brücke hinzustellen, dass einem anständigen Menschen nichts anderes übrig bleibt, als so ein Schandwerk in den Fluss hineinzuschmeißen", heißt es in seinem Monolog "1705", in dem er die sarkastische Logik vermeintlicher Brauchtumsverteidigung entlarvt.

Der brutale Anschlag hat nicht nur die Bronze schwer beschädigt, sondern auch das Image Wolfratshausens. Letztlich aber führte er zu einer Konzession an die Gegner der modernen Mariendarstellung - wohl auch, weil man erneute publikumswirksame Konfrontationen unbedingt vermeiden wollte. Zwar bezeichnete Stoiber die Tat als einen "frevlerischen Akt der angemaßten Selbsthilfe" und erklärte: "Die Madonna wird auf keinen Fall der Gewalt weichen." Rein räumlich gesehen tat sie es dann aber doch. Nachdem Ferstl und der Ascholdinger Bronzegießer Fritz Kirchner die Maria und ihr Kind für circa 15 000 Mark repariert hatten, wurde die Plastik im Juni 1992 wieder aufgestellt. Allerdings an ihrem neuen Standort am Westufer der Isar, auf den sich das Straßenbauamt und der Künstler mit dem bayerischen Innenministerium und den Kommunen Wolfratshausen und Egling geeinigt hatten.

Offiziell begründet wurde der Umzug mit der Verkehrssicherheit: "Die Madonna hat jetzt einen solchen Bekanntheitsgrad erreicht, dass sie Verkehrsteilnehmer leicht ablenken könnte, wenn sie weiter in exponierter Lage am Brückengeländer sitzen würde", erklärte der damalige Baudirektor in Weilheim, Josef Poxleitner. "Madonna im Minirock - verkehrsgefährdend", titelte daraufhin die Abendzeitung. Ferstl, der bei der Reparatur auch den Saum des Kleides um ein paar Zentimeter verlängert hatte - allerdings nur, wie er betonte, damit der Faltenwurf zum neuen Sockel passte - bezeichnete den neuen Standort als Kompromiss. "Die Leute, deren religiöses und moralisches Empfinden gestört war, die können halt jetzt über die Brücke gehen, ohne sich zu ärgern", erklärte der Künstler. "Für mich bleibt der Standort die zweitbeste Lösung, denn die Maria hätte auf die Brücke gehört."

Der 30. Jahrestag wäre eigentlich eine gute Gelegenheit, die Madonna an ihren angestammten Platz über der Isar zurückzubringen. Nach all der Zeit kann ihr Bekanntheitsgrad wohl längst nicht mehr als verkehrsgefährdend eingestuft werden. Beim Staatlichen Bauamt Weilheim aber gibt es laut Abteilungsleiter Martin Herda keinerlei Überlegungen zu derlei Plänen. Ob die Maria mit ihrem Kind auf der Brücke wenigstens heute ihren Frieden hätte, ist von den einstigen Protagonisten des "Glaubenskriegs" nicht mehr zu erfahren. Ihr Schöpfer Anton Ferstl ist 2011 gestorben, im selben Jahr wie seine Kritikerin Rita Stumpf. Und Heinz Rassbichler erklärt auf Anfrage, er wolle sich nicht mehr zu der Angelegenheit äußern.

Eines Nachts wurde die Statue von der Brücke geworfen.

Rolf Merten spricht hingegen gerne über die Madonnenskulptur. "Die Figur hat mich nicht losgelassen", sagt der Mitbegründer und langjährige Geschäftsführer der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung "Inselhaus" in Eurasburg. Der gebürtige Hamburger ist nach seinem Studium 1982 nach Bayern gekommen. Den Skandal um die Maria hat er hautnah miterlebt. "Für mich war das völlig unverständlich", sagt er über den Anschlag auf das Kunstwerk damals. "Zumal die Figur ja schon vom Pfarrer geweiht war." Außerdem habe die Darstellung Ferstls "nichts Aufreizendes" an sich. "Wie die Maria ihr Kind hält und ins Leben begleitet, ist ungewöhnlich und wunderschön", sagt der Psychologe.

Für den 68-Jährigen hat die Skulptur mehr Aufmerksamkeit verdient, als ihr zwischen den Büschen der Pupplinger Au zuteil wird. Er hat es sich daher zur Aufgabe gemacht, sie wieder bekannter zu machen, "damit das Werk und sein Künstler gewürdigt werden", wie er sagt. Erreichen will er das mit kleinen Repliken der Plastik, die man sich in den Garten oder aufs Fensterbrett stellen kann. Im vergangenen Jahr hat er deshalb Kontakt mit Ferstls Erben aufgenommen, die ihre Zustimmung gegeben haben. Die Familie und vor allem die Enkelkinder hätten sich "gefreut, dass die Maria mit Kind immer noch gewürdigt wird", erklären seine Tochter Priska und Alexandra Burkert, die als Lebensgefährtin von Ferstls 2018 verstorbenem Sohn Benno das Erbe mitverwaltet. Die ersten Prototypen hat Merten bereits anfertigen lassen: mit "unzähligen Fotos", die er von der Statue gemacht hat, ließ er über 3-D-Druck eine Form erstellen, aus der die Ascholdinger Bronzegießerei, die auch das Original seinerzeit repariert hat, einen ersten 30 Zentimeter hohen Abguss angefertigt hat. Der sei zwar "noch nicht perfekt", sagt Merten. Aber er werde weiter daran arbeiten. Geplant ist erst einmal eine kleine Auflage. Die Figuren sollen verkauft werden - zum Selbstkostenpreis, wie Merten betont.

Damals, als der Skandal in Wolfratshausen tobte, hätte Ferstl damit wohl viel Geld verdienen können. "Wenn ich jetzt kleine Madonnen für den Hausaltar machen würde", sagte der Penzberger im März 1991 der Zeit, "wär' das ein Riesengeschäft."

Wer ein Exemplar der Replik bestellen will, kann eine E-Mail an rolf_merten@yahoo.de schicken

© SZ vom 27.06.2020/aip/lfr

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