Als Kind träumte Hanaa davon, Zahnärztin zu werden. Es hätte gelingen können – wäre sie nicht unter einem autoritären Regime in einem vom Bürgerkrieg zutiefst erschütterten Land aufgewachsen. Hanaa, ihre Mutter und ihre Geschwister mussten Syrien verlassen, als sie acht Jahre alt war. Sie fanden zunächst Zuflucht in der Türkei, aber Hanaa konnte dort nicht in die Schule gehen. Schließlich landete die Familie in Wolfratshausen, wo eine ältere Schwester schon länger lebte. Hanaa besuchte einen Integrationskurs, lernte Deutsch, machte ihren Mittelschulabschluss und absolvierte eine anspruchsvolle Ausbildung.
Hanaa Alabdullah ist inzwischen 21 Jahre alt und arbeitet als Zahnarzthelferin. Nicht ganz der Kindheitstraum, aber einer der vielen Integrationsträume, die sich seit der großen Fluchtkrise vor zehn Jahren erfüllt haben. Hanaa und viele andere ehemals Geflüchtete verdanken ihre geglückte Einbindung in die deutsche Gesellschaft ihrer eigenen Energie, Tatkraft und unbeirrbaren Zielstrebigkeit genauso wie dem Asylhelferkreis Wolfratshausen, den Ines Lobenstein und Ute Mitschke leiten.
Zehn Jahre nach dem berühmten „Wir schaffen das“ der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel hat dieser Asylhelferkreis jetzt seine und der Geflüchteten Erfolge gefeiert. Im katholischen Pfarrheim Wolfratshausen kamen sie dazu unter dem Motto „Zehn Jahre Brücken bauen und Freundschaften knüpfen“ zusammen. In einer berührenden Ansprache erklärten Sana und Esra, wie viel Unterstützung sie erfahren hätten: Zeit, Geduld, Hausaufgabenbetreuung, Deutschunterricht, Ermutigung, Begleitung. Sie dankten den Helferinnen und Helfern „aus tiefstem Herzen dafür, dass ihr uns geholfen habt, unseren eigenen Weg zu gehen“.
So wie Hanaa Alabdullah ist auch Abdul Barakat, 27, seinen eigenen Weg gegangen. Er war als Minderjähriger allein aus Syrien geflohen und bei einem Onkel in Deutschland untergekommen, erst ein Jahr später wurde die Familie hier zusammengeführt. Kein leichter Start in ein neues Leben: Eltern und Kinder anfangs zu viert in nur einem Zimmer. In Wolfratshausen und Münsing, wo sie zeitweise wohnten, wurden die Barakats von Asylhelferkreisen unterstützt.
Auch Abdul konnte einen Integrationskurs besuchen, bestand den Qualifizierenden Hauptschulabschluss und machte eine Lehre. Der Münsinger Betrieb Elektro Will gab ihm die Chance, Elektroniker zu werden. Seit drei Jahren ist Abdul fertig und kann bei Will sogar als Führungskraft ganze Projekte übernehmen wie die Installation einer Photovoltaik-Anlage oder den gesamten Elektroausbau eines neuen Hauses. Er hat seine eigene Wohnung in Wolfratshausen und engagiert sich ehrenamtlich in Münsing als Feuerwehrmann.

Die Frage, was ihm – außer den Ehrenamtlichen der beiden Asylkreise – geholfen hat, beantwortet Abdul so spontan wie selbstbewusst: „Das Ziel und der Wille“, sagt er. „Ich wollte immer etwas werden.“
Dieser Wille ist auch aus den Erzählungen einer zweiten Hanaa Abdullah – sie ist die Cousine der Gleichnamigen – herauszuhören. „Ich wollte unbedingt nicht zu Hause sitzen und nur Hausfrau sein“, sagt die 26-jährige Mutter zweier Buben im Alter von neun und sieben Jahren. Auch sie hat ihr Ziel erreicht. Als sie im Jahr 2015 mit ihrem Mann nach Deutschland kam, war sie schwanger und konnte zunächst wegen häufiger Übelkeit an keinem Unterricht teilnehmen. Doch Hanaa holte schnell auf: Integrationskurs, Hauptschulabschluss, Ausbildung. Und seit diesem Sommer ist sie eine vom gesamten Team geschätzte Zahnarzthelferin in einer Grünwalder Praxis. „Man muss einfach Energie haben“, sagt die junge Frau.
Sind ihnen wirklich nie Steine in den Weg gelegt worden? Haben Sie keinerlei rassistische Vorurteile erfahren? Eine der beiden Hanaas erinnert sich an die Anfeindung einer alten Frau auf offener Straße: „Geh doch nach Hause mit deinem Kopftuch!“, habe die sie angefahren. Aber die sei wirklich sehr alt gewesen, ist Hanaas Erklärung.
Die Geflüchteten werden in verschiedenen Berufen gebraucht
Abdul sagt, er nehme schon manchmal die Blicke der Kunden wahr, wenn sie die Haustür aufmachten und es stehe ein nicht deutsch aussehender Handwerker da. Aber ins Gesicht gesagt habe ihm noch nie jemand etwas Rassistisches. Er zuckt die Schultern: „Was sollen sie schon sagen – sie brauchen mich ja.“
Ein gutes Stichwort. Denn das ist auch die Überzeugung der Wolfratshauser Asylhelferinnen und -helfer: dass die meisten Menschen, die als Geflüchtete nach Deutschland kamen, hierzulande gebraucht werden. Ute Mitschke und Ines Lobenstein denken etwa an den Nigerianer, der ein beliebter und gefragter Mitarbeiter einer Wolfratshauser Kfz-Werkstatt ist. Oder an den Syrer, der schon als Spezialist für wertvolle Parkettböden kam und heute als Bodenleger und Raumausstatter in einem Wolfratshauser Betrieb arbeitet. An den Nigerianer, der nach unfassbar viel Hin und Her – von der ersten Arbeitsgenehmigung über die Gefahr der Abschiebung, die Ausreiseaufforderung und schließlich Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung – als Pflegehelfer in einem Heim in Geretsried arbeitet.
Zwischen Geflüchteten und Ehrenamtlichen ist eine Dankbarkeit auf Gegenseitigkeit gewachsen. Sana und Esra sagten bei der Zehn-Jahr-Feier ihren Helferinnen und Helfern: „Ihr habt uns gezeigt, dass wir es schaffen können.“ Der einstige Satz der Bundeskanzlerin hat sich in Wolfratshausen bewahrheitet. Zehn Jahre danach können alle hier sagen: „Wir haben das geschafft.“

