Wegen anhaltend hoher Inzidenzen, immer neuer Rekorde bei den Corona-Fallzahlen und drohender Überlastung der Krankenhäuser haben die Ärzte der Kliniken in Wolfratshausen und Tölz gemeinsam mit Landrat Josef Niedermaier kürzlich eindringlich an die Bürger appelliert, sich gegen Corona impfen zu lassen. Die Impfquote im Landkreis liegt schließlich immer noch deutlich unter dem bayerischen Durchschnitt. Gleichzeitig hat sich in Wolfratshausen ein Bündnis formiert, das gegen Corona-Beschränkungen für Ungeimpfte protestiert und Impfungen von Kindern und Jugendlichen vehement ablehnt: Es ist der Verein "Kinderrechte jetzt", hinter dem die Kanzlei des Rechtsanwalts, Insolvenzverwalters und Golfklubbetreibers Josef Hingerl steht. Hingerl ist als erklärter Gegner der Corona-Maßnahmen bereits in der Vergangenheit aufgefallen. Er wurde vom Amtsgericht zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er den Golfplatz am Bergkramerhof im Lockdown zweimal trotz Verbots geöffnet hatte. Und er vertrat die Betreiber des Schlehdorfer Gasthofs Fischerwirt, als sie wegen mehrfachen Verstoßes gegen die Corona-Regeln vor Gericht standen. Mit seinem Kanzlei-Partner und Vereinsvorsitzenden Jürgen Müller hat er am Samstag knapp 200 Demonstranten vor der Loisachhalle versammelt. Die beiden agitieren nicht nur gegen die Immunisierung Minderjähriger, sondern zweifeln auch die Wirksamkeit praktisch aller Maßnahmen der Regierung und der Weltgesundheitsorganisation WHO gegen die Pandemie an - von Tests über die Maskenpflicht bis zur Impfung.
Wie Müller sagt, habe er den Verein mit sieben Mitstreitern am 9. August gegründet, nachdem die Ministerpräsidentenkonferenz dafür warb, dass sich auch Zwölf- bis 17-Jährige impfen lassen sollten. "Das war ein Thema, wo es bei mir an die ethische Grenze ging", sagt er. Kinder seien ihm zufolge schließlich nachweislich so gut wie nicht von Corona betroffen, es gebe kaum schwere Krankheitsverläufe, die Mortalität liege bei 0,00002 Prozent. Die Corona-Impfung nennt der 47-jährige Familienvater einen "experimentellen Eingriff", der für Kinder kaum einen Nutzen, aber - wegen eventueller Nebenwirkungen, über die kaum berichtet werde - ein erhebliches Risiko habe. So steht es auch in der Petition, die der Verein im August auf den Weg gebracht hat, um "die Impfkampagne für Kinder und Jugendliche umgehend zu stoppen". Im September haben die Anwälte zudem zwei Strafanzeigen gestellt: eine wegen "Körperverletzung bis hin zu Tötungsdelikten" gegen Ärzte, Lehrer und Schulleiter, die sich an der Impfung von Kindern und Jugendlichen beteiligen; und eine gegen Ministerpräsident Markus Söder und Kultusminister Michael Piazolo wegen der Maskenpflicht an Schulen, deren Nutzen sie abstreiten. Für Eltern bieten sie auf der Vereins-Homepage Vordrucke für Strafanzeigen an, sowie Musterschreiben zur Ablehnung einer Impfung und "sinnbefreiter Testungen".
Dass es ihnen nicht nur um die Kinder geht, zeigen schon die Begründungen beider Anzeigen. Mit Rekurs auf einen von Wissenschaftlern aus Deutschland und Österreich verfassten Bericht werden darin unter anderem die Ansteckungsgefahr durch Infizierte ohne Symptome, die tatsächliche Mortalität von Covid, die Wirksamkeit von Masken, die Aussagekraft von PCR- und Antigen-Tests sowie die Überlastung der Kliniken angezweifelt. Die Intensivstationen seien auch vor Corona saisonal ausgelastet gewesen, sagt Hingerl. Dass auch er wegen Covid dort landen könne, glaubt der 73-Jährige nicht. Er vertraue auf sein Immunsystem, sagt Hingerl, der nach eigenen Angaben genau wie Müller nicht gegen Corona geimpft ist.