Baumfällaktion:Hubschrauber über dem Steilhang

Baumfällaktion: Der Helikopter ist vier Tage lang im Einsatz, um die Stämme und Äste zum Ablageplatz neben der Kläranlage am Weidacher Isarspitz zu bringen.

Der Helikopter ist vier Tage lang im Einsatz, um die Stämme und Äste zum Ablageplatz neben der Kläranlage am Weidacher Isarspitz zu bringen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die Bahn lässt entlang der Gleise der S7 zwischen Icking und Wolfratshausen 100 Bäume fällen. Abtransportiert werden sie von einem Hubschrauber - für die Anwohner sind die Flüge eine Attraktion.

Von Pia Ratzesberger, Wolfratshausen

Ronny Epple sitzt weit oben im Baum. Die Beine fest um den Stamm der Buche geschlungen, blickt er hinauf zum Himmel. Der Wind wird stärker, die Bäume beugen sich unter dem Druck, das Laub fliegt - der Hubschrauber kommt immer näher. Während der Helikopter noch in der Luft schwebt, verhakt Epples Kollege am Boden das lange Seil mit einem Seil an der Buche.

Der Hubschrauber fliegt wieder höher, das Seil spannt sich, Epple setzt am Baumstamm die Motorsäge an. Sie ist im Dröhnen der Rotorblätter kaum zu hören. Nur einen Moment dauert es, dann ist der obere Teil der Buche schon in der Luft. Epple klammert sich um den restlichen Stamm. Die Buche ist einer von 25 Bäumen an dem Hang oberhalb der Loisach, die an diesem Tag noch fallen werden.

100 Bäume müssen weg

Seit Beginn der Woche lässt die Deutsche Bahn an den Gleisen zwischen Icking und Wolfratshausen Äste und Gewächse zurückschneiden, 100 Bäume sollen weg vom Hang. Denn wenn bald Schnee fällt, sollen unter der Last keine Bäume oder Äste auf die Gleise stürzen und den S-Bahn-Verkehr blockieren.

Der Helikopter ist seit Dienstag vier Tage lang im Einsatz, um die schweren Stämme und Äste zum Ablageplatz neben der Kläranlage am Weidacher Isarspitz zu bringen - die Hänge im Isartal sind schwer zugänglich, deshalb der aufwendigere Weg durch die Luft. Doch weil der Helikopter nur ein Gewicht von bis zu drei Tonnen tragen kann, müssen viele der Bäume zerteilt abtransportiert werden, dafür sind die Baumkletterer wie Ronny Epple aus Münsing verantwortlich. "Der Hubschrauber kostet pro Minute so wahnsinnig viel Geld, da muss alles genau sitzen", sagt seine Frau Tine Epple, die das Geschehen mit ihren beiden Kindern aus einigen Meter Entfernung von einem Trampelpfad aus beobachtet.

Etwa 300 000 Euro kosten die Arbeiten entlang der Gleise, sagt Erich Brzosa, Leiter der Produktionsdurchführung bei der DB Netz AG - in dem Preis sei alles enthalten, zum Beispiel auch die Kosten für den Schienenersatzverkehr und die Sicherungskräfte. Nicht nur die drohende Schneelast ist laut Brzosa Grund für die Arbeiten in dieser Woche; die Strecke zwischen Wolfratshausen und Icking steht aufgrund der steilen Hänge bei der DB Netz AG ohnehin seit Jahren im Fokus. In den Jahren 2007 und 2009 hatten massive Murenabgänge die Bahngleise verschüttet und den S-Bahn-Verkehr lahmgelegt, seitdem wurden unter anderem Stützwände an den Hang betoniert.

Vor allem Buchen und Pappeln sollen raus

Jetzt soll der Wald verjüngt werden. "Lieber tausend kleine und gesunde Bäume als ein kranker alter", sagt Christoph Galler, Forstingenieur bei den DB Fahrwegdiensten. Dort sorgt man für freie Schienenwege - Galler bezeichnet sich selbst als "Förster der Bahn". Wenn alte Bäume aufgrund von Krankheit gefällt werden müssten oder bei einem Sturm entwurzelt würden, mindere das die Stabilität des Hanges immens. "Dann droht Erosion", sagt Galler.

Vor allem Buchen und Pappeln sollen ihm zufolge raus aus dem Wald, weil sie nicht viel zum Festigen des Hanges beitragen. Eichen aber sollen erhalten bleiben. Weil allerdings nicht alle Waldstücke entlang der Strecke zwischen Icking und Wolfratshausen der Bahn gehören, hat die Deutsche Bahn auch alle privaten Grundeigentümer entlang der Strecke angeschrieben, sie sollen sich um ihre Bäume und Gewächse kümmern.

Pendler müssen auf Busse umsteigen

Für manche andere Anwohner, die zwar nicht am Hang, aber gleich neben dem Ablageplatz an der Kläranlage wohnen, ist der Flug des Hubschraubers dagegen vor allem Attraktion: Magdalena Schallermeier steht mit ihrem Sohn auf dem Arm vor ihrem Haus und blickt zum Helikopter hinüber. Der Sohn wird bald zwei Jahre alt, seine Vorliebe für Flugobjekte hat er schon entdeckt. Im Fünfminutentakt bringt der Hubschrauber an diesem Mittag Bäume zum Ablageplatz. In der Luft, an dem langen Seil, wirken die tonnenschweren Stämme plötzlich leicht, die eigentlich dicken Äste fast filigran. "Gestern Nachmittag waren wir auch schon da, um zuzuschauen", sagt Schallermeier. Gleich aber geht es in die Arbeit, vielleicht morgen wieder. Die letzte Chance besteht am Freitag, dann wird der Lastenhelikopter zum letzten Mal in die Luft steigen.

Die Arbeiten entlang der Strecke dauern allerdings noch bis zum Sonntag an - solange fährt tagsüber keine S-Bahn zwischen Icking und Wolfratshausen. Pendler müssen auf Busse umsteigen; einige klagen bereits, dass diese Busse in Icking an der Münchner Straße halten und die Treppen hinauf zur Bahn zu Fuß bestiegen werden müssen - für ältere Menschen in den vorgesehenen zehn Minuten teils schwierig. Von Montag an wird die S-Bahn aber wieder wie gewöhnlich verkehren. Dann nämlich sollen alle 100 Bäume gefällt sein - und der Hubschrauber längst zurück in der Schweiz.

Baumfällaktion: Bei den Arbeiten in den Bäumen sichert sich Kletterer Ronny Epple mit einem Seil und Steigeisen.

Bei den Arbeiten in den Bäumen sichert sich Kletterer Ronny Epple mit einem Seil und Steigeisen.

(Foto: Hartmut Pöstges)
© SZ vom 22.10.2015
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