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Wolfratshausen:Erinnerung gemeinsam gestalten

Zehn Mitglieder der Vereins bilden eine Dokumentationsgruppe, um die Fotografien, Exponate, Aufzeichnungen und Zeitenzeugeninterviews auszuwählen.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

2017 soll das Dokumentationszentrum im ehemaligen Badehaus Waldram eröffnen. Ehrenamtliche erarbeiten dazu ein Konzept und sichten Aufzeichnungen.

Von Benjamin Engel, Wolfratshausen

Die Aufgabe des Vereins Bürger fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald ist so vielschichtig wie die Facetten der Entwicklungsgeschichte des Lagers Föhrenwald und des heutigen Wolfratshauser Stadtteils Waldram. Zehn Mitglieder des Vereins bilden eine Dokumentationsgruppe, um die Fotografien, Exponate, Aufzeichnungen und Zeitenzeugeninterviews zu sichten und auszuwählen. Sie stellten sich am Samstag im Wolfratshauser Gasthof Löwenbräu der Öffentlichkeit vor. 2017 soll das Museum eröffnen.

Die Mitglieder des Vereins arbeiten ehrenamtlich daran, das Badehaus umzubauen und darin ein Dokumentationszentrum zur Orts- und Lagergeschichte aufzubauen. Während die Umbauarbeiten im Badehaus laufen, trifft sich die Dokumentationsgruppe mindestens einmal im Monat. Die Vereinsvorsitzende Sybille Krafft freut sich darüber, dass sich zahlreiche fachlich versierte und junge Vereinsmitglieder, darunter viele Waldramer, ehrenamtlich engagieren. Sie erarbeiteten ein Museumskonzept, das normalerweise teuer eingekauft werden müsse, sagte sie.

Zeitzeugengespräche in den Niederlanden

Der Prozess sei herausfordernd. "Die Geschichte ist so reichhaltig. Wir könnten für jede Zeitschicht ein eigenes Museum machen", sagte Krafft. Der Waldramer Emanuel Rüff, Lehramtsstudent für Deutsch und Geschichte, zeigte unter Glas geschützte Lebensmittelmarken. Für die Marken erhielten die Bewohner des Lagers im Mai 1945 Essen. Entdeckt wurden die Marken als Füllmaterial in den Fensterdichtungen eines alten Hauses in Waldram.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs brachten die Amerikaner in Föhrenwald sogenannte "Displaced Persons", kurz DPs, unter. So bezeichneten die Alliierten aus ihren Heimatländern verschleppte, vertriebene oder geflüchtete Menschen. Rüff beschäftigt sich mit der Frühzeit des DP-Lagers unmittelbar nach dem Krieg von Mai bis Oktober 1945. Für Zeitzeugengespräche ist er bis in die Niederlande gereist. In Föhrenwald kamen auch Überlebende des Todesmarsches unter. Diesen Aspekt wird Andreas Wagner näher beleuchten. Er recherchiert schon in seiner Jugend über das Thema. Die Nazis räumten das Dachauer Konzentrationslager vor den heranrückenden US-Amerikanern und schickten die Häftlinge auf Fußmärsche ins Oberland, bei denen Tausende starben.

Persönliche Erinnerungen gesucht

Yannick Philipzig reist zu den Sitzungen der Dokumentationsgruppe aus Würzburg an. Er studiert dort Museumswissenschaften und beschäftigt sich mit der Zwangsarbeit in der NS-Zeit im Lager Föhrenwald. Raphaela Holzer, Volkskunde-Studentin an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, und Anne Kathrin Schulz dokumentieren den sogenannten Mikwenraum im Badehaus Waldram.

Mitte der 50er Jahre kaufte das Katholische Siedlungswerk die Häuser. Heimatvertriebene zogen ein. Seit 1956 wohnt auch Kreisheimatpflegerin Maria Mannes dort. Sie konzentriert sich auf die Entwicklung Waldrams bis Mitte der 60er Jahre. Mit dieser Zeit beschäftigt sich auch Simone Steuer. Die Studentin für Kunst- und Kulturgeschichte ist in Waldram aufgewachsen. Ihre Großmutter war Heimatvertriebene. Florian Heider übernimmt die Fotodokumentation. Die Gymnasiallehrerin Eva Greif leitet die Gruppe gemeinsam mit Krafft. Die Vereinsvorsitzende betreut sämtliche Audio-und Videoinstallationen. Krafft ruft die Bevölkerung auf, Fotos, Dokumente und Erinnerungsstücke zur Entwicklungsgeschichte von Föhrenwald bis Mitte der 60er Jahre bereitzustellen. Was sie jetzt nicht bekämen, könne in die Museumskonzeption nicht mehr einfließen, sagt sie. Auch persönliche Erinnerungen seien gefragt. Wer etwas beitragen kann, solle sich unter Telefon 08171/2572502 melden.

© SZ vom 08.02.2016/aip
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