Erneuerbare Energien:Pizza-Wärme und Quartier-Speicher

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Erneuerbare Energien: Stefan Drexlmeier (Energiewende Oberland), Jan Reiners (WOR For Future), Biobauer Franz Xaver Demmel und Unternehmer Marinus Krämmel (von links) sind sich einig, dass die Energiewende gelingen kann.

Stefan Drexlmeier (Energiewende Oberland), Jan Reiners (WOR For Future), Biobauer Franz Xaver Demmel und Unternehmer Marinus Krämmel (von links) sind sich einig, dass die Energiewende gelingen kann.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Bei einer Podiumsdiskussion der Wolfratshauser Grünen berichten vier Akteure, wie die Energiewende gelingen könnte.

Von Konstantin Kaip

Der neue Vorstand der Grünen in Wolfratshausen hat sich große Ziele gesetzt: "Wir haben uns zur Aufgabe gestellt, das Thema Energieprobleme anzupacken", erklärte Hans-Georg Anders, seit 1. Juli neben Jennifer Layton Sprecher des Ortsverbands, am Mittwoch im Gasthof Flößerei. Dorthin hatte er zu einer Podiumsdiskussion geladen mit dem Titel "Fossil gestern - erneuerbar jetzt". Der mit etwa 30 Leuten gut gefüllte Saal zeigte, dass das Thema interessiert. Zur Klimakrise kommen derzeit eben auch die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs, welche die Dringlichkeit erneuerbarer Energien verdeutlichen. Vier Gäste sollten zeigen, wie die Energiewende in Stadt und Region gelingen kann: Stefan Drexlmeier von der Bürgerstiftung Energiewende Oberland (Ewo), der Jung-Bauunternehmer Marinus Krämmel, Jan Reiners von "WOR For Future" und der Landwirt und Bauingenieur Franz Xaver Demmel, dessen Bio-Hof in Königsdorf praktisch energieautark ist.

Dass es zur Wende aber noch ein langer Weg ist, demonstrierte Drexlmeier mit den neuesten Zahlen: Die von der Ewo gerade erstellte, aktuelle Energie- und Co2-Bilanz für die vier Oberland-Landkreise bildet zwar den Stand von 2019 ab, wie Drexlmeier erklärte. Sie zeigt aber, dass man vom Ziel, die komplette Wende bis 2035 in allen Sektoren geschafft zu haben, noch weit entfernt ist. Der Anteil erneuerbarer Energien liegt demnach beim Strom bei 50 Prozent, bei der Wärme bei 15 und beim Verkehr bei gerade einmal fünf Prozent. Im Vergleich zur letzten Erhebung für 2016 habe sich am meisten im Sektor Wärme getan, wo der Anteil um fünf Prozentpunkte gestiegen sei. Der CO2-Ausstoß fürs gesamte Oberland sei mit circa 3,9 Millionen Tonnen "fast gleich geblieben". Drexlmeier erklärte, dass die Summe der für Strom eingesetzten Energie nicht einmal die Häfte dessen ausmache, was man für Wärme brauche - und dass der hohe Anteil an Erneuerbaren in dem Sektor vor allem auf die Wasserkraft zurückgehe. "Das Meiste an der Energiewende ist bei uns historisch", sagte er. "Das Walchensee-Kraftwerk können wir uns nicht auf die Fahnen schreiben." Große Chancen biete aber die Solarenergie. Pläne für eine acht Hektar große Freiflächenanlage hätten in Dietramszell zum Aufschrei geführt, erinnerte er. Für die Energiewende aber brauche es bis 2035 noch 79 solcher Anlagen, also 632 Hektar in den vier Landkreisen, sagte Drexlmeier: "Das wären 0,15 Prozent der Gesamtfläche vom Oberland. Ein Ziel, das wir uns schon stecken könnten."

Jan Reiners von "WOR For Future" versuchte zu verdeutlichen, wie dramatisch das Ausmaß der "historisch beispiellosen Klimakrise" ist. Das Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu drosseln,sei auch mit allen beschlossenen Maßnahmen nicht mehr erreichbar, sagte der Biologe. Die Folge seien auch in Wolfratshausen mehr Hitzewellen, Starkregen und Artensterben. "Alles, was wir dagegen machen, ist immens wichtig", betonte Reiners. Doch die Stadt sei weit von ihren eigenen Zielen entfernt. Im Wolfratshauser Energienutzungsplan sei ein Anteil von 90 Prozent an erneuerbaren Energien bis 2022 zum Ziel erklärt worden - der liege aber nun bei 16 Prozent. Auch nach Ausrufung des Klimanotstands 2019 sei "nichts passiert". Dabei sei vieles möglich: Man könne etwa Wärmepumpen und Stromspeicher für ganze Quartiere anbieten, die Stadtbusse elektrifizieren und gemeinsam mit den Stadtwerken eine Solaroffensive starten.

Marinus Krämmel berichtete vom Energiekonzept des Großbauprojekts "Opus G" in Geretsried für mehr als 1000 Menschen, das nicht nur Photovoltaik, Nahwärme mit Pellets und die Nutzung der Abwärme vom benachbarten Pizza-Produzenten Gustavo Gusto vorsehe, sondern auch später an das in Gelting entstehende Geothermie-Werk angeschlossen werden könne. "Ich bin überzeugt, dass es gelingt, den Wandel zu schaffen", sagte Krämmel. Als Unternehmer wünsche er sich aber auch "langfristige, zuverlässige Förderprogramme, auf die man als Investor setzen kann".

Franz Xaver Demmel hat die Energiewende auf seinem Huberhof in Königsdorf dank eines ausgeklügelten Systems in Zusammenarbeit mit der TU München praktisch schon vollzogen. Allerdings sprach er auch von "Klimaarbeit". Etwa 80 Stunden arbeite er in der Woche, Urlaub gebe es bei ihm nicht, sagte er. Etwa 500 Kilowattstunden stünden auf seinem Hof an verschiedenen Speichermöglichkeiten zur Verfügung, die Hälfte könne er "zu jeder Tages- und Nachtzeit freigeben". Hochgerechnet auf 10 000 landwirtschaftliche Betriebe in Bayern seien das 2,5 Megawattstunden, "die Leistung von zwei AKWs". Allerdings, gab er auf Nachfrage von Anders zu bedenken, brauche es dazu nicht nur große Investitionen und einen großen Willen bei denen, die mitmachen. Sondern auch technische Entwicklung und Normierung bei den Herstellern. Denn für das intelligente Energiemanagement-System müssten die einzelnen Komponenten vernetzt werden. "Und allein unsere Landmaschinen haben vier verschiedene Stecker." Immerhin habe er als Bauingenieur die Erfahrung gemacht, dass Hausbesitzer umdenken. Nur eine Anfrage für eine Ölheizung habe er in den vergangenen zwei Jahren gehabt. "Die Bereitschaft steigt. Denn das empfindlichste Sinnesorgan des Menschen ist betroffen: der Geldbeutel."

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