Es dauert nicht lange, dann springt Rhiannon Moutafis auf. „Ich kann das ja kurz auf der Karte zeigen“, sagt sie und geht auf die Wand zu, die einen Überblick des ehemaligen Lagers für „Displaced Persons“ (DP) im heutigen Wolfratshauser Stadtteil Waldram bietet. Aus diesem Viertel seien die Leute in dieses umgesiedelt worden, von jenem in jenes, erklärt Moutafis und deutet die Umzugsbewegungen mit dem Arm an. Wenige kennen die Geschichte des DP-Lagers Föhrenwald so genau wie die 26-Jährige. Und wenige vermitteln diese Geschichte mit ihrer informierten Leidenschaft und Neugier. Diese Neugier setzt Moutafis auch wissenschaftlich um: Sie schreibt an einer Dissertation zur Auflösung von Föhrenwald. Dabei geht es ihr um weit mehr als um die Darstellung eines Verwaltungsprozesses.
Dass Moutafis heute überhaupt zu diesem Thema recherchiert, ist keine Selbstverständlichkeit. Erst während ihres Masterstudiums Historischer Wissenschaften an der Universität Passau erfährt sie, dass in Wolfratshausen-Waldram ein DP-Lager existierte. Und das, obwohl Moutafis in Icking zur Schule gegangen ist. „Da lag der Schwerpunkt eher auf den großen Themen. Die unmittelbare Nachkriegsgeschichte fiel da ein bisschen hinten runter“, sagt sie. „Aber wie viele Stunden Geschichte hat man pro Woche? Zwei? Alles kann man da nicht behandeln.“ Kurz danach bewirbt sie sich für ein Praktikum an dem 2018 eröffneten Erinnerungsort Badehaus – und forscht seitdem dort. „Ich bin hier hängengeblieben“, sagt Moutafis und lacht hell, wobei ihre Katzen-Ohrringe schaukeln.
Im Badehaus kümmert sich die Eglingerin heute vor allem um das Archiv und das weltweit ausgespannte Netzwerk an Zeitzeugen. Sie telefoniert, schreibt Mails und hält den Kontakt zu den Personen, die den Erinnerungsort durch Leihgaben, Schenkungen oder aufgezeichnete Interviews unterstützen. „Das Haus lebt von diesen Gaben, da ist der persönliche Kontakt sehr wichtig“, sagt Moutafis. Nicht selten entstehen aus dem Kontakt richtige Freundschaften, Gesten der Versöhnung.
Moutafis erinnert sich an eine Begegnung mit einer im DP-Lager geborenen Frau, die heute in Israel lebt. Über den Sohn wurde der Kontakt hergestellt, die Familie reiste nach Waldram. Moutafis suchte in den Akten, fand heraus, wo das Geburtshaus der Frau steht und kann es ihr zeigen. „Beim Abschied hat sie dann gesagt: Ich wollte eigentlich nie mehr nach Deutschland. Aber jetzt sehe ich, wie sich an die Zeit erinnert wird. Vielleicht komme ich wieder“, sagt Moutafis. „Da sehen wir, dass unsere Arbeit richtigen Einfluss hat.“ So kommt es auch vor, dass Zeitzeugen Badehaus-Mitarbeitende zum Geburtstag einladen. Bei einer der letzten Reisen nach Israel haben Zeitzeugen die Badehaus-Historiker bei sich zu Hause als Gäste aufgenommen.
Rhiannon Moutafis weiß: Ihr Dissertationsthema berührt die Biografien von Menschen, von denen manche heute noch leben. Das ist einer der Aspekte ihrer Recherche, der sie am meisten motiviert. Schon während des Studiums hat sie sich mit Sozial- und Geschlechtergeschichte befasst. Auch in diesen Teilbereichen der Geschichtswissenschaft geht es um die Lebensrealitäten Einzelner, anhand derer sich größere historische Linien darstellen lassen. „Ich finde es sinnvoll, so zu arbeiten, weil es zu den normalen Leuten eine Verbindung gibt“, sagt Moutafis.


Für ihre Recherchen kann die junge Historikerin auf wenig wissenschaftliche Literatur zurückgreifen. Es gibt noch kaum Texte über das DP-Lager und dessen Ende. Also beugt sie sich über Quellen, die sie zum Beispiel im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München findet: Protokolle, Korrespondenzen, behördliche Dokumente. Was für Außenstehende nach trockenen Forscherpflichten klingt, fesselt Rhiannon Moutafis. „Da sind Geschichten dabei, die Romanpotenzial haben!“, sagt sie.
Moutafis erzählt vom Fall einer Gruppe orthodoxer Juden, die von Föhrenwald nach München ziehen wollte und sich deshalb bei den entsprechenden Behörden um eine Wohnung bewarb. Allerdings musste sich diese Wohnung wegen der strengen Sabbat-Regeln in Laufnähe einer Synagoge befinden. Die Behörden fanden eine Unterkunft in München, doch die Orthodoxen hatten inzwischen entschieden, nach Israel auszuwandern. Die Wohnung wurde an andere Leute vermietet. Aber die Auswanderungspläne zerschlugen sich. Ein Problem für die nun Wohnungslosen, die den überforderten Behörden Antisemitismus vorwarfen. „Die Akten lesen sich wie ein Krimi. Ich will dann wissen, wie es ausgeht!“, sagt Moutafis. Nach langem Hin und Her teilte man der jüdischen Gruppe eine Wohnung in Pasing zu, mit der behördlichen Zusage, in Laufnähe ein Bethaus einzurichten.
„Selbst wenn ich über Behörden lese, geht es um Menschen“
„Das Thema war für mich das richtige, weil es menschlich ist. Selbst wenn ich über Behörden lese, geht es um Menschen. Mir ist wichtig, dass das im Vordergrund steht“, sagt Moutafis über ihre Arbeit. Dabei konzentriert sie sich nicht nur darauf, Lebensläufe darzustellen. Aus den einzelnen Biografien und den Verwaltungsschritten bis zur Auflösung des Lagers im Jahr 1957, die sie jetzt schon auf Hunderten Seiten zusammengetragen hat, lassen sich größere Entwicklungen erkennen. Prozesse, Tendenzen, Konflikte, die für die deutsche Nachkriegsgeschichte repräsentativ sind.
In Föhrenwald verliefen diverse Konfliktlinien quer zueinander, sagt Moutafis. Etwa zwischen den Gruppen von Holocaust-Überlebenden, von nach Israel ausgewanderten Personen, die wieder zurückkehrten und, etwas später, auch von Heimatvertriebenen. Antisemitismus spielte hier eine große Rolle, erklärt Moutafis, besonders gegenüber osteuropäischen Jüdinnen und Juden. Ein anderes großes Thema, das eine Menge Anknüpfungspunkte bereithält: „Welche personelle Kontinuität gibt es zwischen dem NS-Staat und Nachkriegsdeutschland?“ Moutafis hat in ihrer Forschung mit einer Figur wie Theodor Oberländer zu tun, der 1923 am Hitlerputsch teilnahm, sich dem NS-Staat als Osteuropa-Forscher zur Verfügung stellte und in den Fünfzigerjahren als Staatssekretär für Flüchtlingsfragen in Bayern arbeitete.
Etwa auf der Hälfte der Strecke sieht sich Rhiannon Moutafis mit ihrer Promotion. Was danach kommt? Das steht noch nicht fest. Das Forschen liegt der Doktorandin. Aber sie sagt auch: „Ich finde wichtig, dass die Leute davon erfahren. Mein Herzensanliegen ist, das, was ich erfahre, nach außen zu tragen.“ Im Badehaus Waldram ist sie dafür am richtigen Ort.

