bedeckt München

Wolfratshausen/Geretsried:Kein Sicherheitsdienst mehr in Asyl-Unterkünften

Die Regierung von Oberbayern übernimmt sechs große Einrichtungen im Landkreis für 2600 Flüchtlinge und spart Betreuer ein. Der Wolfratshauser Helferkreis und Bürgermeister Klaus Heilinglechner protestieren.

Von Felicitas Amler und Konstantin Kaip

Wenn viele Menschen unterschiedlicher Herkunft auf engem Raum zusammenleben müssen, gibt es Konflikte. Das weiß Ines Lobenstein, Sprecherin des Wolfratshauser Asyl-Helferkreises aus Erfahrung. Und deshalb ist sie empört, dass es in den Gemeinschaftsunterkünften für Asylbewerber zwar mehr Bewohner geben soll, aber keinen Sicherheitsdienst mehr. Die werden nach Ministerratsbeschluss nun von der Regierung von Oberbayern betrieben, nicht mehr vom Landratsamt. Als das für die Großunterkünfte zuständig war, gab es dort einen 24-Stunden-Securitydienst. Das ist nun anders: Im ehemaligen Wolfratshauser Vermessungsamt an der Heimgartenstraße etwa betreibt die Regierung eine Unterkunft, in der 64 Menschen wohnen. Dort arbeiten nur noch eine Verwaltungsangestellte und ein Hausmeister.

Lobenstein kann das nicht nachvollziehen. "In jeder Jugendherberge gibt es jemanden, der rund um die Uhr da ist und auch mal eingreifen kann", sagt sie. Sei das nicht der Fall, könnten Konflikte schnell eskalieren. "Wir sehen die Leute hier vor Ort, und wir sehen die Notwendigkeit", sagt Lobenstein. Deshalb hat sie an Regierung, Landratsamt, Bürgermeister und Stadträte geschrieben und einen Sicherheitsdienst für die Unterkünfte in Wolfratshausen gefordert. "Es ist wichtig, dass jemand da ist, der die Konflikte schlichten kann, wenn sie entstehen." Derjenige sehe dann auch, von wem sie ausgehen, und könne reagieren. Die Regierung aber überlasse die Flüchtlinge in den Unterkünften nun sich selbst.

Vor einigen Tagen hat auch Bürgermeister Klaus Heilinglechner (BVW) ein Protestschreiben an Regierungspräsidentin Brigitta Brunner, Sozialministerin Emilia Müller und Heimatminister Markus Söder (beide CSU) geschickt, in dem er für die Einrichtungen in Wolfratshausen einen gemeinsamen Sicherheitsdienst rund um die Uhr und einen geeigneten Sozialarbeiter fordert. Besonders große Sorgen bereitet ihm die zweite große Wolfratshauser Unterkunft, die im ehemaligen Pfarrheim am Loisachbogen entsteht. Die sollte erst vom Landratsamt betrieben werden, mit etwa 80 Bewohnern, Security und sozialpädagogischer Betreuung. Nun sollen dort laut Heilinglechner 120 Personen untergebracht werden - ohne Sicherheitsdienst. Das sei eine "enorme Verschlechterung der Situation für alle Beteiligten und eine drastische Erhöhung des Konfliktpotenzials". Die Dienste entfielen "zu Lasten der Flüchtlinge und auch der jeweils umliegenden Bevölkerung".

In der Unterkunft an der Heimgartenstraße sei es in der Vergangenheit "immer wieder zu heftigen Konflikten" gekommen. Die Sicherheit, "vor allem von alleinstehenden Frauen" sei dadurch "erheblich gefährdet". Am Donnerstagvormittag ist es dort ruhig. Vor dem Haus ist es sauber, auf dem Gang im Erdgeschoss reden zwei Frauen miteinander. Im Verwaltungsbüro sitzen eine Angestellte und der Hausmeister. Sie dürfen sich zum Thema nicht äußern, sagen sie.

Laut Landratsamt soll es im Landkreis sechs Gemeinschaftsunterkünfte der Regierung geben, mit Plätzen für insgesamt zirka 2600 Flüchtlinge. Drei wurden schon übergeben: in der Heimgartenstraße in Wolfratshausen, am Tölzer Schulzentrum und am Schulzentrum in Geretsried. Die beiden eigens gebauten Häuser in Geretsried mit insgesamt 250 Plätzen werden erst nach und nach belegt; aktuell lebt etwa ein Dutzend Asylsuchender dort. Am Wolfratshauser Loisachbogen, auf der Flinthöhe in Bad Tölz und in der Leonhardiklinik in Bad Heilbrunn sollen demnächst Großunterkünfte eröffnen.

Karsten Ludwig, der im Landratsamt das Sachgebiet Asylwesen leitet, erklärt, warum seine Behörde bei großen Flüchtlingsunterkünften grundsätzlich Sicherheitsdienste etabliert hat. Es gehe sowohl um die "gefühlte Wahrnehmung der Bevölkerung" als auch um die reale Situation in den Häusern. Bei Konflikten schritten die Security-Leute schnell ein, sagt er. Außerdem kennten sie die Bewohner meist so gut, dass sie auch auf das Belegungsmanagement Einfluss hätten. Wenn Menschen so eng beieinander lebten, sei es eben wichtig einzuschätzen, wer mit wem gut oder schlecht klarkomme. Teilweise, so Ludwig, achtete das Sicherheitspersonal sogar darauf, ob Kinder der Asylsuchenden in die Schule gehen. "Es ist so, wie der Landrat auch immer sagt: Es sind Kümmerer." Der vom Landratsamt beauftragte Sicherheitsdienst beschäftigt auch Frauen: "Das ist wichtig und hilfreich", sagt Ludwig, etwa bei den Zugangskontrollen oder bei temporären Taschenuntersuchungen.

Die Regierung von Oberbayern konnte sich am Donnerstag nicht zur Sache äußern. Weil Heilinglechners Schreiben auch an die Minister ging, müsse man zunächst unter den Behörden die Zuständigkeit klären. Der Bürgermeister hat bereits eine Informationsveranstaltung für Anwohner und Interessierte in der Aula der Hammerschmiedschule angekündigt, in der er dann auch die Antwort auf sein Schreiben präsentieren will.

© SZ vom 20.01.2017

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite