Gedenken„Das ist meine Heimat, aber auch nicht meine Heimat“

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Multimediales Museum und Ort des Erinnerns: das Badehaus in Waldram.
Multimediales Museum und Ort des Erinnerns: das Badehaus in Waldram. (Foto: Manfred Neubauer)

Ein wissenschaftliches Symposium befasst sich mit der Geschichte des jüdischen DP-Lagers Föhrenwald. Etwa 40 Zeitzeugen nehmen daran teil.

Von Paul Schäufele, Wolfratshausen

Wenn Samuel Norich nach Deutschland kommt, tut er das mit gemischten Gefühlen. „Das ist meine Heimat, aber das ist auch nicht meine Heimat“, sagt er. Norich wurde 1947 im Displaced-Persons-Lager Feldafing geboren, kurze Zeit später zog die Familie nach Föhrenwald. Trotz der „mixed feelings“ ist er vor wenigen Tagen von New York nach Föhrenwald zurückgekehrt, um an die Gründung des Lagers vor 80 Jahren zu erinnern und um sich mit den rund 40 anderen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen auszutauschen. Und um in den wissenschaftlichen Diskurs um die Geschichte des DP-Lagers Föhrenwald einzusteigen – mit einem Symposium von drei Historikerinnen endet die Gedenkveranstaltung „Überlebt. Befreit. Und jetzt? – Die Rückkehr der Föhrenwalder“.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung fängt gerade erst an. Eine der Expertinnen für die Geschichte der jüdischen Überlebenden nach dem Holocaust ist Kierra Crago-Schneider, die für das United States Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C. arbeitet. Ihren Eröffnungsvortrag im Waldramer Badehaus nutzt sie, um einige Fakten über die Historie des Wolfratshauser Lagers offenzulegen. Das tut sie unter einer speziellen Perspektive. Denn für Crago-Schneider zeigt die Geschichte der DP-Lager, wie zum ersten Mal nach dem Holocaust in Deutschland wieder Juden selbstbestimmt leben konnten. „Jewish Agency“ nennt die Wissenschaftlerin die wiedergewonnene Handlungsfähigkeit.

Kierra Crago-Schneider aus Washington D.C. bei ihrem Vortrag im Badehaus.
Kierra Crago-Schneider aus Washington D.C. bei ihrem Vortrag im Badehaus. (Foto: Hartmut Pöstges)

Verkörpert wurde diese zumal von Abraham Klausner. Der US-amerikanische Militärrabbiner war eine der engagiertesten Persönlichkeiten im Streit um die Belange der Überlebenden von Dachau und vor allem der jüdischen Überlebenden, die als Displaced Persons heimatlos waren. Crago-Schneider schildert, wie Klausner sich gegen den Widerstand der US-amerikanischen Besatzungsmacht dafür einsetzte, Föhrenwald zu einem rein jüdischen DP-Lager zu gestalten. Denn während andere DP-Lager wie Feldafing oder Landsberg aus maroden Baracken bestanden, seien die Verhältnisse im späteren Waldram geradezu paradiesisch gewesen.

Deshalb wünschte sich Klausner diesen Raum für die Shoah-Überlebenden. Die US-Regierung hielt dagegen. Die Häuser sollten für Familien reserviert sein. Doch oftmals seien die Überlebenden der Konzentrationslager die einzigen überlebenden Mitglieder ihrer jeweiligen Familie gewesen. So entstanden aus der Not Gruppierungen wie die um den Klausenberger Rebbe Jekusiel Jehuda Halberstam in Feldafing. Gemeinschaften, die in Solidarität und geteiltem Leid zusammenlebten. Was, wenn nicht das, sei eine Familie, fasst Crago-Schneider Klausners Argumentation zusammen. Das Lager wurde im September 1945 jüdisch und von 5000 Bewohnern waren nach dem Umzug der Gruppe um den Klausenberger Rebbe nach Föhrenwald 1400 orthodoxe Juden. Das hat den oft diskutierten Charakter des DP-Lagers als „letztem Schtetl“ geprägt.

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Nach dem Holocaust fanden jüdische Überlebende eine vorübergehende Zuflucht im heutigen Waldram. Mit einem Gedenkzug und einem Festakt hat der Verein „Erinnerungsort Badehaus“ jetzt an dieses Kapitel der Nachkriegsgeschichte erinnert. Angereist sind dazu auch Zeitzeugen aus Israel, den USA und ganz Deutschland.

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Die Zeit der Selbstbestimmung fand 1951 ihr Ende, als das DP-Lager unter Aufsicht der bayerischen Regierung gestellt und in „Regierungslager für heimatlose Ausländer Föhrenwald“ umbenannt wurde. „Die Menschen in Föhrenwald hatten kein Interesse daran, unter Kontrolle der Mörder ihrer Eltern und Geschwister zu stehen“, sagt Kierra Crago-Schneider. Doch auch der hartnäckige Protest der Bewohnerinnen und Bewohner änderte nichts an der grundlegenden Umstrukturierung des Lagers.

An die Zeit des Lagers in den Fünfzigerjahren hat Samuel Norich plastische Erinnerungen. Wenn er an den Ort denkt, sieht er grasende Schafe, Freunde, die immer in der Nähe waren und er sieht sich als Knaben, der Steine auf der Isar hüpfen lässt. Doch in die idyllischen Bilder mischt sich auch Düsteres: Eine bedrohliche Schnee-Wanderung oder der Moment, in dem er seine Schwester nur mit Mühe vor einem heranfahrenden Zug retten konnte. Norich sagt, dass er bis heute nicht sicher ist, was davon Traum und was eine auf wirklichen Erfahrungen basierende Erinnerung sei. Sicher ist nur, dass er schon früh mitwirken wollte, die Erinnerung an die Geschichte der DPs zu bewahren, nicht zuletzt in seiner Funktion als Direktor des Yivo Institute for Jewish Research.

Dass diese Motivation auch über die Generation der Zeitzeuginnen und -zeugen weiterwirkt, beweist Rhiannon Moutafis. Die junge Eglingerin erkundet in ihrer entstehenden Doktorarbeit den Übergang vom jüdischen DP-Lager zum Ortsteil Waldram und schließt so mit ihrem Vortrag direkt an die Präsentation von Kierra Crago-Schneider an. Sie erzählt, wie die Vertreter der bayerischen Regierung versucht haben, Vertrauen bei der jüdischen Bewohnerschaft herzustellen.

Zerstört wurde das schnell, als 1952 bayerische Polizisten versuchten, den Kindergarten des Ortes zu stürmen. Begründet wurde das Vorgehen mit dem Verdacht auf illegalen Warenverkehr, der wohl von dort organisiert wurde. Die (katholischen) Erzieherinnen verweigerten den Zutritt, aber das Vertrauen war verspielt. In den darauffolgenden Jahren erhöhte Bayern den Druck auf das Lager, wollte dessen Schließung vorantreiben, ohne allzu offensichtlich zu agieren. Moutafis zeichnet ein Bild der Regierung zwischen Antisemitismus und der Angst, sich durch aggressives Vorgehen international angreifbar zu machen.

Die Doktorandin Rhiannon Moutafis befasst sich mit dem Übergang vom DP-Lager zum Wolfratshauser Stadtteil Waldram.
Die Doktorandin Rhiannon Moutafis befasst sich mit dem Übergang vom DP-Lager zum Wolfratshauser Stadtteil Waldram. (Foto: Hartmut Pöstges)

Mit einem Blick, der bis weit in die Gegenwart reicht, beendet Serafima Velkovich das kleine Symposium. Velkovich arbeitet für die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem und beschäftigt sich dort mit den Familiengeschichten der Shoah-Opfer und der Überlebenden. Nachdem sie einen Begrüßungsbrief des Yad Vashem-Direktors Dani Dayan an das Waldramer Badehaus vorgelesen hat, skizziert die Historikerin einen besonderen Umstand der DP-Geschichte: So habe an keinem Ort der Welt eine höhere Geburtenrate geherrscht als in den DP-Lagern.

Träger der Erinnerung

Auch in Föhrenwald mit seinen paar Tausend Einwohnern seien zu einem Zeitpunkt etwa 200 Frauen gleichzeitig schwanger gewesen. „Die DP-Babys tragen die Geschichte ihrer Familien in sich“, sagt Velkovich. Auch weil die Neugeborenen häufig die Namen der Familienmitglieder erhalten haben, die der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik zum Opfer gefallen waren. Eine im DP-Lager geborene Frau habe für ihre eigene Funktion als Trägerin der Erinnerung das Bild der „living memorial Candle“, der lebenden Gedenkkerze, gefunden, sagt Velkovich.

Ob Samuel Norich sich auch als „living memorial Candle“ begreife? Das verneint er, so ein Bild brauche er nicht. Er möchte einfach Fragen stellen und seine Geschichte erzählen, wenn er selbst danach gefragt wird. Auf die Frage, warum die im Holocaust-Gedenken oft vernachlässigte Geschichte der DP-Lager und ihrer Bewohner wichtig ist, antwortet Norich mit einem Punkt, der schon im Eröffnungsvortrag anklang: „Weil es hier nicht darum ging, was mit den Jüdinnen und Juden getan wurde, sondern was sie selbst tun konnten.“ Die an den äußersten Rand Gedrängten haben ihr Schicksal wieder in die Hand genommen. Das verdient, erinnert und erforscht zu werden.

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