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Wolfratshausen:Endszenarien für die Kreisklinik

Kreisklinik Wolfratshausen Moosbauerweg

Aus der Kreisklinik Wolfratshausen soll in den nächsten Jahren ein Gesundheitscampus werden - dafür braucht es aber noch einen Investor.

(Foto: Hartmut Pöstges)

In einer Studie zur Zukunft der Gesundheitsversorgung im Landkreis ziehen Unternehmensberater eine wirtschaftlich bittere Bilanz. Ein "Weiter so" sei keine Option. Das Wolfratshauser Krankenhaus soll deshalb zu einem Gesundheitscampus umgebaut werden

Von Konstantin Kaip, Alexandra Vecchiato und Florian Zick

Die Kreisklinik Wolfratshausen ist seit Jahren ein defizitärer Betrieb. Politiker im Landkreis haben in der Vergangenheit trotzdem betont, an der Einrichtung festhalten zu wollen. Mitten in der Corona-Krise zeichnet sich nun aber ein anderes Zukunftsbild ab - von einem Landkreis ohne Kreisklinik. Denn die könnte in den nächsten Jahren zu einem sogenannten Gesundheitscampus umgebaut werden. Der soll zwar rund um die Uhr die medizinische Basisversorgung sicherstellen - das aber möglichst nur noch in "ambulanten Strukturen".

Der Begriff ist schwammig, bedeutet aber wohl, dass stationäre Aufenthalte in Wolfratshausen nach Möglichkeit vermieden werden sollen. Patienten sollen in der Früh kommen und bis zum Abend wieder entlassen werden können. Weil das Kreisklinikum in seiner jetzigen Form nicht auf eine solche Durchlaufbehandlung ausgerichtet ist, wird deshalb ein strategischer Partner gesucht, also ein Investor. Lose Verhandlungen dazu hat es in der jüngeren Vergangenheit unter anderem mit Asklepios und dem Klinikum Starnberg gegeben. In drei Wochen soll der Kreistag dieses Konzept beraten.

Weil derzeit noch viele Fragen offen sind, wird der geplante Klinikumbau in einer am Donnerstag an die Belegschaft verschickten E-Mail auch als ein "ergebnisoffener Prozess" bezeichnet. Klinik-Geschäftsführer Ingo Kühn und Landrat Josef Niedermaier (FW) verweisen darin auf ihre Bemühungen, die derzeit rund 400 Arbeitsplätze so gut wie möglich zu erhalten. Bei den Mitarbeitern hat diese Ankündigung allerdings zusätzliche Verunsicherung ausgelöst.

Basis für die Pläne ist eine vom Kreistag in Auftrag gegebene Studie zur Zukunft der Gesundheitsversorgung im Landkreis, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Die Unternehmensberatung Vicondo Healthcare GmbH bewertet darin die Weiterführung der Kreisklinik in ihrer bisherigen Form als finanziell zu riskant. In ihrer Analyse kommen die Berliner Unternehmensberater zu dem Schluss, dass sich die Klinik, die mit Ausnahme von 2016 in den vergangenen acht Jahren immer ein negatives Jahresergebnis erzielt hat, in einer "kritischen wirtschaftlichen Situation" befinde, die durch sinkende Fallzahlen, schwächelnde Erlöse und überdurchschnittlich lange Verweildauern der Patienten noch verstärkt werde. In der Marktbetrachtung für 2019 ergibt sich für die Kreisklinik laut Vicondo ein Versorgungsanteil im Landkreis von 26 Prozent. Also nur knapp mehr als ein Viertel des errechneten Marktpotenzials von circa 20 700 Patienten nimmt die Dienste des Kreisklinikums tatsächlich in Anspruch. Der Rest lässt sich schon jetzt lieber woanders behandeln.

2019 waren die aktuell 160 Betten zu 69 Prozent ausgelastet. Vicondo geht davon aus, dass davon nicht alle Patienten zwingend stationär hätten aufgenommen werden müssen. Abzüglich dieses "Ambulanzpotenzials" hält die Unternehmensberatung deshalb 102 Betten für ausreichend - bei einer angenommenen Auslastung von 85 Prozent. Für die wirtschaftliche Entwicklung der Kreisklinik prognostiziert Vicondo in einem "Basis-Szenario" für 2025 ein Defizit von 4,9 Millionen Euro. Die Kreisklinik selbst geht in ihrer Prognose für 2025 indes von einem deutlich niedrigeren Minus aus, nämlich von etwa einer Million Euro.

Das Vicondo-Fazit ist bitter: "Die Kreisklinik Wolfratshausen verliert seit Jahren Fälle und Erlöse in einem zunehmend stagnierenden und kompetitiven Marktumfeld", heißt es im Papier. Erschwerend komme hinzu, dass sie wegen des vielfach komplementären Angebots etwa in der Akutgeriatrie und der Beatmungsmedizin mit der Asklepios-Stadtklinik Bad Tölz in einem deutlichen Wettbewerb stehe, der "zu Lasten beider Standorte geht".

Aus der Analyse hat die Beratungsfirma vier "Handlungsoptionen" für die künftige Gesundheitsversorgung im Landkreis entwickelt. Nur eine davon erwägt die Weiterführung der Kreisklinik als Krankenhaus in der bisherigen Form. Allerdings rät Vicondo explizit davon ab, die beiden Kliniken in Tölz und in Wolfratshausen in den bisherigen Trägerschaften und mit den jeweiligen Portfolios zu erhalten. Ein "Weiter so" sei keine Option, heißt es. Vor allem an der Kreisklinik seien "zahlreiche Risiken identifiziert und aufgezeigt" worden, "die den Standort ohne Veränderung zukünftig massiv bedrohen", stellen die Autoren der Untersuchung fest.

82,8 Prozent

der Patienten an der Kreisklinik kommen laut der auf den Daten von 2019 basierenden Vicondo-Studie aus dem Landkreis. Die meisten stammen aus Geretsried (31,2 Prozent) und Wolfratshausen (26,6 Prozent). Die drittgrößte Gruppe machen bereits die Münchner mit 6,9 Prozent aus, gefolgt von Egling mit 4,2 Prozent. Insgesamt schöpft die Kreisklinik laut Untersuchung knapp über ein Viertel des Marktpotenzials ab, bei der Asklepios-Stadtklinik Bad Tölz ist es gut ein Drittel. Dort liegt der Anteil der Patienten aus dem Landkreis bei 69 Prozent.

Wohin die Reise stattdessen gehen soll, zeigen die anderen Szenarien. Eine zweite Handlungsoption sieht einen zentralen Neubau anstelle der beiden Kliniken vor. Diese Lösung wäre laut Vicondo jedoch mit Kosten von mindestens 100 Millionen Euro verbunden, zudem müsse Asklepios bereit sein, sich an dem Projekt zu beteiligen. Die anderen beiden Szenarien wären hingegen einfacher umzusetzen und daher wohl realistischer. Sie hätten aber eine erhebliche Reduktion des Leistungsspektrums der Kreisklinik zur Folge. So sieht das dritte Szenario die "Fokussierung beider Standorte" vor. Wolfratshausen würde demnach zur "Portalklinik", die sich auf stationäre, nicht-operative Basisversorgung konzentriert und telemedizinisch eng vernetzt mit der Tölzer Stadtklinik zusammenarbeitet. Tölz könnte im Gegenzug seine akutstationären Bereiche ausbauen. Die Geburtshilfe würde in diesem Szenario an der Wolfratshauser Kreisklinik erhalten bleiben. Stationäre Betten gäbe es darüber hinaus dort jedoch nur in der Akutgeriatrie, der Gerontopsychiatrie, der Geriatrischen Rehabilitation und der Inneren Medizin. Für andere stationäre Fachabteilungen und nicht ambulante Operationen müssten die Patienten nach Tölz verlegt werden.

Das vierte Szenario wiederum würde die Kreisklinik in einen "Gesundheitscampus" überführen - mit einem tagsüber tätigen Bereitschaftsdienst, Kurzzeitpflege und Ähnlichem, telemedizinisch angebunden an die "Zentralklinik" in Bad Tölz, die ihre Bettenzahl auf 300 bis 350 erweitern soll. Dort sollen in diesem Szenario nicht nur alle stationären Bereiche gebündelt, sondern auch wieder eine Geburtshilfe betrieben werden, von der sich die Asklepios-Klinik 2017 aber aus wirtschaftlichen Gründen verabschiedet hat.

All diese Gedankenspiele sind bislang nur im kleinsten Kreis diskutiert worden, in einem Lenkungsausschuss des Kreistags und im Aufsichtsrat des Kreisklinikums. Landrat Josef Niedermaier, der auf SZ-Anfrage nur auf ein spontan anberaumtes Pressegespräch kommende Woche zu diesem Thema verweist, hat bislang streng darüber gewacht, dass keine Informationen nach außen dringen.

Auf Basis dieser Geheimverhandlungen gründet offenbar der Plan, der nun dem Kreistag vorgelegt werden soll. Dieser sieht vor, dass außer in Wolfratshausen auch in Lenggries und in Kochel am See jeweils ein Gesundheitscampus entstehen soll. Bei schweren Fällen müssten die Patienten aber wohl immer in eines der voll ausgestatteten Krankenhäuser gebracht werden. Bei einer Schließung des Kreisklinikums Wolfratshausen hätte das vor allem für die Ortsteile im Kern der Gemeinde Egling und für Teile von Dietramszell (siehe Grafik) fatale Folgen. Die Anfahrt in die nächste richtige Klinik würde von dort länger als eine halbe Stunde dauern - bei einem Schlaganfall oder einem Herzinfarkt fatal viel Zeit. "Nur die Gesunden sollten in Dietramszell dann noch leben", so ein verzweifelter Wortlaut aus Klinikkreisen. Bei Vicondo sieht man das wohl weniger problematisch. "Das originäre Bedürfnis der Bevölkerung nach einer wohnortnahen medizinischen Versorgung im Bereitschaftsdienst bedarf nicht der Infrastruktur eines Krankenhauses", lautet ein Fazit der Experten-Analyse.

Kreisklinik-Geschäftsführer Ingo Kühn will die Pläne nicht kommentieren. Die Vicondo-Studie sei vom Landkreis und nicht von der Klinik beauftragt worden, erklärt er auf Anfrage. "Die Bewertung und Entscheidung der Handlungsszenarien obliegt dem Auftraggeber." Auch der Wolfratshauser Bürgermeister Klaus Heilinglechner (BVW), der sich stets für einen Erhalt der Kreisklinik ausgesprochen hat, verweist zum Thema auf das Pressegespräch im Landratsamt.

© SZ vom 30.04.2021
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