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Wolfratshausen:Die schiere Freude am Singen

Der Wolfratshauser Kinderchor brilliert beim Jubiläumskonzert in der Loisachhalle. Chorleiter Yoshihisa Kinoshita stellt an diesem Abend seine Qualitäten erneut unter Beweis

Von Reinhard Szyszka, Wolfratshausen

Nein, Werbung für das Konzert hatte es nicht gegeben. Zum Glück nicht, wie Musikschulleiter Manfred Heller in seinem Grußwort sagte, denn die Loisachhalle platzte auch so aus allen Nähten. Aktive Choristen, Ehemalige, Geschwister, Eltern, Betreuer - alle waren sie erschienen, um das Silberjubiläum des Wolfratshauser Kinderchors zu feiern. Im Mittelpunkt stand Chorgründer Yoshihisa Kinoshita, der den Chor bis heute leitet und durch seine Persönlichkeit prägt.

Der Wolfratshauser Kinderchor - das ist nicht einfach irgendein Chor zwischen "Hänschen klein" und "Alle meine Entchen", sondern ein vielfach preisgekröntes Qualitätsensemble, das europaweit unterwegs ist. In der opulent gestalteten Festschrift kann man nachlesen, was die Wolfratshauser in den 25 Jahren ihres Bestehens alles geleistet haben: Konzertreisen nach Italien, Luxemburg, Frankreich und Irland, diverse Kinderopern, BR-Aufnahmen, erste Preise bei hochkarätigen Chorwettbewerben - die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Sogar in Kinoshitas Heimatland Japan war der Chor schon zweimal zu Gast. Hochprofessionelle Musiker wie das Bläserensemble Blechschaden arbeiten oft und gerne mit dem Kinderchor zusammen. Beim Bundesrat in Berlin haben sich die jungen Sänger hören lassen, ebenso auch im bayerischen Landtag. Wie schafft es Kinoshita nur, dieses hohe Niveau ein Vierteljahrhundert lang zu halten? Kinderchöre verfügen ja über keine Stammsänger mit jahrzehntelanger Erfahrung: die Kinder werden älter, kommen irgendwann einmal in die Pubertät, und neue Kindergenerationen wachsen nach.

Der Wolfratshauser Kinderchor kann, was die Qualität anbelangt, dem Tölzer Knabenchor durchaus das Wasser reichen. Es gibt aber zwei wesentliche Unterschiede zwischen den beiden Chören. Erstens: Der Kinderchor steht sowohl Jungen als auch Mädchen offen. Zweitens: Der Erfolg der Wolfratshauser beruht gerade nicht auf Auslese, Konkurrenz und Drill, sondern auf der Freude am Singen. Das Jubiläumskonzert in der Loisachhalle machte das Erfolgsgeheimnis von Kinoshita wenigstens zum Teil deutlich, weil verschieden altrige Kinder auf der Bühne standen und zum direkten Vergleich einluden.

Die Mädchen und Buben des Wolfratshauser Kinderchors, Stufe 1, singen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Da muss nicht jeder Ton perfekt sitzen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die Kleinsten singen noch so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, und wenn der eine oder andere unsaubere Ton dabei ist, ist das nicht weiter schlimm. Bei der nächsten Altersgruppe hört man schon einen homogenen, reinen Chorklang, zunächst noch einstimmig mit Klavierbegleitung. Von da aus führt der Weg zwanglos, wie selbstverständlich, zum zweistimmigen Singen, zum vier- und mehrstimmigen Singen und schließlich, als höchste Stufe, zum mehrstimmigen A-cappella-Gesang. Gänzlich ohne Druck und Zwang führt Kinoshita seine jungen Sänger vom Einfachen zum Schweren, ohne sie durch Überforderung zu quälen, aber auch ohne sie durch Unterforderung zu langweilen. Oder, um es mit den Worten Manfred Hellers zu sagen: "Er ist nicht nur ein sehr guter Stimmbildner und Chorleiter, sondern vor allem ein hervorragender Chorpädagoge."

So schafft er es, dass viele auch dann noch bei der Stange bleiben, wenn sie in einem Alter sind, wo Singen als "uncool" gilt. Der Konzertabend bot einen Querschnitt durch das riesige Repertoire, das sich der Chor in 25 Jahren erarbeitet hat.

In immer neuen Gruppierungen fanden sich die Sänger auf der Bühne ein, denn jeder, der ein einmal gelerntes Stück noch "drauf" hatte, war eingeladen mitzumachen. Das klappte erstaunlich gut, hatten sich die Aktiven und Ehemaligen erst wenige Stunden zuvor in der Musikschule zum Proben getroffen. Aber gelernt ist gelernt, wenn man einen Yoshi Kinoshita zum Lehrer hat.

Zum Abschluss konnte sich das Publikum selbst von seinen Chorleiter-Qualitäten überzeugen, als der Meister den nicht simplen Kanon "Gaudeamus hodie" in wenigen Minuten mit allen Anwesenden einstudierte. Da war es nur konsequent, dass Karl Weindler, der Präsident des Bayrischen Sängerbundes, den Chor mit der Orlando-di-Lasso-Medaille auszeichnete. Bürgermeister Klaus Heilinglechner ließ sich inspirieren und beendete sein Grußwort mit einem Schnadahüpfl: "Wenn's so weitergeht wie bisher, tat i mi narrisch freun, denn was der Kinderchor da tuat, des tuat Wolfratshausen sakrisch guat." Dem ist nichts hinzuzufügen.

© SZ vom 09.02.2015

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