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Wolfratshausen:Im Kreißsaal können traumatische Gefühle wieder hochkommen

Trotz des Mehraufwandes: Beide betonen, dass sie gerne mit Asylbewerberinnen arbeiten - "denn wir können von ihnen viel lernen", sagen Arnold-Bertocco und Lipowsky. Zum Beispiel das manchmal noch stärkere Gespür, was in der jeweiligen Situation das Richtige ist. Afrikanerinnen ziehen während der Geburt etwa eine andere Position vor, gebären lieber in der Hocke und singen auch mal gegen den Schmerz an. "Da lassen wir sie", sagen die Hebammen. Und natürlich müssen sie sich auch auf andere Riten und Traditionen einstellen: Viele zielen darauf ab, sich als junge Mutter in der Zeit des Wochenbettes nicht öffentlich zu zeigen, oder das Neugeborene besonders zu schützen, etwa mit einem Koran in der Wiege.

Um den Frauen kompetent zur Seite stehen zu können, müssten Hebammen sowohl traumasensibel wie auch kultursensibel sein, erklären die beiden. Gegenüber männlichen Familienmitgliedern, so rät der Hebammenverband, sollten sie allerdings klar und parteiisch für die Belange der Frau und Kinder auftreten. So sei es in vielen Kulturen nicht üblich, über Familienangelegenheiten mit einer fremden Person zu reden, und manche Männer seien zudem erstaunt über die selbständige Position einer Hebamme. Ihr Auftreten und ihre Kompetenz führe allerdings den Stellenwert der Frau hierzulande vor Augen und sei für so manchen Flüchtling oft "ein Punkt, an dem Integration beginnt", sagen die beiden.

19-Jährige bringt an Heiligabend ihr Kind zur Welt

Bei Flüchtlingen aus muslimischen Ländern komme auch immer wieder das Thema der Beschneidung bei Jungen auf. "Aber in der Wolfratshauser Klinik haben wir keinen Arzt, der das macht", sagt Arnold-Bertocco. Dass eine Schwangere selbst beschnitten war und deshalb ein chirurgischer Eingriff nötig wurde, "ist bislang noch nicht vorgekommen - Gott sei dank", betonen die Hebammen.

Flüchtlinge in Bayern Willkommen, Emanuel Icking
Flüchtlingsbaby aus der Turnhalle

Willkommen, Emanuel Icking

Anfang Oktober wurde die hochschwangere Mutter in der Turnhalle in Icking untergebracht. Nun hat sie einen gesunden Jungen zur Welt gebracht - und ihm einen besonderen Namen gegeben.

Man dürfe sich allerdings nicht der Illusion hingeben, dass bei schwangeren Flüchtlingen nicht auch Gewaltopfer darunter seien. Je nach Fluchtweg und Fluchtgrund müsse man davon ausgehen, dass viele Frauen Gewalt, auch sexualisierte Gewalt in ihren Heimatländern oder auf der Flucht erlebt haben. Es komme vor, dass eine Frau ihnen ihre leidvollen Erfahrungen anvertraue. Manchmal erkennen sie es "an einem typischen Verhalten, wenn eine Frau vergewaltigt wurde", wie sie erklären.

Doch aus Angst, auch vor dem Unbekannten, nähmen sich viele schwangere Frauen, die es bis hierher geschafft hätten, oft sehr zurück, negierten traumatische Folgen der Gewalt und der vielfältigen Verluste. Weil Frauen wie diese mit Abhängigkeit und Hilflosigkeit konfrontiert waren und diese Gefühle im Kreißsaal wieder aufkommen können, sei es wichtig für die Hebammen, das Selbstwertgefühl zu stärken für ein positives Geburtserlebnis.

Manchmal nehmen auch die Hebammen Stärke, Zuversicht und Freude mit aus dem Kreißsaal: "An den Weihnachtsfeiertagen hatte ich 24-Stunden-Dienst und prompt kam eine 19-jährige Asylbewerberin auf die Geburtsstation, die genau an Heiligabend ihr Kind zur Welt brachte. Das hat mich tief berührt", sagt Lipowsky.

Für solche Momente und generell für die Arbeit mit schwangeren Asylbewerberinnen komme es allen zugute, dass die Wolfratshauser Klinik und die Geburtsabteilung klein seien: "Wir haben hier noch mehr Zeit, Ruhe und Intimität." Noch seien die Hebammen der Region zudem gut aufgestellt, die Mehrbelastung zu schaffen und die Vernetzung untereinander sei so eng, dass man sich helfe, wie Lipowsky und Arnold-Bertocco betonen. "Wir müssen eben jeden Tag gemeinsam Schritt für Schritt gehen".