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Konzertkritik:Die Emanzipation des Kontrabasses

Nabil Shehata ist ein Ausnahmesolist am Kontrabass. Dirigent Christoph Adt leitet das Philharmonischen Orchester Isartal.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Der geniale Solist Nabil Shehata interpretiert bei "Klassik pur" das anspruchsvolle Koussevitzky-Konzert in fis-moll - atemberaubend

In atemberaubender Virtuosität wandern Finger über die schier unendlich langen Saiten und erschließen in berührender Kantabilität unbekannte Regionen noch jenseits des Griffbretts: Wer den Kontrabass bisher eher als behäbiges Ungetüm wahrgenommen hatte, das seine Existenzberechtigung aus der Notwendigkeit ableitete, den tieferen Regionen der orchestralen Partitur Rechnung zu tragen, der konnte am Samstagabend in der Loisachhalle Wolfratshausen eines Besseren belehrt werden. Triumphierend entfaltete sich ein facettenreicher Klangzauber, den dieses Instrument preisgibt, sobald sich ein wahrer Meister seiner annimmt.

Beim 6. Abokonzert "Solo für Kontrabass" der Reihe "Klassik pur! Im Isartal" musizierte das Philharmonische Orchester Isartal unter der Leitung von Christoph Adt gemeinsam mit dem genialen Solisten Nabil Shehata das anspruchsvolle Kontrabasskonzert fis-moll von Serge Koussevitzky. Der ehemalige Solo-Kontrabassist der Berliner Philharmoniker ist heute als Solist regelmäßig zu Gast bei namhaften Orchestern wie dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und renommierten internationalen Festivals wie den Salzburger Osterfestspielen.

Mit hoher Motivation trat das Orchester in den musikalischen Dialog mit seinem Ausnahmesolisten, wobei die spätromantische Tonsprache des zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstandenen Werks mit betörender Sinnlichkeit ausmusiziert wurde. Für den tosenden Beifall bedankte sich Shehata abschließend mit einer Gigue von Heinrich Biber, die er so hinreißend spielte, dass man wünschen mochte, er werde nie ein Ende finden.

Nicht ganz so glücklich gestaltete sich die Programmzusammenstellung an diesem Abend, die mit Mozarts "Linzer" Sinfonie KV 425 seinen Anfang nahm. Die grazile klassizistische Leichtigkeit dieses Werks darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich hierbei um ein musikalisches Schwergewicht höchster Vollendung handelt, dem man nicht unbedingt Schuberts vierte Sinfonie, ein Jugendwerk, das deutliche Züge der ringenden Auseinandersetzung mit dem sinfonischen Prinzip aufweist, folgen lassen sollte.

Gleichwohl war die Interpretation von Mozarts im Eiltempo entstandenem Meisterwerk eine Freude: Mit pulsierendem Esprit zeichneten die Musiker ein Bild voll jugendlicher Lebendigkeit. Die Qualität der Einstudierung wurde offensichtlich in fein gearbeiteten dynamischen Konturen und einer gut durchdachten Artikulation. Auch erwiesen sich die zügig gewählten Tempi der Ecksätze als sehr überzeugend. Zwar mangelte es der Introduktion des Eingangssatzes an jener zwielichtig harmonischen Tiefenwirkung, die so bezeichnend ist für Mozarts grandios vielschichtige Musiksprache, doch erreichte Adt mit Beginn des Allegro im Orchester eine vibrierende Lebendigkeit, mit der es ihm gelang, einen großen formalen Bogen zu spannen. Im langsamen Satz war der Streichersatz über weite Strecken zu laut. Man hätte sich hier ein stärkeres Ausleuchten der harmonischen Abgründe sowie der geradezu apokalyptisch anmutenden Einsätze von Trompeten und Pauken gewünscht.

Schuberts "Tragische" schließlich gestaltet sich in ihrer formalen Anlage nicht unproblematisch und stellt für alle Interpreten eine Herausforderung dar. Während sich Schubert im Entstehungsjahr dieser Sinfonie 1816 mit Liedern wie dem Erlkönig bereits zur komponierenden Avantgarde zählen durfte, blieb er im sinfonischen Bereich noch tief in die qualvolle Auseinandersetzung mit der Strahlkraft der Wiener Klassik und der Größe Beethovens verstrickt. Auch an diesem Abend konnte sich die Struktur der einzelnen Sätze nicht recht erschließen.

Adt präsentierte das jugendliche Werk Schuberts breit dramatisch angelegt, forderte jedoch zugleich klangliche Transparenz, sodass immer wieder aufregende Farbnuancen entstehen konnten. Die typische Dur/Moll-tonale Ambivalenz Schubertscher Klangsprache konnte sich so in einer Art Wetterleuchten Bahn brechen. Insgesamt hätte man sich jedoch eine stärkere Zurücknahme der Nebenstimmen gewünscht. Herausragend dann der zart lyrisch angelegte Beginn des langsamen Satzes sowie die grandiose dramatische Steigerung am Ende des Finalsatzes. Großer Applaus für alle Beteiligten.