Eine Puppenstube – ist das nicht der Inbegriff von Idylle, von kindlichem Glück und Unbeschwertheit? Zierliche Möbel, winzige Tassen und Teller, adrett gekleidete Mädchen und Buben, malerische Landschaften an den Wänden, Großmutter strickt, und durchs Zimmer fährt ein Spielzeugzug. Auch hier, in den Puppenstuben, die derzeit im Erinnerungsort Badehaus in Wolfratshausen zu sehen sind, herrscht auf den ersten Blick schiere Heimeligkeit. Doch wer tiefer hineinschaut in die guten Stuben, wird Verstörendes entdecken: Soldatenfotos und Hitlerbilder an den Wänden; Menschen, die im verdunkelten Raum sitzen; verängstigte Gestalten, suchend über eine Landkarte gebeugt, neben sich gepackte Koffer und dick geschnürte Decken; später ziehen sie in eine trostlose Baracke ein, während sich andere zu sechst ein karges kleines Zimmer teilen müssen.
„Kriegskinder“ heißt die Ausstellung der Künstlerin Heike von Schlebrügge, die das Badehaus-Team im Untergeschoss des Museums am Waldramer Kolpingplatz inszeniert und um eine Installation ergänzt hat. Zur Eröffnung am Samstag hat Schlebrügge ihr Konzept erläutert. Die Goldschmiedin, Illustratorin und Autorin erzählt mit „Kriegskinder“ die Geschichten ihrer Eltern Hiltrud und Günter Häntzschel, beide 1939, kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs geboren. Am familiären Beispiel führt sie vor Augen, wie Eltern und Großeltern als Kinder Bombennächte, Flucht, Verlust, Verfolgung und Vertreibung, aber auch das Aufatmen und den Neubeginn nach dem Krieg erlebt haben. Und sie zeigt, wie all dies in den Nachkommen weiterwirkt: als „Geschichte in uns“, wie es der Psychotherapeut Jürgen Müller-Hohagen in seinem gleichnamigen Buch beschrieben hat.


Ihre Kindheit, so sagte Schlebrügge, sei geprägt gewesen von widersprüchlichen „vererbten Gefühlen“ – Scham und Schuld der Mutter einerseits, Trauer des Vaters andererseits. Der Großvater mütterlicherseits war überzeugter Nazi („Er hat 1934 in SA-Uniform geheiratet“). Der Großvater väterlicherseits starb im Krieg. Die Familie wartete lang und bang auf die Todesnachricht. Eine Puppenhaus-Szene zeigt, wie Mutter Häntzschel, die vergeblich auf Feldpost harrte, vor Wut und Verzweiflung das obligatorische Hitlerbild auf dem Boden zertrampelt.


Im Katalog zu ihrer Ausstellung schreibt Heike von Schlebrügge, sie habe sich „wie eine Aufbewahrungsstätte für die Geschichten meiner Familie“ gefühlt; das meiste habe „ziemlich unverdaut und sperrig“ in ihrem inneren Keller gelegen. Schreiben und Zeichnen allein hätten nicht gereicht. Schließlich kam sie auf die Idee, alle Assoziationen in Puppenstuben darzustellen, in denen sie Figuren aus Schwarz-Weiß-Zeichnungen arrangierte. Ergänzend zu zwei geerbten Stübchen baute sie eigene und stattete sie akribisch und hingebungsvoll aus. Von Kommödchen über voll mit winzigen Büchern bestückte Regale, ein rostiges kleines Waschbecken oder einen herrlichen Kachelofen bis zu den schrecklichen Hitlerbildern. „Jede handwerkliche Arbeit (…) ist für mich ein Genuss – aber auch ein dankbares Verarbeiten der vielen unverdauten Brocken.“
Um dieses Verarbeiten geht es all jenen, die sich eines erst seit diesem Jahr online einzusehenden Archivs bedienen. Die Wochenzeitung Die Zeit und später auch die Süddeutsche Zeitung haben die sonst nur über das Bundesarchiv zugängliche NSDAP-Mitgliederkartei aufbereitet und ins Netz gestellt. „Waren deine (Groß)Eltern Nazis?“ – diese Frage steht auch über der Installation des Badehauses, welche die Ausstellung „Kriegskinder“ ergänzt. Auf, in und neben einem Schreibtisch aus der NS-Zeit hat das Team des Erinnerungsorts Gegenstände verteilt, wie sie sich auf vielen deutschen Dachböden noch befinden mögen: ein Mutterkreuz in Bronze, eine HJ-Armbinde, ein Winterhilfswerk-Heftchen, Briefmarken mit Hitlers Konterfei, ein Taschenbuch „Großdeutschland“ oder – wer hätte gedacht, dass auch dies ein NS-Relikt ist – einen Kleiderbügel „Knagge & Peitz München“, Zeugnis eines von den Nazis geraubten jüdischen Kaufhauses.


Inmitten dieser Sammlung steht ein Computer mit dem Zugang zum Zeit-Recherchetool. Wer den Namen und, wenn möglich, auch Geburtsdatum und Geburtsort eines Verwandten eingibt, erfährt, ob er oder sie NSDAP-Mitglied oder gar aktiv in SA oder SS war. Und erlebt dann womöglich das Dilemma der „gespaltenen Loyalität“: Man liebt die eigenen Angehörigen – und muss gleichzeitig anerkennen, dass sie Täter, Mitläufer oder Profiteure des NS‑Regimes waren.
Heike von Schlebrügge schreibt über ihre Nazi-Großmutter, die „ihr Leben lang unbelehrbar“ geblieben sei und nach deren Tod unter ihrer Wäsche „ganz fürchterliche Bücher“ gefunden worden seien: „Warum? Ich werde es nie verstehen.“
„Kriegskinder“: Sonderausstellung im Erinnerungsort Badehaus, Kolpingplatz, Wolfratshausen; bis 29. August 2027; geöffnet Freitag 9 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag 13 bis 17 Uhr; Sonderführungen mit der Künstlerin Heike von Schlebrügge am 14. November, 16. Januar, 3. April, 29. Mai und 27. Juni.

