Ausstellung „Kriegskinder“Angst in der Puppenstube

Lesezeit: 3 Min.

Blick ins Kinderzimmer: Heike von Schlebrügge zeigt in der Ausstellung inszenierte Erinnerungen an die Kriegs- und Nachkriegszeit.
Blick ins Kinderzimmer: Heike von Schlebrügge zeigt in der Ausstellung inszenierte Erinnerungen an die Kriegs- und Nachkriegszeit.
Harry Wolfsbauer
  • Die Künstlerin Heike von Schlebrügge zeigt im Erinnerungsort Badehaus in Wolfratshausen Puppenstuben, die Kriegs- und Nachkriegserlebnisse ihrer Eltern darstellen.
  • Die Ausstellung „Kriegskinder" thematisiert, wie Bombennächte, Flucht und Vertreibung als „vererbte Gefühle" bis heute in den Nachkommen weiterwirken.
  • Ergänzend können Besucher per Computer die NSDAP-Mitgliederkartei durchsuchen und prüfen, ob eigene Vorfahren Mitglieder der Partei waren.
Von der Redaktion überprüft

Diese Zusammenfassung wurde mit der Unterstützung einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt. Lesen Sie mehr über unseren Umgang mit KI.

Fanden Sie diese Zusammenfassung hilfreich?
Mehr Feedback geben

Die Künstlerin Heike von Schlebrügge zeigt in Wolfratshausen in sorgfältig ausgestatteten Miniaturen, wie Eltern und Großeltern die Nazizeit und den Krieg erlebt haben, von Bombennächten bis zur Vertreibung.

Von Felicitas Amler, Wolfratshausen

SZ bei Google bevorzugen

Eine Puppenstube – ist das nicht der Inbegriff von Idylle, von kindlichem Glück und Unbeschwertheit? Zierliche Möbel, winzige Tassen und Teller, adrett gekleidete Mädchen und Buben, malerische Landschaften an den Wänden, Großmutter strickt, und durchs Zimmer fährt ein Spielzeugzug. Auch hier, in den Puppenstuben, die derzeit im Erinnerungsort Badehaus in Wolfratshausen zu sehen sind, herrscht auf den ersten Blick schiere Heimeligkeit. Doch wer tiefer hineinschaut in die guten Stuben, wird Verstörendes entdecken: Soldatenfotos und Hitlerbilder an den Wänden; Menschen, die im verdunkelten Raum sitzen; verängstigte Gestalten, suchend über eine Landkarte gebeugt, neben sich gepackte Koffer und dick geschnürte Decken; später ziehen sie in eine trostlose Baracke ein, während sich andere zu sechst ein karges kleines Zimmer teilen müssen.

„Kriegskinder“ heißt die Ausstellung der Künstlerin Heike von Schlebrügge, die das Badehaus-Team im Untergeschoss des Museums am Waldramer Kolpingplatz inszeniert und um eine Installation ergänzt hat. Zur Eröffnung am Samstag hat Schlebrügge ihr Konzept erläutert. Die Goldschmiedin, Illustratorin und Autorin erzählt mit „Kriegskinder“ die Geschichten ihrer Eltern Hiltrud und Günter Häntzschel, beide 1939, kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs geboren. Am familiären Beispiel führt sie vor Augen, wie Eltern und Großeltern als Kinder Bombennächte, Flucht, Verlust, Verfolgung und Vertreibung, aber auch das Aufatmen und den Neubeginn nach dem Krieg erlebt haben. Und sie zeigt, wie all dies in den Nachkommen weiterwirkt: als „Geschichte in uns“, wie es der Psychotherapeut Jürgen Müller-Hohagen in seinem gleichnamigen Buch beschrieben hat.

Szene aus der Nachkriegszeit: Als Aschersleben der russischen Zone zugeteilt und die Situation immer bedrohlicher wurde, beschloss die Familie zu fliehen.
Szene aus der Nachkriegszeit: Als Aschersleben der russischen Zone zugeteilt und die Situation immer bedrohlicher wurde, beschloss die Familie zu fliehen.
Harry Wolfsbauer
Nach schweren Tagen wurde die englische Zone erreicht. Von dort aus wurden sie in Militärjeeps zum Lager Friedland gebracht, wo sie sich einige Tage erholen konnten.
Nach schweren Tagen wurde die englische Zone erreicht. Von dort aus wurden sie in Militärjeeps zum Lager Friedland gebracht, wo sie sich einige Tage erholen konnten.
Harry Wolfsbauer

Ihre Kindheit, so sagte Schlebrügge, sei geprägt gewesen von widersprüchlichen „vererbten Gefühlen“ – Scham und Schuld der Mutter einerseits, Trauer des Vaters andererseits. Der Großvater mütterlicherseits war überzeugter Nazi („Er hat 1934 in SA-Uniform geheiratet“). Der Großvater väterlicherseits starb im Krieg. Die Familie wartete lang und bang auf die Todesnachricht. Eine Puppenhaus-Szene zeigt, wie Mutter Häntzschel, die vergeblich auf Feldpost harrte, vor Wut und Verzweiflung das obligatorische Hitlerbild auf dem Boden zertrampelt.

Mutter Häntzschel zertrampelt vor Wut das Hitlerbild.
Mutter Häntzschel zertrampelt vor Wut das Hitlerbild.
Harry Wolfsbauer
In den Puppenstuben im Erinnerungsort Badehaus gibt es viel zu entdecken.
In den Puppenstuben im Erinnerungsort Badehaus gibt es viel zu entdecken.
Harry Wolfsbauer

Im Katalog zu ihrer Ausstellung schreibt Heike von Schlebrügge, sie habe sich „wie eine Aufbewahrungsstätte für die Geschichten meiner Familie“ gefühlt; das meiste habe „ziemlich unverdaut und sperrig“ in ihrem inneren Keller gelegen. Schreiben und Zeichnen allein hätten nicht gereicht. Schließlich kam sie auf die Idee, alle Assoziationen in Puppenstuben darzustellen, in denen sie Figuren aus Schwarz-Weiß-Zeichnungen arrangierte. Ergänzend zu zwei geerbten Stübchen baute sie eigene und stattete sie akribisch und hingebungsvoll aus. Von Kommödchen über voll mit winzigen Büchern bestückte Regale, ein rostiges kleines Waschbecken oder einen herrlichen Kachelofen bis zu den schrecklichen Hitlerbildern. „Jede handwerkliche Arbeit (…) ist für mich ein Genuss – aber auch ein dankbares Verarbeiten der vielen unverdauten Brocken.“

Um dieses Verarbeiten geht es all jenen, die sich eines erst seit diesem Jahr online einzusehenden Archivs bedienen. Die Wochenzeitung Die Zeit und später auch die Süddeutsche Zeitung haben die sonst nur über das Bundesarchiv zugängliche NSDAP-Mitgliederkartei aufbereitet und ins Netz gestellt. „Waren deine (Groß)Eltern Nazis?“ – diese Frage steht auch über der Installation des Badehauses, welche die Ausstellung „Kriegskinder“ ergänzt. Auf, in und neben einem Schreibtisch aus der NS-Zeit hat das Team des Erinnerungsorts Gegenstände verteilt, wie sie sich auf vielen deutschen Dachböden noch befinden mögen: ein Mutterkreuz in Bronze, eine HJ-Armbinde, ein Winterhilfswerk-Heftchen, Briefmarken mit Hitlers Konterfei, ein Taschenbuch „Großdeutschland“ oder – wer hätte gedacht, dass auch dies ein NS-Relikt ist – einen Kleiderbügel „Knagge & Peitz München“, Zeugnis eines von den Nazis geraubten jüdischen Kaufhauses.

Die Künstlerin Heike von Schlebrügge erklärt bei der Vernissage, was ihr Antrieb zu der Ausstellung war.
Die Künstlerin Heike von Schlebrügge erklärt bei der Vernissage, was ihr Antrieb zu der Ausstellung war.
Harry Wolfsbauer
Auch ihre Eltern Hiltrud und Günter Häntzschel, deren Erinerungen sie künstlerisch inszeniert hat, kommen zu Wort.
Auch ihre Eltern Hiltrud und Günter Häntzschel, deren Erinerungen sie künstlerisch inszeniert hat, kommen zu Wort.
Harry Wolfsbauer

Inmitten dieser Sammlung steht ein Computer mit dem Zugang zum Zeit-Recherchetool. Wer den Namen und, wenn möglich, auch Geburtsdatum und Geburtsort eines Verwandten eingibt, erfährt, ob er oder sie NSDAP-Mitglied oder gar aktiv in SA oder SS war. Und erlebt dann womöglich das Dilemma der „gespaltenen Loyalität“: Man liebt die eigenen Angehörigen – und muss gleichzeitig anerkennen, dass sie Täter, Mitläufer oder Profiteure des NS‑Regimes waren.

Heike von Schlebrügge schreibt über ihre Nazi-Großmutter, die „ihr Leben lang unbelehrbar“ geblieben sei und nach deren Tod unter ihrer Wäsche „ganz fürchterliche Bücher“ gefunden worden seien: „Warum? Ich werde es nie verstehen.“

„Kriegskinder“: Sonderausstellung im Erinnerungsort Badehaus, Kolpingplatz, Wolfratshausen; bis 29. August 2027; geöffnet Freitag 9 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag 13 bis 17 Uhr; Sonderführungen mit der Künstlerin Heike von Schlebrügge am 14. November, 16. Januar, 3. April, 29. Mai und 27. Juni.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

SZ-Serie: Wasser bewegt
:Ins Wasser, Marsch!

Seit fünf Jahren lädt die Stadt Bad Tölz zum Kneippen ein. Wie passen die alten Heilmethoden eines Allgäuer Pfarrers in ein modernes Gesundheitskonzept? Auf Kneipp-Tour mit zwei Expertinnen.

SZ PlusVon Stephanie Schwaderer

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: