Wolfratshausen:Als Wolfratshausen noch eine Bierstadt war

O'zapft is: Gut ein Dutzend Brauereien gab es Mitte des 19. Jahrhunderts an der Loisach. Das feiert der Historische Verein mit einer Revue im eigenen Festzelt - das hat sich die Stadt nicht getraut.

Von Floriana Hofmann

Besenbräu, Ochsenbräu, Schererbräu und Nudlbräu: Das sind nur vier Beispiele für gut ein Dutzend Brauereien, die bis Mitte des 19. Jahrhunderts mitten in der Stadt den Gerstensaft brauten. Die Betriebe gaben den Menschen Arbeit - und die Steuereinnahmen verhalfen der Stadt zu großem wirtschaftlichen Aufschwung. Wolfratshausen war einmal eine richtige Bierstadt. Darum feiert der Historische Verein ein eigenes Bierfest - sogar mit Festzelt im Hof des Humplbräu. Am Samstag, 23. Juli, gibt es von 19 Uhr an eine historische Revue mit Filmen, Vorträgen und Kabarett unter dem Motto "Hopfen und Malz".

So lebt die Geschichte weiter - auch wenn die Brauereien längst schließen mussten: Der Druck durch die Konkurrenz der Münchner Großbetriebe wurde Mitte des 19. Jahrhunderts immer größer. Die Herstellung in Wolfratshausen war nicht mehr rentabel. Lediglich der Humplbräu konnte sich noch bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts halten. Seitdem wird an der Loisach kein Bier mehr gebraut. Und so kommt es, dass am Samstag ein Großstadtbier ausgeschenkt wird - Hacker-Pschorr.

Wolfratshausen: Die Brauereien verschafften Wolfratshausen Arbeit und Wohlstand - hier Brauerknechte im Haderbräu um das Jahr 1900.

Die Brauereien verschafften Wolfratshausen Arbeit und Wohlstand - hier Brauerknechte im Haderbräu um das Jahr 1900.

(Foto: oh)

Doch nicht nur die Würdigung der ehemaligen Braustätten gibt Anlass zum Feiern, heuer findet auch ein rundes Jubiläum statt: Seit genau 500 Jahren gilt in Bayern das Reinheitsgebot. Bier darf nur aus den Zutaten Malz, Hopfen, Hefe und Wasser gebraut werden, so schreibt es das älteste heute noch gültige Lebensmittelgesetz der Welt vor. Aus diesen vier Inhaltsstoffen lassen sich Unmengen an unterschiedlichen Geschmäcken herstellen - kein Bier schmeckt wie das andere.

Der Historische Verein konzipiert und veranstaltet diese kleine Wolfratshauser Wiesn komplett ehrenamtlich. "Solch eine Veranstaltung kann nur in einem Bierzelt stattfinden", sagt Vereinsvorsitzende Sybille Krafft. Deshalb wird ein Zelt mit Platz für 400 Personen aufgestellt. Bernhard Reisner, Vizevorsitzender des Vereins, betont das "finanzielle Risiko", das der Historische Verein damit eingeht - ein Risiko, das beispielsweise die Stadt Wolfratshausen beim Volksfest an der Loisach gescheut habe. Durch den Eintrittspreis in Höhe von 18 Euro sollen die Ausgaben für das Zelt, die aufwendige Technik und die Werbung gedeckt werden, der Verein will mit dem Fest keinen Gewinn erzielen.

Wolfratshausen: Einst der Sitz von fast einem Dutzend Brauereien: Das Bild zeigt die Wolfratshauser Marktstraße mit dem Haderbräu um das Jahr 1900.

Einst der Sitz von fast einem Dutzend Brauereien: Das Bild zeigt die Wolfratshauser Marktstraße mit dem Haderbräu um das Jahr 1900.

(Foto: Historischer Verein/oh)

Einlass ist um 19 Uhr, von 19.30 Uhr an spielt die Wolfratshauser Stadtkapelle Blasmusik, Ehrengast Landrat Josef Niedermaier (Freie Wähler) zapft das erste Fass Bier an. Um 20 Uhr beginnt das eng getaktete Programm: Zu Beginn erzählt Anja Brandstäter die Geschichte des Reinheitsgebots. Daran anschließend zeigt Krafft Schwarz-Weiß-Filme aus den 1950er- und 1960er-Jahren aus den Archiven des Bayerischen Rundfunks, die unter anderem von dem historischen Brauhandwerk und der Biergartenkultur handeln. Diese Vorführung stellt eine große Herausforderung an die Technik dar, da es - der Jahreszeit geschuldet - um diese Uhrzeit draußen noch hell ist. Darauf folgt ein Vortrag mit historischen Aufnahmen von Paul Brauner über die ehemaligen Wolfratshauser Brauereien. Bei den zwei Auftritten des Kabarettisten Claus Steigenberger gibt es auch etwas zu Lachen. Familie Fagner, die das Humplbräu seit 1912 führt, und Familie Holzheu, Betreiber des Wolfratshauser Löwenbräus, werden auf der Bühne zu ihrer eigenen Wirtshausgeschichte befragt. Weiter erfahren die Besucher Interessantes über die Bierkellerkultur in Bayern und die Kältemaschine, der Vorläufer des heutigen Kühlschranks. Ein besonderes Highlight ist der Vortrag von Annekatrin Schulz, die Ausstellungsobjekte zur Biergeschichte zeigt - wie zum Beispiel Bierzipfel oder Krüge, die zum Teil erstmals öffentlich zu sehen sind. Zwischen den einzelnen Einheiten, versichern die Veranstalter, werde auch immer wieder genügend Zeit für ein "Prosit der Gemütlichkeit" bleiben. Und auch nach dem zwei- bis dreistündigen Programm spielt die Blasmusik natürlich weiter - und die Besucher können den goldenen Gerstensaft weiter feiern.

Tickets sind noch zu haben. Der Vorverkauf findet im Gasthof Humplbräu, Obermarkt 2 statt, Telefon 08171 / 48 32 90.

© SZ vom 20.07.2016
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