Dass Erich Brockard schon seit 30 Jahren nicht mehr Bürgermeister von Wolfratshausen ist, ändert nichts daran, dass er nach wie vor mitreden will in der Stadtpolitik. Nach seinem Einspruch gegen die geplante Entwicklung der Hammerschmiedschule, erst in Briefform, dann als Anzeige im Isarkurier, hat sich der Altbürgermeister nun wieder in seinem Lechbrucker Altersruhesitz an die Schreibmaschine gesetzt und zwei Seiten verfasst, die er an den amtierenden Rathauschef Klaus Heilinglechner und die Presse geschickt hat. In seinem Adventsbrief geht es praktisch um sein Vermächtnis: Der Sozialdemokrat fordert die Erhaltung der Floßgasse am Kastenmühlwehr, deren Errichtung er einst veranlasst hat. Sie sei "Grundvoraussetzung" für den Fortbestand der Flößerei, erklärt Brockard. Ihre Beseitigung bedeute möglicherweise den "Untergang der viel zitierten Flößerstadt".
Die Wortmeldung verwundert schon deshalb, weil die Floßgasse nun wahrlich kein Ruhmeswerk ist. Die Rutsche, die sein Nachfolger Peter Finsterwalder (CSU) 1994 einweihte, hat 500 000 D-Mark gekostet und wurde nur viermal genutzt. Denn sie ist viel zu steil und eigentlich eine Fehlkonstruktion. Das weiß auch der Wolfratshauser Ehrenbürger Edmund Stoiber, der als bayerischer Ministerpräsident bei seiner Rutschpartie am Wehr gehörig nass wurde. Den Flößern ist sie zu gefährlich. Diese legen nach wenigen Versuchen nun schon lange wieder in Weidach ab, Brockards Floßgasse ist nach 26 Jahren längst marode und nicht mehr zu gebrauchen. Die Flößer haben auch keinerlei Interesse an einer Reaktivierung, die der Stadtrat dennoch 2018 beschlossen hat. Ideengeber war Kulturreferent Alfred Fraas, der mit Stadtfloßfahrten die Flößerstadt "erlebbar" machen will. Das dürfte Brockard gefreut haben. Nicht aber das Ergebnis der Machbarkeitsstudie, das Heilinglechner heuer im Oktober bekannt gab: Eine "Reaktivierung der Floßrutsche ohne umfassende Planungs- und Baumaßnahme" könne nicht empfohlen werden, lautet das Urteil des Fachbüros. Die Kosten für die Revitalisierung der Floßrutsche schätzt es auf circa 112 000 Euro, hinzu kämen 12 000 Euro jährliche Unterhaltskosten.
Für Brockard dürfte das ernüchternd gewesen sein. In seinem Schreiben erklärt er, dass die Floßlände in Weidach wegen Lärmbelästigung beim Floßbau in den 1960er-Jahren Gegenstand eines Prozesses mit Anwohnern gewesen sei. Das Gericht habe dann lediglich ein widerrufliches Duldungsrecht ausgesprochen. An diesem seidenen Faden, so seine Logik, hänge die Flößerei. Dieser Faden werde aber reißen, werde auf die Floßgasse verzichtet und sie vom Restwasserkraftwerk ersetzt, das der Betreiber der Weidachmühle am Wehr plant.
Heilinglechner will das nicht kommentieren. "Wenn der Altbürgermeister schreibt, muss ich nicht sofort springen", sagt er hörbar entnervt. Er glaubt, dass sich die Reaktivierung der Rutsche, für die im laufenden Haushalt pro forma 350 000 Euro eingestellt sind, angesichts des Aufwands nicht lohne. Ob sie weiter im Investitionsplan bleibe, müsse der Stadtrat entscheiden. Alfred Fraas ist sich sicher, dass der Posten gestrichen wird. Die Idee mit der Floßrutsche aber sei deshalb "nicht tot", betont Fraas. Er sei sich sicher, dass eine günstigere Reaktivierung technisch machbar sei. Nur müsse er das eben beweisen. "So einfach", sagt Fraas, "werde ich nicht aufgeben."
