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Wohnungsmarkt in Wolfratshausen:Per Kurzschluss in die Obdachlosigkeit

Dila Bebe Amet mit Tochter Pelin steht kurz davor, ihre Wohnung in Waldram zu verlieren. Grund war eine Kurzschlussreaktion ihres Ehemannes. Die Rücknahme der Kündigung will die Baugenossenschaft nicht akzeptieren.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Weil die Baugenossenschaft den Kammerjäger nicht bezahlen will, kündigt Familie Bebe die Wohnung. Eine Überreaktion, die sie schnell rückgängig macht. Doch nun soll sie trotzdem ausziehen - Räumungsklage.

Es klingt absurd: Nun, da sämtliche politische Amtsinhaber an alle Bürger eindringlich appellieren, möglichst zu Hause zu bleiben, wird eine junge Familie in Wolfratshausen vom Amtsgericht dazu aufgefordert, ihre Wohnung zu verlassen. Aber Dila Bebe Amet, die mit ihrem Mann, ihrem 18 Monate alten Säugling und ihrer neunjährigen Tochter in einer Mietwohnung der Baugenossenschaft in Waldram wohnt, hat am vergangenen Freitag tatsächlich eine Räumungsklage in ihrem Briefkasten gefunden. "Das belastet uns sehr", sagt die 29-Jährige. Schließlich finde die Familie bei dem angespannten Wohnungsmarkt keine andere Bleibe. Auch habe ihr Mann, der bei der Bahn arbeite, immer pünktlich die Miete gezahlt und nie eine Frist verpasst. "Ich verstehe nicht, wie man so unmenschlich sein kann."

Dass es soweit gekommen ist, liegt an einer unüberlegten Impulsreaktion, aber auch an einer Unerbittlichkeit, die für Außenstehende nur schwer nachvollziehbar ist. Bebe Amet erzählt die Geschichte so: Als ihr Mann von München nach Wolfratshausen versetzt wurde, zog die Familie im Mai vergangenen Jahres dort in eine Wohnung der örtlichen Baugenossenschaft am Isarring. "Wir haben uns eingerichtet", sagt Bebe Amet. Im Sommer sei es dann unangenehm geworden - wegen einer regelrechten Plage an Silberfischchen. Überall in der Wohnung seien die kleinen Insekten gewesen, auch in den Kleiderschränken, sie habe viel wegwerfen müssen. Man habe sich an die Baugenossenschaft gewandt, die einen Kammerjäger geschickt habe. Der habe das ungewöhnliche Ausmaß des Befalls bestätigt und eine Behandlung empfohlen, um die Tiere loszuwerden. Die Baugenossenschaft habe sich aber geweigert, das zu bezahlen. Daraufhin sei es zu Streitigkeiten mit dem Vermieter gekommen. Die junge Mutter berichtet von einem zweiten Kammerjäger mit einer anderen Empfehlung und von einem Spezialgel gegen das Ungeziefer, das sie gekauft hätten, weil sie sich die teure chemische Behandlung nicht leisten konnten. Ihr Mann Tzaner Bebe Amet sei dann der Kragen geplatzt. In einem Wutanfall habe er eine Kündigung geschrieben und an die Baugenossenschaft geschickt. "Das war ein Fehler", sagt die junge Frau.

Schnell sei ihnen klar geworden, in was für eine missliche Lage sie sich damit bringen. Fünf Tage später hätten sie die Kündigung zurückgezogen, sagt Bebe Amet. Die Mitarbeiterin der Baugenossenschaft, bei der sie das Schriftstück abgegeben hätten, habe sie beruhigt: Das sei alles in Ordnung so, sie brauche sich keine Sorgen zu machen. Vom Vorstand aber sei keine positive Antwort gekommen. Sie hätten in E-Mails erklärt, dass sie die Kündigung bereuen und ersucht, sie zurückzunehmen, sagt Bebe Amet. Und sie hätten um Termine gebeten. "Wir haben alles versucht, eine außergerichtliche Einigung zu erreichen. Aber man hat uns nicht einmal die Möglichkeit gegeben, uns zu entschuldigen."

Als die Baugenossenschaft Anfang Februar um einen Besichtigungstermin für Nachmieter bat, hat sich Bebe Amet an Ines Lobenstein von der Wohnungslosenhilfe der Caritas gewandt. Sie habe der jungen Frau geraten, sich noch einmal schriftlich zu entschuldigen und darum zu bitten, in der Wohnung bleiben zu dürfen, berichtet Lobenstein. Auch sie selbst habe noch einmal bei der Baugenossenschaft ein gutes Wort für die Familie eingelegt. Ohne Erfolg.

Nachdem nun der Räumungsbescheid kam, hat sich Lobenstein in einem Schreiben an die Baugenossenschaft, Bürgermeister Klaus Heilinglechner (BVW) und die Richter des Amtsgerichts gewandt. "Ich kann dies nicht nachvollziehen", erklärt sie. "Ja, die Familie hat in ihrer Hilflosigkeit einen Fehler begangen und hat gekündigt. Sicher unangemessen, aber wenn man Silberfischchen hat und wenig Geld ist die Rechnung für einen Kammerjäger manchmal schon eine Katastrophe, und nicht jeder Mensch ist stressresistent." Die Familie habe die Kündigung innerhalb von fünf Tagen zurückgenommen. "Jeder weiß, wie angespannt der Wohnungsmarkt ist", erklärt Lobenstein. "Eine junge Familie, die ihre Miete pünktlich zahlt, jetzt in die Obdachlosigkeit zu drängen, halte ich für eine unangemessene soziale Härte."

Anders sieht das der Vorstand der Baugenossenschaft, der einstimmig beschlossen hat, den Mietern kein weiteres Angebot zu machen. "Damit bleibt es bei der Kündigung, die die Mieter selbst ausgesprochen haben", sagt der Vorsitzende Winfried Borcherdt. Das habe man bereits im Oktober kommuniziert und eine großzügige Räumungsfrist bis 29. Februar eingeräumt, für die sich die Familie sogar bedankt habe.

Borcherdt begründet das auch mit dem Verhalten der Mieter: Das Ehepaar sei nach der Anfrage, die in einer Kurzschlussreaktion verfasste Kündigung zurückzuziehen, "massiv in der Geschäftsstelle vorstellig" geworden und habe die Mitarbeiterinnen verbal "angegriffen". Der Vorstand müsse auch seine Mitarbeiter schützen, sagt der Rechtsanwalt. Das seien falsche Behauptungen, die die Mitarbeiter an den Vorstand weitergetragen hätten, sagt Bebe Amet und spricht von einem "Intrigenspiel". Borcherdt hingegen erklärt, die Familie stelle den Hergang falsch dar. "Natürlich ist es schwierig, bei uns eine Wohnung zu finden", sagt er. "Aber die Freiheit nehme ich mir schon raus, Mieter zu holen, mit denen der Hausfrieden gesichert ist." Auch stehe die Wohnung mit der Entscheidung ja nicht leer. "Auf unserer Liste gibt es zig Bewerber, die in der gleichen Situation sind und sofort einziehen würden", sagt Borchert.

Ähnlich hat er sich auch dem Bürgermeister gegenüber geäußert, der nach eigenen Angaben am Mittwoch auf Bitte Lobensteins und Bebe Ahmets versucht hat, zu vermitteln. "Wenn die Vorstandschaft so entscheidet, kann ich nicht darauf einwirken", erklärt Heilinglechner dazu. Die Baugenossenschaft sei keine städtische Gesellschaft, sein Einfluss sei daher nicht anders als bei einem privaten Vermieter.

Nun wird sich das Gericht mit dem Fall beschäftigen müssen. Dila Bebe Amet sagt, sie habe sich bereits einen Anwalt genommen und werde Einspruch gegen die Räumungsklage erheben. Die Anweisung, in der Wohnung zu bleiben, wird die Familie dann wohl noch eine Zeitlang befolgen können. Denn bis es zur Verhandlung kommt, kann es dauern. Schließlich hat auch das Amtsgericht im Zuge der Corona-Gefahr seine Aktivitäten auf das Allernötigste beschränkt.

© SZ vom 20.03.2020
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