Geretsrieder Stadtentwicklung:Neue Dimensionen in der Neuen Mitte

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Geretsrieder Stadtentwicklung: Wolfgang Selig, Geschäftsführer der Baugenossenschaft Geretsried, ist zufrieden mit dem Baufortschritt: Im Juli werden die Gerüste abgebaut.

Wolfgang Selig, Geschäftsführer der Baugenossenschaft Geretsried, ist zufrieden mit dem Baufortschritt: Im Juli werden die Gerüste abgebaut.

(Foto: Hartmut Pöstges)

An der Egerlandstraße 54 bis 78 errichtet die Baugenossenschaft Geretsried ihr bisher größtes Projekt: ein bis zu sechsgeschossiges Wohn- und Geschäftshaus mit Discounter, Drogeriemarkt und Restaurant.

Von Felicitas Amler

Klassische Balkone sind im Geretsrieder Stadtzentrum nicht erlaubt. Diese Regel folgt den Richtlinien des Gestaltungsbeirats. Deswegen verbergen sich hinter der scheinbar glatten Fassade des neuen Wohn- und Geschäftshauses an der Egerlandstraße kleine Loggien. Auf der Rückseite hingegen bietet das gut 136 Meter lange Gebäude mit den Hausnummern 58 bis 74 eine Terrassenstruktur. An fünf symmetrisch angeordneten Stellen springen jeweils vier übereinander liegende große Balkone vor. Das macht nicht nur die Ansicht gefälliger. Es dient vor allem dazu, mehr Licht auf die niedrigen Einfamilienhäuser gegenüber, am Amselweg und an der Starleiten, fallen zu lassen. Ein durchgehender hoher Klotz würde sie allzu sehr verschatten. Wolfgang Selig, Geschäftsführer der Baugenossenschaft Geretsried (BG), erklärt dies bei einer Baustellenbesichtigung mit der SZ.

Die Genossenschaft verwirklicht mit dem sogenannten BGZ 2 an der Egerlandstraße - in Anlehnung an das Baugenossenschaftszentrum BGZ 1 schräg gegenüber - ihr bisher größtes Projekt. Es entstehen zwei Großflächen für den Einzelhandel - Aldi und Rossmann - plus drei sogenannte Mikrogeschäfte im Erdgeschoss; darüber eine Büroeinheit und 93 Wohnungen; darunter eine Tiefgarage, die mit 125 Plätzen noch größer ist als jene der Krämmelgruppe unter dem Karl-Lederer-Platz.

Geretsrieder Stadtentwicklung: Von der Egerlandstraße geht der Blick in einer gewissen Höhe über das neue Sparkassen-Gebäude zu den Alpen.

Von der Egerlandstraße geht der Blick in einer gewissen Höhe über das neue Sparkassen-Gebäude zu den Alpen.

(Foto: Hartmut Pöstges)
Geretsrieder Stadtentwicklung: Die Aussicht von der Rückseite zum Amselweg.

Die Aussicht von der Rückseite zum Amselweg.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die BG schließt mit diesem Gebäude an das neue Stadtzentrum an. Die 26 000-Einwohner-Stadt Geretsried, die im Wesentlichen auf den Relikten zweier riesiger Munitionsfabriken der NS-Zeit mit Hunderten Bunkern entstanden ist, bekomme jetzt zusehends "eine gewisse Struktur", sagt Selig. "Wir wollen unseren Beitrag dazu leisten." Das genaue Investitionsvolumen verrät er nicht - nur so viel: "Es handelt sich um einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag."

Zwei Jahre nach dem Abriss der alten Gebäude aus den Fünfzigern und Sechzigern liegt die Baustelle trotz Corona nicht schlecht im Plan. Nach Seligs Worten hat sich der Ablauf bisher lediglich um sechs Wochen verzögert. Wenn alles so weitergehe, könnten Wohnungen und Geschäfte im Januar 2023 bezogen werden. Im Moment seien die Arbeiter mit den Ausbaugewerken beschäftigt, das heißt, Badewannen werden eingebaut, Fliesen gelegt, Wände geweißelt. Lieferschwierigkeiten gebe es aber aktuell bei den Balkonverglasungen. Als unverhofft günstig hat es sich nach den Worten des Geschäftsführers erwiesen, dass das Gebäude mit Flachdach errichtet wird. Wo kein Zimmerer-Dachstuhl nötig ist, braucht man sich nicht mit den allenthalben beklagten Holzengpässen herumzuschlagen.

Das Flachdach mit seinen rund 2300 Quadratmetern wird komplett begrünt. Vorbild ist das Dach des BGZ 1 am Karl-Lederer-Platz, auf dem sich weitestgehend natürlich Blumen und Gräser selbst angesiedelt haben; gelegentlich hilft Selig dort freihändig mit etwas Blumensaat nach.

Geretsrieder Stadtentwicklung: Natürliches Grün soll sich auf dem Dach des Neubaus genauso ansiedeln wie hier beim sogenannten BGZ 1.

Natürliches Grün soll sich auf dem Dach des Neubaus genauso ansiedeln wie hier beim sogenannten BGZ 1.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Wer sich für eine Bleibe im Neubau interessiert, hat noch gute Chancen. Es sei bisher erst etwa ein Drittel vermietet, sagt Selig. "Das Haus hat so viele Wohnungen, wie wir sonst im ganzen Jahr Mieterwechsel haben", erklärt er. Die BG verwaltet insgesamt einen Bestand von mehr als 2200 eigenen Wohnungen und rund 800 fremden - mit günstigen Mieten unter zehn Euro pro Quadratmeter. Die Preise seien im Neubau deutlich höher, da dieser ausschließlich frei finanziert ist: für die Loggien-Wohnungen zur Egerlandstraße hin sind es Kaltmieten von 13 Euro pro Quadratmeter, für jene mit dem Blick auf den Amselweg 14 Euro. Die beiden größten und an diesem Standort attraktivsten Wohnungen liegen im vierten und fünften Stock. Es sind jeweils fünf Zimmer, die als Maisonette angelegt sind. Vom großen Balkon ganz oben - das Haus ist 21,7 Meter hoch - geht der Blick über die Stadt und ein wenig auch in Richtung Alpen.

Dies ist, wie so vieles in dem Neubau, aus einer Not geboren. Denn das Haus, so erklärt Selig, muss für den großflächigen Einzelhandel eine ungewöhnliche Tiefe haben. Ganz genau sind es im Erdgeschoss 33,27 Meter. Doch was dem Discounter und dem Drogeriemarkt entgegenkommt, die keine Regal-Stellflächen durch Fenster vergeudet sehen möchten, bedeutet für die Wohnnutzung einige Hindernisse. Denn da liegt unweigerlich vieles im Dunkeln. So haben die Bäder grundsätzlich keine Fenster. Es gibt in manchen Wohnungen teils überraschend große innen liegende Abstellkammern. Und anderweitig nicht nutzbare Flächen in Obergeschossen ersetzen Kellerabteile. Außerdem haben sich Wohnungszuschnitte ergeben, die zu den ursprünglich nicht vorgesehenen Maisonette-Wohnungen führten.

Bisher hat die Genossenschaft mit allen künftigen Mietparteien Vorverträge abgeschlossen, denn der Einzugstermin kann noch nicht zuverlässig genannt werden. Im Juli komme erst einmal das Gerüst weg, kündigt Selig an, im Herbst stünden "klassische Finish-Arbeiten" an: Steckdosen, Lichtschalter, letzte Farbanstriche. So ein "Sonderbau" habe es schon in sich, erklärt er, schließlich herrschten für das teils fünf-, teils sechsgeschossige Anwesen die strengsten Brandschutzvorschriften. Höher strebt im neuen Stadtzentrum nur die Sparkasse mit ihrem Neubau gegenüber. Dort entstehen sieben Geschosse. Und wenn es nach dem Gestaltungsbeirat der Stadt aus Architekten und Stadtplanern gegangen wäre, hätte das Bankhaus sogar mit einem achtgeschossigen Turm einen deutlichen Akzent gesetzt.

Die Baugenossenschaft sucht aktuell noch eine Mietpartei für die 116 Quadratmeter große Büroeinheit und vor allem einen Betreiber der Gastronomie mit 280 Quadratmetern. Hier wünsche sich die BG ein Lokal, das auch abends, außerdem an Wochenenden und Feiertagen geöffnet ist, sagt der Geschäftsführer. Denn rundherum gebe es zwar Bäckereien mit Bewirtung und das Café Waldmann. Doch keiner habe abends oder an Sonntagen geöffnet. "Um 18, 19 oder 20 Uhr werden die Tische hochgeklappt", sagt Selig. Die Baugenossenschaft suche jemanden, "der die Gastronomie lebt und liebt" und der Stadtgesellschaft einen Treffpunkt biete. Tatsächlich kann man sagen: So etwas fehlt der Neuen Mitte Geretsried bisher.

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