Es ist nun schon ein paar Jahre her, aber die Aufregung war damals groß, als ein neues Kapitel der Digitalisierung Bayern heimsuchte. Das geschah 2016 noch nicht in Form von Videokonferenzen, dank derer sich plötzlich ein ganzer Arbeitsalltag von Zuhause aus in der Jogginghose organisieren ließ. Da bedeutete Digitalisierung kostenfreies Wlan, das die Gemeinden und der Freistaat Bayern den Menschen sukzessive im öffentlichen Raum zur Verfügung stellen wollten. Das erhitzte dabei auch manche Gemüter: In Wolfratshausen etwa äußerte der Grünen-Stadtrat Hans Schmidt Sorgen vor der Strahlenbelastung und in Lenggries befürchteten Gemeinderäte der Freien Wähler, dass ein Hotspot am Bahnhof Jugendliche anlocke und aus dem Vorplatz einen Brennpunkt mache.
Sechs Jahre später wissen wir: Die Sorgen haben sich mehrheitlich als unbegründet erwiesen. Einen Zusammenhang zwischen Krebs und Handystrahlung konnte die Forschung bisher nicht beweisen und auch Lenggries ist durch den Hotspot am Bahnhof keineswegs zu einem unsicheren Pflaster geworden. Die Diskussion um freies Wlan hingegen ist dafür etwas eingeschlafen. Das liegt vermutlich daran, dass viele Nutzungsverträge für Smartphones heutzutage ein unlimitiertes Datenvolumen aus dem Internet beinhalten, und dass für Touristinnen und Touristen aus dem EU-Ausland mittlerweile keine höheren Nutzungspreise als im EU-Heimatland anfallen, sie also von horrenden Handyrechnungen verschont bleiben, wenn sie vom Wandern in Oberbayern zurückkehren. Außerdem beschäftigt die Frage um Datenschutz mehr Menschen als noch vor einigen Jahren: Sich in öffentliche Verbindungen einzuwählen, erleichtert Dritten schließlich den Datenklau. Dennoch gibt es sie noch, die kostenlosen Wlan-Netzwerke für alle. Eine Suche im Landkreis kommt sogar zu dem Schluss: Sie sind besser als erwartet.

Die Reise beginnt in Lenggries. Genauer gesagt am Bahnhof, wo einst Markus Landthaler von den Freien Wählern jugendliche Krawalle durch den Hotspot prophezeite. Der Himmel ist blau und das Bahnhofsareal belebt mit zahlreichen Wandergästen. Wo viele Menschen ihre Ausflüge in die Berge beginnen, hat Bayern Wlan einen Hotspot eingerichtet. Bis 2020 hatte sich die Initiative des Finanz- und Heimatministeriums das Ziel gesetzt, über den Anbieter Vodafone ein dichtes Netz an kostenfreien Wlan-Hotspots einzurichten. Nach eigenen Angaben gibt es mittlerweile sogar mehr als 30 000 solcher Punkte, pro Gemeinde werden maximal zwei Standorte finanziell gefördert. Nach kurzen Schwierigkeiten mit der Serveridentität lässt sich das Mobiltelefon in Lenggries unkompliziert mit dem Wlan verbinden. Wer den Nutzungsbedingungen zustimmt, wird mit der Landingpage vom Freistaat begrüßt, und in diesem Fall heißt das: mit der Zusammenfassung der letzten Kabinettssitzung. Bayern als Urlaubsland der Superlative und das Ziel, digitalen Tourismus auszubauen, heißt es da passend. Wer eine Wanderung von Lenggries aus beginnt, wie die meisten Leute, die an diesem Tag aus dem Zug aussteigen, kann hier nochmal Startpunkt, Route und Einkehrmöglichkeiten im Internet recherchieren. Nach etwa 50 Metern Richtung Ortsmitte endet das Wlan aber schon. Hier übernehmen die altbewährten analogen Beschilderungen das Geleit.
Am etwas einsamen und abgelegenen Bahnhof von Bad Tölz empfängt ebenfalls Bayernlan, verschwindet aber sehr schnell wieder vom Bildschirm. Bis zur Altstadt bleibt das Display leer, dann steigt vor dem Rathaus ein lokaler Player ein: toelzspot ist das hauseigenen Wlan der Gemeinde, das diese seit 2015 kostenlos zur Verfügung stellt. Doch es ist leider kein zuverlässiger Begleiter, auf dem Spaziergang Richtung Fußgängerzone scheidet es sehr bald aus. Wo sich kleine Läden und Cafés abwechseln, gibt es dann keine Internetverbindung. Die Gäste sind aber ohnehin damit beschäftigt, die pittoreske Altstadt zu bestaunen oder ihr Eis aufzuessen, da dürstet niemandem nach dem Mobiltelefon. Nichts tut sich weiterhin im Bürgergarten und in der unteren Fußgängerzone, nur private Verbindungen von Geschäften und Wohnungen werden angezeigt. Vor dem Bulle-von-Tölz-Museum mischt kurz ein Netzwerk namens Free Wifi mit, es erweist sich aber als Trugschluss, eine stabile Verbindung lässt sich damit nicht aufbauen. Dafür ist am Zentralen Omnibusbahnhof Isarkai der "Tölzspot" wieder zurück - zumindest kurzfristig.
Die Reise nach Wolfratshausen wird mit dem Bus fortgesetzt: An der Isar entlang geht es zuerst Richtung Königsdorf. Hier passiert etwas, das für ländliches Gebiet in Bayern nicht unüblich ist: Die Verbindung ist schlecht, hie und da gibt es sogar Funklöcher. Ohne Netz und ohne Wlan bleibt nichts anderes übrig, als wie in früheren Zeiten aus dem Bus-Fenster auf Felder und Wälder zu schauen. Irgendwo bei Rothmühle ist Bayernlan plötzlich wieder da, auch in Osterhofen bleibt die Verbindung stabil. Langsam kommen Zweifel auf: Wurden in diesen kleinen Ortschaften Hotspots eingerichtet, oder ist der Bus selbst ein Hotspot? Um die Frage zu beantworten, gilt es, den Bus in Königsdorf zu verlassen. Mit dem Verkehrsmittel entfernt sich dann auch tatsächlich das Drahtlos-Netzwerk. In Königsdorf fehlt dann auch ein Hotspot. Aber dank des gedruckten Fahrplans an der Bushaltestelle isr man rasch über die nächste Abfahrt informiert.

Im nächsten Bus Richtung Wolfratshausen, der ebenfalls mit Bayernlan ausgestattet ist, lässt sich im Internet recherchieren: Seit 2018 unterstützt der Freistaat Kommunen gezielt dabei, Wlan im öffentlichen Personennahverkehr einzurichten und tut dies offenbar erfolgreich. In Wolfratshausen übernimmt hingegen die Gemeinde die Versorgung. "Free Key Wolfratshausen" heißt die Verbindung, sie lässt sich an der Loisach an der Alten Floßlände herstellen, wo Radfahrer ihre müden Beine in den kühlen Fluss halten oder sich am Ufer ausstrecken. Wer sich mit dem lokalen Wlan verbindet, wird auf der Landingpage gleich von einem Urlaubsangebot empfangen: Vier Übernachtungen last minute, inklusive geführte Almwanderungen. Abgesehen davon ist das Wolfratshauser Wlan einwandfrei, auch am Obermarkt, wo sich die meisten Menschen tummeln. Verlässt man das Zentrum, verlässt man auch das Netzwerk. In den Privatwohnungen, am Arbeitsplatz und in den touristischen Unterkünften übernimmt dann ohnehin privates Wlan. Die Lücken dazwischen werden immer kleiner.
