Süddeutsche Zeitung

Wissenschaft der Geräusche:Horchen, was lebt

Eine gesunde Landschaft erkennt man am besten mit den Ohren, sagt der 80-jährige Natur- und Klangforscher Bernie Krause. Die Stiftung Nantesbuch und das Naturkundemuseum Biotopia haben ihn zum "Soundscaping" auf Gut Karpfsee gebeten.

Wie klingt Nantesbuch? Dieser Frage sind in den vergangenen Tagen Bioakustiker, Wissenschaftler und Künstler auf dem Stiftungsgelände bei Bad Heilbrunn nachgegangen - in Wald, Feld und Moor, am Klavier und am Computer. Die kürzeste Antwort lautet wohl: Es klingt vielversprechend. Mit einer ausführlicheren werden sich kreative Köpfe in den kommenden Jahren nachhaltig beschäftigen. Und das Ergebnis wird womöglich Hunderttausenden von Menschen aus aller Welt zu Ohren kommen.

Zum Abschluss des international besetzten Meisterkurses zeigt sich die Sonne über dem Langen Haus auf Gut Karpfsee. Ein Star zwitschert oben im Geäst, während sich Frauen und Männer in Gummistiefeln um einen Mann mit gelben Brillengläsern scharen: Bernie Krause ist 80 Jahre alt, Musiker und einer der bedeutendsten Natur- und Klangforscher unserer Zeit. In jungen Jahren hat er Bands wie den Byrds oder Doors erklärt, was man mit einem Synthesizer anstellen kann, hat Soundtracks zu Filmen wie "Rosemaries Baby" oder "Apocalypse now" komponiert. Seit 40 Jahren gilt seine Aufmerksamkeit vor allem den Klängen der Natur. "Wenn wir hinhören, sind wir mit einem Sinn für die wahre Geschichte der Welt, in der wir leben, ausgestattet", sagt er.

Eine Woche lang haben Krause und seine Mitstreiter daran gearbeitet, die Klanglandschaft ("Soundscape") von Nantesbuch einzufangen. Der Meisterkurs ist das erste Kooperationsprojekt der Kultur-Stiftung Nantesbuch und des Biotopia Naturkundemuseums Bayern. 2025 will Museumsdirektor Michael John Gorman das spektakuläre Nachfolgeprojekt von "Mensch und Natur" in München eröffnen. Einen Raum hat er für Bernie Krause und seine Soundinstallationen reserviert. Gut möglich, dass dort auch Material aus Nantesbuch zum Einsatz kommt.

Das Stiftungsgelände umfasst 320 Hektar, vor allem im Haselbachtal laufen umfassende Renaturierungsarbeiten. Ziel des Meisterkurses war es, wissenschaftlich verwertbare Klangdaten zur Ökologie zu erfassen und zugleich der Frage nachzugehen, wie Klangerlebnisse und -erkenntnisse einem großen Publikum vermittelt werden können.

Unsere Ohren, davon ist Krause überzeugt, liefern viel aussagekräftigere Informationen über unsere Umgebung, unsere Kultur und den Zustand unseres Planeten als unsere Augen. Er gilt als Pionier der noch recht jungen Disziplin der Klang-Ökologie. Demnach produziert jedes Biotop eine einzigartige Klanglandschaft, die eine Fülle von Informationen bereitstellt.

Je intakter und unberührter ein Lebensraum ist, desto dichter und vielfältiger ist auch sein Klang. Andererseits schlagen sich Eingriffe - Lärm, Umweltverschmutzung oder die globale Klimaerwärmung - umgehend als Rhythmusstörungen, Pausen oder gar Löcher im Klangbild nieder. Seit Jahrzehnten sucht Krause weltweit nach möglichst intakten Klanglandschaften. 5000 Stunden umfasst seine Soundscape-Sammlung. "Die Hälfte dieser Lebensräume sind bereits verstummt oder haben sich so radikal verändert, dass sie nicht länger in ihrer ursprünglichen Form gehört werden können", sagt er.

Die Aufnahmen aus Nantesbuch könnten dazu einen kleinen, aber erfreulichen Kontrapunkt setzen. Denn das Renaturierungsprogramm der Stiftung zeigt offenbar Wirkung. Mehr als 50 Vogelarten, darunter Schwarzstorch, Misteldrossel und Waldohreule, hat Henrik Brumm, Ornithologe des Max-Planck-Instituts Seewiesen und Teilnehmer des Meisterkurses, in den vergangenen Tagen dokumentiert.

Im Vergleich zur einer Bestandsaufnahme im Vorjahr verzeichnet er Neuzugänge wie Wachtel, Graugans und Kiebitz. "Das heißt noch nicht, dass der Kiebitz sich hier wieder angesiedelt hat", erklärt er. "Aber wir haben ihn auf einer Aufnahme erfasst." Konstantin Reetz, Geschäftsführer der Stiftung, ist "zuversichtlich, dass der Sound von Nantesbuch über die Jahre noch dichter werden wird". Er will das Klangforschungsprojekt unbedingt fortsetzen. Schon deshalb, weil sich Insekten und Amphibien auf den aktuellen Aufnahmen nicht zu Wort gemeldet haben - ihnen war es schlichtweg zu kalt.

Wie lassen sich die Ergebnisse vermitteln? Darüber haben sich die Teilnehmer des Meisterkurses die Köpfe heißgeredet. Die irische Filmemacherin Clare Langan hat einen kurzen poetischen Film in Schwarz-Weiß gedreht, den sie bei der Abschlussrunde zeigt: Der Blick fällt in eine weite Wiese, in der sich Gräser und Dolden wiegen, hinten bahnt sich ein Fuchs den Weg durch den kniehohen Dschungel. Den Soundtrack dazu hat die kroatische Komponistin Dora Tomic erstellt. Naturgeräusche aus dem Gelände mischen sich mit Klängen und Melodien, die sie spontan am Flügel komponiert hat. "Eine wundervolle Arbeit", schwärmt Bernie Krause. Sein Fazit: "Das alles fühlt sich mehr nach einem Anfang als nach einem Ende an."

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SZ vom 25.05.2019/aip
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