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Wirtschaft in Bad Tölz:Einkaufsmeile in Gefahr

Tölzer Marktstraße nach Lockdown

Wegen des Lockdowns sind in der Marktstraße in Bad Tölz kaum Passanten unterwegs. Sicher ist schon jetzt, dass mancher Laden die Corona-Krise nicht überstehen wird. Foto:Manfred Neubauer

Die Tölzer Fußgängerzone ist ein beliebtes Ziel für Touristen. Nach der Corona-Krise wird laut Einzelhandelssprecher Peter von der Wippel dort jedes dritte Geschäft leer stehen. Im Rathaus sieht man die Lage weniger dramatisch.

Von Klaus Schieder

Die Fußgängerzone in Bad Tölz sieht zwischen Weihnachten und Ostern auch in normalen Jahren immer ein wenig grau aus. Keine Märkte, keine Touristen, kaum Passanten, oft trübes Wetter. Der zweite Lockdown wegen Corona lässt diese Szenerie noch um einiges trister erscheinen: Fast alle Geschäfte sind zu, ebenso alle Cafés, alle Gasthäuser. Und wenn die Pandemie einmal vorüber ist, zeichnet Peter von der Wippel ein geradezu finsteres Bild der Fußgängerzone. "Meine Prognose ist, dass wir dort ein Drittel Leerstand haben werden", sagt der Stadtrat (FWG) und Spartensprecher Einzelhandel im Unternehmerverein "Wir für Tölz". Falls es so komme, fügt er hinzu, sei es für Bad Tölz noch gut gelaufen. "Es ist eine dramatische Entwicklung, die wir haben."

Von der Wippel ist selbst Einzelhändler. Er führt das Geschäft "Intersport" in der Marktstraße, das zu einem genossenschaftlichen Einkaufsverband gehört. "Wir haben ein Riesenproblem mit der Sommerware, die jetzt hereinkommt", sagt er. In seinem Laden liegt noch die Winterware in den Regalen, die nicht mal ganz bezahlt, geschweige denn verkauft ist. So wie ihm dürfte es auch anderen Händlern in der Textilbranche gehen. "Es ist keine Liquidität da", sagt von der Wippel.

Da helfen seiner Ansicht nach die milliardenschweren Corona-Hilfen des Staates wenig, selbst wenn die Antragssteller dieses Geld in dem zähen Auszahlungsprozess überhaupt schon erhalten haben. Wer nicht jetzt pleite gehe, dem drohe dieses Schicksal eben, "wenn die Tilgungen für diese Kredite kommen", sagt der FWG-Stadtrat. Wer die Zurückzahlung dann aus dem laufenden Betrieb leisten müsse, für den wäre es besser, der Staat würde ihm "gleich einen Strick schicken". Das Darlehen aus einem versteuerten Gewinn und ohne Investitionen zu tilgen, das funktioniere nicht. "Diese Rechnung kann mir keiner darstellen", sagt von der Wippel. "Aber bei vielen Entscheidungsträgern ist noch nicht aufgeschlagen, was da läuft." Seine Vorhersage: An verklebte Schaufenster wie beim ehemaligen Hutgeschäft Hillerbrand in der Fußgängerzone werde man sich in Bad Tölz gewöhnen müssen.

Ganz so düster sieht Sandra Kern die Situation in der Innenstadt nicht. "Ich persönlich glaube, dass es in Tölz nicht so dramatisch werden wird", erwidert die Wirtschaftsförderin der Stadt. Ihre Zuversicht speist sie zum einen aus dem Fremdenverkehr, "wir haben ja viele Tagestouristen", sagt sie. Zum anderen kämen etliche Kunden auch aus dem Umland. Gerade erst hätten junge Leute das Schokoladencafé "Chocosy" in der Marktstraße eröffnet, sagt Kern. Auch die Oberland-Passage sei noch voll vermietet. "Das zeigt schon, dass wir Hoffnung haben dürfen."

Tölzer Marktstraße nach Lockdown

Das ehemalige Hutgeschäft Hillerbrand hat nach dem Tod des Hausbesitzers verklebte Schaufenster. So etwas werde man nach dem Ende der Pandemie mit ihren Shutdowns und Kontaktregeln wohl öfter sehen, meint Peter von der Wippel, Spartensprecher Einzelhandel im Verein "Wir für Tölz".

Trotz des langen Lockdowns mag auch Bürgermeister Ingo Mehner (CSU) nicht alles schwarzmalen. Er habe keine Zahlen vorliegen, die eine Verringerung der Geschäfte in der Fußgängerzone um ein Drittel nahelegten, sagt er. Im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 sei in Bad Tölz ja wirklich alles dicht gewesen. "Ich erinnere mich aber noch, wie knallvoll es dann im Sommer war." Manche Branchen, zum Beispiel der Fahrradhandel, hätten im Verkauf damals "starke Nachholeffekte" verzeichnet. Die Corona-Pandemie wirke sich je nach Handelssparte eben unterschiedlich aus, sagt Mehner.

Ein gravierendes Problem sieht von der Wippel auch in den Mietverhältnissen in der Tölzer Fußgängerzone. Die Hausbesitzer seien bislang kaum bereit, den Einzelhändlern bei der Pacht für den Laden entgegenzukommen. "Was ich so mitkriege, macht das freiwillig gar keiner", sagt er. Offenbar glaubten viele Vermieter noch immer, "dass die Corona-Krise an ihnen unbeschadet vorbeigeht". Dabei könne kein Ladenbetreiber die Miete bestreiten, wenn er keinen Umsatz mache. Für von der Wippel gilt es, in einer konzertierten Aktion mit der Stadt an die Hauseigentümer zu appellieren. Man müsse ihnen klar machen, dass sie mit einer unnachgiebigen Haltung vielleicht noch ein paar Monate Miete bekämen. Aber wenn der Laden erst einmal leer stehe, werde es in diesen Pandemie-Zeiten nicht so rasch geschehen, "dass ein Nachfolger reinkommt".

Dies sei den meisten Eigentümern ja auch bewusst, meinen Mehner und Kern unisono. In Gesprächen mit Vermietern weise man immer wieder darauf hin, dass man sich mit den Mietern einigen sollte, berichtet Kern: "Das ist ja im Sinne von allen." Die Stadt könne allerdings keinen direkten Einfluss auf beide Seiten ausüben, da es sich bei einem Mietvertrag nun mal um eine zivilrechtliche Angelegenheit handle.

Ähnlich äußert sich Bürgermeister Mehner: "Wir versuchen, Kontakte herzustellen und Menschen zusammenzubringen, aber einen Einfluss, wer mit wem nun einen Vertrag abschließt, haben wir nicht." Die Stadt selbst gehe bei ihren Immobilien in der Innenstadt mit gutem Beispiel voran und komme den Mietern wegen Corona entgegen, betont der Rathauschef. Aber er weist auch darauf hin, dass die Grundkonstellation "reicher Vermieter, armer Mieter" selbst in der Tölzer Fußgängerzone nicht immer stimme. "Nicht jeder Vermieter ist finanzstark, nicht jedes Einzelhandelsunternehmen von der Krise gleich betroffen." Im Interesse beider Seiten sollte es sein, dass das Mietverhältnis die Pandemie übersteht, sagt der Bürgermeister.

In der Gastronomie haben viele Wirte in Tölz erst jetzt die November-Hilfen des Staates ausgezahlt bekommen. Dies teilt Peter Frech mit, Inhaber des "Jailhouse" am Moraltpark und Spartensprecher Gastronomie im Unternehmerverein "Wir für Tölz". Die meisten Gastwirte hätten sich bislang mit Kreditaufnahmen über Wasser gehalten und seien finanziell "am Limit" angelangt, sagt er. Da private Darlehen ebenso wie die staatlichen Fördergelder zurückgezahlt werden müssten, werde "die große Welle auf jeden Fall noch kommen", prophezeit Frech. Außerdem: Wer 75 Prozent vom Umsatz an Förderung erhalte, müsse davon 38 Prozent Umsatzsteuer entrichten, dazu noch die Mehrwertsteuer.

Ein Problem sind laut Frech auch die Steuervorauszahlungen, denn die berechnen sich nach dem Umsatz der Vorjahre. Bürgermeister Mehner kennt diese Klage schon. "Es waren einige bei uns, die sich beschwert haben, dass sie keine Umsätze haben und trotzdem Steuern zahlen sollen", sagt er. Allerdings könne jeder die Vorauszahlung heruntersetzen lassen, wenn die Bemessungsgrundlage nicht mehr stimme, weil sich die Einnahmen verringert hätten. Frechs Forderung, die Stadt solle auf den Fremdenverkehrsbeitrag für die Gastronomen verzichten, hält der Rathauschef die geltende Regel entgegen: "Kein Umsatz, kein Fremdenverkehrsbeitrag."

Die renommierten Gasthäuser in der Tölzer Innenstadt wie etwa der Kolberbräu, das "Gasthaus" oder auch die Cafés dürfte eine Pleitewelle aber kaum hinwegspülen. Der Großteil werde bestehen bleiben, glaubt auch Frech. Viele hätten sich auf To-go-Angebote verlegt, die gut angenommen würden, das Personal bekomme Kurzarbeitergeld. Allerdings ist er sich sicher, dass die Pandemie den Einzelhandel und die Gastronomie in der alten Kurstadt stark verändern wird: "Wir müssen uns komplett neu erfinden, wir müssen uns komplett neu aufstellen."

Die Zukunft dürfte alleine schon durch den zunehmenden Online-Handel anders aussehen. Diesen Trend habe die Corona-Krise nur um ein paar Jahre vorverlegt, meint Wirtschaftsförderin Kern. Im Rathaus bastelt man noch an einem Online-Schaufenster, in dem sich die Tölzer Geschäfte auch ohne eigene Homepage zeigen können, durch das sie im Internet leichter zu sehen und zu finden sein sollen. Dieses Werk sei fertig und befinde sich gerade in der Erprobungsphase, sagt Mehner.

Ansonsten halten der Bürgermeister und die Wirtschaftsförderin ein graues Zukunftsgemälde für unwahrscheinlich, das die Tölzer Fußgängerzone nur noch als Konglomerat kleiner Filialen von Großkonzernen zeigt. Banken, Mobilfunkläden, ein Drogeriemarkt, eine Apotheke und ein Supermarkt - das war's dann? Nein, sagt der Bürgermeister. "Ich glaube fest an den stationären Handel, und in meinen Gesprächen erfahre ich, dass viele Leute jetzt merken, wie wichtig ein guter Händler vor Ort ist." So einer wie Peter von der Wippel, der zumindest zwei, drei Wochen lang einige Langlaufskier per "Click & Collect" verkauft hat, als viel Schnee lag. Auch er will am Ende nicht alles schwarzmalen für Bad Tölz. Immerhin, sagt er, werde man durch die Corona-Pandemie nicht so stark getroffen wie andere Städte ringsum, die von Haus aus schlechtere Bedingungen hätten. Seine Prognose für Wolfratshausen: "Mehr als die Hälfte Leerstand."

© SZ vom 18.02.2021
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