Ein Fund für das Tölzer Stadtmuseum:Des Winzerers alte Kleider

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Das Schwert von Ritter Winzerer II gehört bereits zu den Exponaten des Tölzer Stadtmuseums. Die anderen Funde aus seinem Grab, die noch beim Landesamt für Denkmalpflege in München aufbewahrt werden, sollen demnächst nach Bad Tölz kommen. (Foto: Harry Wolfsbauer)

Die katholische Pfarrgemeinde Bad Tölz schenkt der Stadt die Beigaben aus dem mutmaßlichen Grab von Ritter Winzerer II. Darunter befinden sich auch Reste seiner Kleidung. Das gibt Stoff für Textilarchäologen.

Von Veronika Ellecosta, Bad Tölz

Schon seit den Merowingern sind Grabbeigaben in der katholischen Kirche eine Seltenheit. Besonders Waffen wurden nicht gerne im Grab gesehen. Kompromisshalber, könnte man sagen, wurde alles Militärische meist aus dem Grab selbst ausgelagert, dafür Feldherrn jedoch in ihrer Montur auf den Grabplatten abgebildet. Umso sensationeller war also der Fund von militärischen Grabbeigaben in Bad Tölz im Jahr 2007. Als die Stadtpfarrkirche restauriert wurde, entdeckte man zwischen Volksaltar und Mariahilf-Kapelle Gräber, die durch Erdbewegungen ineinander gerutscht waren. Unter ihnen konnte ein etwa 1,70 Meter großer Leichnam mit großer Wahrscheinlichkeit dem Ritter Winzerer II zugeordnet werden, der 1515 gestorben war. In seiner Nähe befanden sich ein Schwert und diverse kleinere Gegenstände, darunter Textilien. Während das Schwert bereits im Tölzer Stadtmuseum ausgestellt ist, werden die anderen Funde seit 2008 beim Landesamt für Denkmalpflege in München aufbewahrt. Die Kirche hat die Funde nun auf Anstoß des Denkmalamtes der Stadt Bad Tölz geschenkt, damit diese sie mit dem Schwert im Stadtmuseum wieder zusammenführt.

15 Jahre lagerten die Funde nun schon in einer Gefriertruhe beim bayerischen Denkmalamt, erzählt Elisabeth Hinterstocker, Kunsthistorikerin und Leiterin des Tölzer Stadtmuseums beim Pressetermin zur Schenkung. Seit einem Jahr wurden die Relikte dort bearbeitet und entpilzt. "Ich vermute mal, da hat uns Corona geholfen. Es gab weniger Außentermine, und das Denkmalamt konnte viele Gefriertruhen in Ruhe abarbeiten", sagt Hinterstocker mit einem Schmunzeln. Größtenteils handelt es sich bei den Beigaben um Gewebereste. "Bordüren im Zentimeterbereich, aber auch Textilien, wo man noch nicht weiß, welches Material das ist, ob gehäkelt oder gewebt." Die Textilien könnten in Zukunft an der Universität Köln im Fachbereich Textilarchäologie untersucht werden, möglicherweise im Zuge einer Diplomarbeit, hofft sie; auch deshalb sei es dem Denkmalamt ein Anliegen gewesen, die Funde ins Stadtmuseum zu bringen. Es brauche da ein Museum, um die wissenschaftliche Bearbeitung voranzutreiben. "Die Studierenden könnten die Stoffe mit Gemälde vergleichen und beantworten, welche Kleidung man zu dieser Zeit trug", sagt Hinterstocker. Die Ergebnisse könnte dann auch das Stadtmuseum nutzen.

Neben den Textilien seien am Leichnam im Schulter- und Kopfbereich auch Pflanzensamen gefunden worden. "Hier warten wir noch den wissenschaftlichen Bericht ab, um welche Pflanzen es sich handelt." So könnten die Samen aus einem Kissen stammen, auf dem der Tote gebettet war, oder auch von Heilpflanzen, die in die Backen gestopft waren. "Diese Pflanzensamen können uns sehr viel über die Sepulkralkultur der frühen Neuzeit erzählen", schwärmt die Kunsthistorikerin. Zu den 90 Fundstücken gehören außerdem auch ein Handmesser, das üblicherweise zu einer Rüstung getragen wurde; daneben Relikte aus Leder, hölzerne Perlen, möglicherweise von einem Rosenkranz, sowie Stecknadeln aus Holz. Auffällig seien auch Schnallen und Sporen aus Silber. "Das lässt viele Schlüsse zu, welches Selbstverständnis die Winzerer von sich hatten." Weil der Leichnam allerdings 2008 nachbestattet wurde, konnten die Gebeine nicht ausreichend genetisch untersucht werden. Ob es sich bei dem geheimnisvollen Toten also tatsächlich um Ritter Winzerer II handelt, bleibt in seinem neuen Grab verschlossen.

Völlig zu Unrecht werde Ritter Winzerer II von seinem Nachfolger, Ritter Winzerer III, der als der "Goldene Ritter" in die Annalen einging, in den Schatten gestellt, findet Hinterstocker. Winzerer II hätte bereits eine Frühform von Wissenschaft betrieben und auf Nachhaltigkeit gesetzt, indem er eine Holzschutzverordnung erließ: "Dass der Isarwinkel heute noch so schön ist, verdanken wir ihm. In der Holzschutzverordnung war geregelt, wieviel Holz man schlagen kann, dass es noch nachwächst. Der Winzerer war ein Vorreiter in nachhaltiger Holzwirtschaft." Gemeinsam mit Herzog Albrecht IV habe er außerdem das Primogeniturgesetz in Bayern verankert, wonach das Herzogtum dem erstgeborenen Sohn vererbt werden sollte, und mit diplomatischem Feingeschick einen Grenzstreit in der Riß geregelt.

Den Schenkungsvertrag unterzeichneten Stadtpfarrer Peter Demmelmair (li.) und Bürgermeister Ingo Mehner. Rechts: Elisabeth Hinterstocker, Leiterin des Tölzer Stadtmuseums. (Foto: Harry Wolfsbauer)

Stadtpfarrer Peter Demmelmair, der gemeinsam mit Bürgermeister Ingo Mehner (CSU) den Schenkungsvertrag unterzeichnet, freut sich, dass die Funde nun endlich ins Stadtmuseum überführt werden sollen. "Die Kirche hat kein eigenes Museum und kann die Exponate nicht fachgerecht verwahren. Die Sachen gehören deswegen ins Stadtmuseum, das ja das Gedächtnis von Bad Tölz ist. Hier ist der richtige Ort, die Kleinodien sind in den besten Händen." Und Ingo Mehner fügt hinzu: "Wenn es um die Winzerer geht, sind wir in Bad Tölz immer emotional. Die Freude ist groß, dass die Funde nun ans Stadtmuseum gehen."

Derzeit befinden sich die Funde aus dem Winzerer-Grab allerdings noch im Landesamt für Denkmalpflege in München. Für Ende Februar ist aber geplant, dass Zuständige aus dem Amt nach Bad Tölz kommen, um den Transport in Boxen in die Wege zu leiten. Dann wird sich das Stadtmuseum auf die Suche nach Forschenden machen, die bereit sind, die Textilreste zu analysieren. Sollten diese Untersuchungen einmal abgeschlossen sein, könnten die Exponate im Stadtmuseum Bad Tölz ausgestellt werden. "Es kann sein, dass wir nicht alles ausstellen können. Stoffe sind sehr empfindlich, und dann ist es vielleicht besser, einige in unserem Depot fachgerecht zu konservieren. Damit sie nicht zerstört werden", sagt Hinterstocker.

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