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Wintersport im Wandel:Idealisten im Schnee

Pfiffiger Tüftler: Otto Mannheim hat die Pistenraupe am Beuerberger Skilift selbst konstruiert. Fürs Führerhaus griff er zu einer Isetta-Kabine.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Wie vielen lokalen Skiliftbetreibern fehlt dem Beuerberger Otto Mannheim zunehmend die Grundlage. Doch er kämpft für seine Leidenschaft

Auf Schnee baut der 83-jährige Otto Mannheim seit Jugendtagen. In Bad Tölz wuchs er auf. Damals radelte er im Winter etwa zehn Kilometer bis zum Brauneck, um mit den Skiern aufzusteigen. Die Bergbahn gab es noch nicht, sie wurde erst 1957 eröffnet. Eineinhalb Jahrzehnte später erfüllte sich Mannheim den Traum von der eigenen Aufstiegshilfe. Am Hang bei Beuerberg eröffnete er 1971 seinen Skilift. Doch gleich in der ersten Saison stand der Doppelschlepper still so wie im ganzen vorigen Jahr. Es hatte zu wenig Schnee. Jetzt braucht Mannheim noch zehn Zentimeter Schnee, um die Saison an diesem Samstag eröffnen zu können.

Laut einigen Studien sinkt die Schneesicherheit durch die Klimaerwärmung. Doch Mannheim will unbedingt weitermachen. "Es war immer ein Auf und Ab", sagt der gelernte Schlosser. Es habe gute und schlechte Jahre gegeben. Bislang reichte es, um die Kosten für die Schneekanone, die Pacht der Wiesen oder die TÜV-Prüfungen zu stemmen. Das geht nur, weil alle Angehörigen zusammenhelfen. Inge Mannheim unterstützt ihren Mann. Die beiden Töchter leiten eine Skischule, geben Kurse am Brauneck oder auf der Beuerberger Piste. "Wenn die Familie nicht zusammenhelfen würde, müssten wir sowieso aufhören", sagt Mannheim.

Das Engagement von Privatleuten eint alle kleinen Skiliftbetreiber in der Region. Doch die Zukunft ist ungewiss. Viele frühere Anlagen auf den Moränenbuckeln wie in Sprengenöd bei Eurasburg, Icking, am Straßberg bei Benediktbeuern oder an der Peretshofener Höhe sind längst abgebaut. Im vorigen Winter schloss der Wackersberger Buchberg-Lift. Wilhelm Baumgartner beendete den Skibetrieb endgültig. Für den Kauf von Schneekanonen fehlte ihm das Geld. Mit damals 67 Jahren fühlte er sich zu alt, um zusätzlich zum Gastronomiebetrieb weiterzumachen.

"Wir werden Anlagen verlieren"

Zur Zukunftsfrage des Wintersports werden die Finanzen. Von einem "Verdrängungswettbewerb" spricht Professor Karl Roth vom Institut für Natursport und Ökologie an der Sporthochschule Köln (SHK). Für kleine Lift-Betreiber stelle sich die "Generationenfrage", sagte er auf der Veranstaltung "Dein Winter. Dein Sport - regional" Mitte November im Tölzer Kurhaus. Diejenigen, welche die Anlagen aufgebaut hätten, müssten nun übergeben. Für kleine Betriebe sei es fraglich, wie sie ihre Lifte finanzieren könnten. "Wir werden Anlagen verlieren", sagte er.

Trotz Klimawandel sieht Roth für den Wintersport vorerst eine Zukunft. Die Anzahl der Freizeitsportler stagniert zwar, allerdings auf hohem Niveau. Laut Roth betreiben etwa 63 Prozent der Deutschen Wintersport. Um die sieben Millionen Alpinskifahrer gibt es in der Bundesrepublik. Diese Kernsportart ist für Roth unersetzbar. Die Wintersportler werden seiner Aussage nach aber "polysportiver". Das heißt, sie gehen zum Skilanglauf, auf Touren oder zum Rodeln. Die Zahl von etwa 20 Wintersporttagen im Freien sei dagegen gleich geblieben, ob die Saison nun länger oder kürzer dauere, so Roth.

Oft hängt der Skibetrieb aber von der künstlichen Beschneiung ab. Doch die Geräte sind teuer, eine Schneekanone kostet um die 30 000 Euro. Die vier Betreiber der Ötzlifte bei Kochel am See bräuchten für die 1,6 Kilometer Pisten mehrere davon. Das können sie sich nicht leisten. "Die Investitionskosten sind zu hoch", sagt Michael Krinner. Trotz des vorigen Rekordwinters in höheren Lagen standen ihre Anlagen zwischen 650 und 850 Höhenmeter aus Schneemangel still. Der Katastertechniker am Wolfratshauser Vermessungsamt nimmt sich Urlaub, um beim Liftbetrieb mitzuhelfen. 4500 Euro koste der laufende Betrieb pro Saison, sagt er. 2016 beanstandete der TÜV die Steuerung am 200 Meter lange Kinderseillift. 5000 Euro mussten die Betreiber aufbringen, um ihn wieder in Betrieb nehmen zu können.

Seine Aufgabe beschreibt Krinner als Hobby und Ehrenamt. "Da steckt viel Idealismus dahinter." So weit es gehe, erledigten er und seine Partner alle Reparaturen selbst. Ob es mit dem Betrieb weitergeht, entschieden sie von Jahr zu Jahr, berichtet er. Finanziell schwierig werde es aber, sollten zwei Winter komplett hintereinander ausfallen, räumt er ein.

"Der reine Skibetrieb ist ein Defizitbetrieb"

Mit ganz anderen Summen kalkulieren die Gesellschafter der Herzogstandbahn. 550 000 Euro investierten die Sparkasse Bad Tölz-Wolfratshausen und die Kommune Kochel am See im Vorjahr in neue Technik. Zusätzlich zur Pendelbahn gibt es noch einen Schlepplift am 1620 Meter hohen Fahrenberg. Doch ist der Herzogstand mit der 4,2 Kilometer langen Piste unter Skifahrern eher ein Geheimtipp. Das Gros der Gäste fährt ohne Skier auf den Gipfel - im Sommer zum Wandern. Im Winter steigen vermehrt Tourengeher auf. Dank der aktuellen Schneefälle kann der Schlepplift an diesem Samstag in Betrieb gehen. Für die Talabfahrt reicht die Unterlage ohne Schneekanonen nicht.

"Der reine Skibetrieb ist ein Defizitbetrieb", sagt der Kochler Bürgermeister Thomas Holz (CSU). Doch vor allem für die Einheimischen hielten die Gesellschafter am Skisport fest. Holz sieht den Herzogstand als Alternative für alle, die sich den Autostau auf dem Weg in größere Gebiete im Umkreis sparen wollen.

1994 hatten die Gesellschafter den alten Sessellift durch eine Pendel-Kabinenbahn ersetzt. Der Bau kostete umgerechnet etwa 4,85 Millionen Euro. Ob es sich lohnen würde, den Schlepplift zu erneuern, falls das nötig werden sollte, fragt er sich aber. "Wir müssten uns sehr gut überlegen, ob das noch dafür stände", sagt er.

Wie Bergbahn-Geschäftsführer Georg Findeisen schildert, machen die Skifahrer bis zu 20 Prozent aller Nutzer aus. Zugenommen hätten Schneeschuhwanderer, die zu Fuß aufstiegen und per Lift ins Tal führen, sagt Findeisen. "Es ist eine Kombination aus Naturerlebnis und Bewegung im Freien." Im Winter ist die Bahn nur in den Weihnachtsferien, zu Fasching und am Wochenende in Betrieb.

In Beuerberg hat sich Mannheim den Standort für seinen Lift ganz gezielt ausgesucht. Jahrelang hatte er die Umgebung beobachtet, bis ihm auffiel, dass an diesem Hang immer der meiste Schnee liegen blieb. Deshalb baute der Schlosser dort, betonierte die Fundamente für die Liftstützen selbst. Die Pistenraupe ist ebenso eine Eigenkreation. Fürs Führerhaus funktionierte Mannheim ein altes Isetta-Modell um, konstruierte den Rahmen bis zur Schneewalze selbst. Im Beruf arbeitete er für das Geretsrieder Unternehmen Heuss. Der Hersteller von Sesselbahnen und Skiliften wurde zur Jahrtausendwende verkauft.

Für seinen Schlepplift hat Mannheim vor fast 50 Jahren etwa 35 000 bis 40 000 Euro bezahlt. "Das war ein Haufen Geld damals", sagt er. Doch schon damals zeigte sich der Schnee als begeisterndes wie launiges Gut. Gleich in der ersten Saison blieb er nämlich aus. Der Lift lief aus Schneemangel keinen einzigen Tag. Vor ein paar Jahren hat Mannheim eine Schneekanone für 30 000 Euro angeschafft. In der Vorsaison lief das Gerät jedoch nicht. Es war einfach zu warm. Um in Beuerberg zu beschneien, braucht Mannheim mindestens fünf Grad minus. Bisher hat er auf der Piste auch nur einzelne schneearme Stellen beschneit. Acht Tage und damit viel zu lang würde es dauern, um den ganzen Hang mit der Maschine zu beschneien.

Tochter Claudia Mannheim bezeichnet den Lift als das "Baby" ihres Vaters. Zusammen mit ihrer Schwester würde sie den Betrieb gerne weiterführen. Auch weil er ideal für die Kinderkurse ihrer Skischule ist.